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Döbeln Glücksfall Betriebsnachfolger
Region Döbeln Glücksfall Betriebsnachfolger
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16:02 12.04.2018
Matthias Rentsch (l.) freut sich über den Zuwachs an Mitarbeitern, Kunden und Ausstattung, die er von Konrad Schuricht übernimmt. Der bleibt wichtiger Ansprechpartner in seinem Büro in Zaschwitz. Quelle: Sven Bartsch
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Zaschwitz

Handwerk hat goldenen Boden, sagt ein altes Sprichwort. Und es traf selten besser zu als in den vergangenen Jahren: Die Branche boomt, die Auftragsbücher sind voll, die Unternehmen kommen kaum nach mit der Arbeit – auch weil sich Fachkräfte immer schwieriger finden lassen. Gleiches gilt für Firmeninhaber, die mit Erreichen des Renteneintrittsalters Probleme haben, einen Nachfolger oder Käufer für den mühsam aufgebauten Betrieb zu finden.

Während in der Industrie laut Industrie- und Handelskammer Chemnitz in Sachsen mehr Kaufinteressenten als Betriebe zur Verfügung stehen, ist es im Handwerk gerade andersherum. Die Handwerkskammer Chemnitz geht von rund 6000 Betrieben aus, die in ihrem Bezirk bis 2025 einen Nachfolger suchen. Nur jeder fünfte Unternehmer wird auch einen finden (siehe Hintergrund).

„Es ist sehr problematisch: Einerseits sind keine jungen Leute da, die sich dazu bekennen, die das Risiko gehen wollen. Und dann ist es sehr schwierig, Bankkredite zu bekommen, um den Vorbesitzer auszuzahlen. Da sind 50 000 oder 100 000 Euro schon ein Problem“, sagt Jürgen Kirsten, Obermeister der Innung SHK Sanitär Heizung Klima Chemnitz und Umgebung, zu der auch 22 Döbelner Innungsbetriebe gehören.

Das hat auch Konrad Schuricht aus dem Großweitzschener Ortsteil Zaschwitz erfahren müssen. Er führte ab 1991 die 40 Jahre zuvor gegründete Sanitär- und Heizungsinstallationsfirma seines Vaters Arno Schuricht weiter. Schon damals war die Frage nach dem Fortbestand des Betriebs ein Problem. „Mein Vater hat die Firma 1951 gegründet. Zur Wendezeit war er 70 und ich arbeitete in der Planung als Projektant beim Baukombinat Leipzig. Ich stand vor der Alternative: Als Planer für ein Büro im Heizungsbau arbeiten oder ganz neu aufstellen“, erinnert sich der 66-Jährige.

Zwei Faktoren gaben zu dieser Zeit den Ausschlag dafür, das Unternehmen ab Juli 1991 unter eigenem Namen weiterzuführen: „Ich wollte auf keinen Fall arbeitslos werden und ich wollte nicht in den Westen gehen. Ich bin sehr verwurzelt in der Region Döbeln, seit 50 Jahren Mitglied beim SV Medizin Hochweitzschen, war bis zum vergangenen Jahr Vorstandsmitglied. Ich spiele heute noch bei den Alten Herren mit“, sagt Schuricht schmunzelnd.

Zudem stand dem Handwerk in den neuen Bundesländern damals eine goldene Ära bevor. „In der DDR gab es bis zum Ende kaum Öl- oder Gasheizungen. Die ganze Umbauarbeit kam ja auf uns zu“, berichtet Schuricht. Bis etwa 2002 hielt der Boom für sein Unternehmen an, das zwischenzeitlich auf acht Mitarbeiter inklusive ihm und seiner Frau Gabriele anwuchs. Danach behielten sie drei Monteure, die bis zuletzt für die Firma arbeiteten.

Nun stand wieder die Nachfolgefrage an, denn Konrad und Gabriele Schuricht wollen beide den Ruhestand antreten. „Wenn man über 60 ist, macht man sich schon seine Gedanken darüber“, sagt Schuricht. Acht bis zehn Jahre Vorlauf sollte man einer geordneten Übergabe einräumen, meint sogar Innungsobermeister Jürgen Kirsten. „Das mus man gut vorbereiten, auch steuertechnisch“, sagt er.

Seine drei Installateure hatte Schuricht zuerst gefragt, ob sie Interesse haben, die Firma zu übernehmen. „Mit zehn Jahren Berufserfahrung hätten sie den Betrieb auch ohne Meisterbrief führen können, aber es ist auch nicht Jedermanns Sache“, erzählt er. Auch ein Kaufinteressent sprang wieder ab. Leichter sei das, wenn man einen Sohn in der Familie hat, der für die Betriebsnachfolge in Frage kommt. „Ich habe zwar eine Tochter in der Branche, aber allein hätte sie es auch nicht führen können“, meint er.

So wie Schuricht es beschreibt, war das im Falle von Matthias Rentsch. Im März 2007 übernahm er die 1990 in Döbeln von Vater Reiner gegründete Firma Rentsch Haustechnik GmbH, nachdem dieser überraschend verstorben war. Die Gründungsgeschichte ist ebenfalls eine typische für den Beginn der 1990er Jahre: „Mein Vater war Meister für Heizungsbau in Döbeln. Er wollte schon immer selbstständig sein, aber in der DDR durfte er nicht. Sobald er konnte, hat er dann angefangen zu gründen“, erzählt Matthias Rentsch, der selbst im väterlichen Betrieb gelernt, Erfahrungen in den alten Bundesländern gesammelt und dann den Meisterbrief erworben hatte.

Anfang April sind beide Geschichten aufeinandergetroffen: Matthias Rentsch hat die Firma von Konrad Schuricht übernommen. Die beiden Firmenchefs kennen sich aus der Döbelner Gruppe der Innung SHK. „Wir sind 22 Betriebe hier in der Döbelner Region. Man kennt die Zusammensetzung der Firmen. Wir haben viele mit 55 bis 65 Jahren, denen das Problem noch bevorsteht“, sagt Konrad Schuricht. „Ich habe eben den Mut gefasst und Matthias einfach zwischen Tür und Angel angesprochen. Bei ihm hatte ich ein gutes Gefühl. Ich denke, er hat das Freischwimmen gelernt, nachdem er den Betrieb vom Vater übernommen hatte“, lobt er den 39-Jährigen.

Statt zehn hat seine Firma nun 13 Mitarbeiter. „Bei mir löste das ein spontanes Juchhu aus“, sagt er und lacht. „Das Problem ist, dass wir keine Fachleute mehr finden. Und jetzt habe ich gleich drei sehr gute Monteure dazubekommen und einen Kundenkreis, der sich hält.“

Groß ist auch die Freude bei Konrad Schuricht. „Ich bin sehr erleichtert. Da er über 20 Jahre jünger ist als ich, wird die Arbeit für unsere bisherigen Kunden gut fortgeführt und die Mitarbeiter kennen sich in der Region aus“, sagt er. Einen Plan B habe es nach der Anfrage an Matthias Rentsch nicht mehr gegeben. „Ich hätte vielleicht noch ein oder zwei Jahre drangehängt, aber dann die Firma zugemacht. Nervlich wird es einfach zu viel, auch wenn ich mich körperlich nicht beschweren kann“, sagt er.

Ganz in die Rente wolle er sich aber noch nicht verabschieden. Mindestens bis Jahresende will er noch das Büro in Zaschwitz aufrecht erhalten, vielleicht auch danach. „Ich denke von Jahr zu Jahr“, meint Schuricht. Langweilig werde es ihm auch als Rentner nicht: Im Innungsvorstand wolle er weiterarbeiten und sich wieder verstärkt dem geliebten SV Medizin Hochweitzschen widmen.

Matthias Rentsch, der neben Schurichts Mitarbeitern auch Fahrzeuge und Maschinen übernommen hat, will nun erst einmal mit der neuen Firmengröße arbeiten. „Ich hatte schon ein weiteres Übernahmeangebot, aber ich werde erstmal zwei Jahre abwarten, bevor wieder etwas Neues in Frage kommt“, sagt er.

An Angeboten dürfte es ihm auch dann nicht mangeln. Innungsobermeister Jürgen Kirsten schätzt, dass allein von den knapp 100 Installations-Betrieben seiner Innung in den kommenden fünf Jahren rund 15 Prozent auf Nachfolgersuche gehen werden. Hält die Entwicklung an, werden einige von ihnen keinen Interessenten finden und die Firmen von der Bildfläche verschwinden.

Hintergrund Unternehmensnachfolge

Das Problem der fehlenden Unternehmensnachfolger ist laut Handwerkskammer Chemnitz (HWK) ein typisch ostdeutsches. „In den Jahren nach 1990 gab es sehr viele Unternehmensgründungen. Die Nachfolgefrage stellt sich erst, seitdem die Generation der Gründer ins Rentenalter kommt. Seit etwa zehn Jahren ist die Nachfolgefrage ein Thema, sie wird es jedes Jahr mehr“, erklärt Kammersprecher Robert Schimke.

Das belegen die Zahlen: „Wir gehen für unseren Kammerbezirk – Stadt Chemnitz, Erzgebirgskreis, Landkreise Mittelsachsen, Vogtland und Zwickau - von 6000 Betrieben bis 2025 aus, die einen Nachfolger suchen“, sagt Schimke. Das ist etwa ein Viertel der Mitgliedsbetriebe der HWK Chemnitz. „Für jedes einzelne dieser Unternehmen steht die Frage, ob es übergeben werden kann oder vom Markt geht. Tendenziell finden Einzelunternehmen und kleine Betriebe mit geringem Betriebsergebnis schwerer einen Nachfolger“, meint Schimke.

Im Jahr 2017 haben 22 Prozent der aus Altersgründen abgemeldeten Betriebe einen Nachfolger gefunden – also etwas mehr als jeder fünfte. Aus Sicht der HWK ist das dennoch eine positive Bilanz „Das ist eine gute Quote, mit der wir bundesweit für den Wirtschaftsbereich Handwerk im Schnitt liegen“, sagt Schimke.

Dennoch wirbt er für mehr Übernahmen. „Eine Übernahme lohnt sich oft mehr und ist einfacher, als ein Unternehmen völlig neu zu gründen, weil etablierte Betriebe über eingearbeitete Belegschaften – was in Zeiten des Fachkräftemangels ein sehr triftiges Argument ist – , ausgestattete Betriebsstätten und über Bestandskunden verfügen. Dafür bietet die HWK Unternehmensbewertung, Finanzierungsberatung, Betriebsbörseund Vermittlung zwischen Übergeber und Übernehmer an. sf

Von Sebastian Fink

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