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Döbeln Harthaer jetzt Finne: Teure Brötchen und fleißige Sprachenlerner
Region Döbeln Harthaer jetzt Finne: Teure Brötchen und fleißige Sprachenlerner
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21:11 30.07.2012
Das Kennzeichen verrät, woher sie kommen: Michael Möbius wohnt zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern, Oliver und Katharina, in Kirkkonummi, nahe Helsinki. Während des zweiwöchigen Besuchs in der einstigen Heimat stand der Renault ab und an im Garten der Großeltern in Aschershain. Quelle: Gerhard Dörner

Ersteres hat geklappt. Der Lebensunterhalt jedoch kommt bis heute überwiegend ganz unmusikalisch zusammen. Er bringt Finnen seine Muttersprache bei. Das hilft Michael Möbius, seine teuren Brötchen zu verdienen.

Statt Musik- oder Deutschlehrer zu werden, zog es Michael Möbius nach seinem Studienabschluss 1989 in die Clubs um Zwickau und Umgebung. Die guten Zeiten waren da schon lange vorbei: "Bis zur Währungsunion haben wir gut verdient."

Nach der Wende hatte niemand Geld für Musik übrig. Am ehesten nachgefragt waren ihre Auftritte zuletzt in Österreich gewesen. Zwei Jahre probierten er und seine Kollegen der "Zwickauer Party Band" vergebens. Neben seiner Tätigkeit als Keyboarder arbeitete er in einem Musikladen und trug Zeitungen aus, um seine Existenz zu sichern. 1991 schließlich verschaffte ein Bandkollege Möbius und den anderen Mitgliedern Arbeit in Finnland.

Seine deutsche Ausbildung und seine Muttersprache wurden dort zu seinem Standbein. "Die Finnen sind fleißige Sprachenlerner", sagt der 46-Jährige. Immer wieder ist er seit Jahren unter anderem als Deutschlehrer für die Universität und die Fachhochschule in Helsinki tätig. Trotzdem: Schwierig sei es immer, als freischaffender Dozent Arbeit zu finden. Und im Hochtechnologie-Land Finnland zu überleben.

Als Beispiel dafür, dass es zudem ein Hochpreis-Land ist, führt er das Bier an: drei Euro pro Flasche, sagt er kopfschüttelnd und verzieht beim Gedanken an den Geschmack das Gesicht. "Bisher sind wir immer über die Runden gekommen", erklärt der aufgeschlossene Mann. Seine Frau, gebürtige Finnin, arbeitet in der Pflege von Behinderten. Michael Möbius führt nebenbei eine Firma, die im Internet Grammatik-Übungen anbietet. Viel Geld lasse sich damit nicht verdienen. Aber das muss auch nicht sein. Seiner Bekanntheit als Dozent habe es geholfen. Und die Musik? An der hält Michael Möbius bis heute fest. Als Solokünstler tritt er ab und an noch auf, unter anderem in Theatern. Demnächst plant er eine Tour - zusammen mit einem finnischen Tenor. Möbius kann sich vorstellen, mit Filmmusiken und Filmschlagern auch vor deutschem Publikum aufzutreten. "Noch sind wir mit dem Programm und dem Marketing beschäftigt."

Zurzeit ist Möbius mit seiner Familie auf Heimatbesuch bei seinen Eltern in Aschershain. Etwa alle zwei Jahre machen sie sich von ihrem Wohnort Kirkkonummi nahe Helsinki auf - zu dem Ort, an dem Michael Möbius seine Kindheit und Jugend verbrachte. "Hartha wird immer schöner", findet er. "Auf dem Markt und an anderen Ecken hat sich viel getan." Während seines zweiwöchigen Aufenthaltes besuchte er Freunde und Bekannte in Hartha und auch ehemalige Zwickauer Studienkollegen. Außerdem hat die vierköpfige Familie Ausflüge unternommen - unter anderem nach Dresden und in den Harz.

In dieser Woche nun geht es, über einen kurzen Abstecher an die Ostsee, wieder zurück nach Finnland. Bald die Hälfte seines Lebens hat der gebürtige Aschershainer dort verbracht. Und dennoch: "Sachse bleibe ich immer." Im Vergleich zu den - Klischee hin oder her - eher zurückhaltenden Finnen, sei er sehr direkt. "Probleme hatte ich damit bisher nicht."

Seine Kinder, Katharina (11) und Oliver (10) stehen eines Tages vor der Wahl: Zu ihrem 18. Lebensjahr können sie entscheiden, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihres Vaters, oder die finnische annehmen wollen. Noch tragen sie offiziell beide. Und auch sprachlich werden sie für beide Nationalitäten gerüstet. Zu Hause wird deutsch gesprochen.

"Die beiden sind laufende Wörterbücher", sagt der Vater stolz. Sachse, da ist sich Michael Möbius ganz sicher, bleibt er nur im Herzen. Mehr als hin und wieder einen Besuch bei den Eltern wird es nicht geben. Eine dauerhafte Rückkehr ist ausgeschlossen.

Wo sind all die Harthaer hin? - Fragt die DAZ und hofft auf ihre Unterstützung! Kennen Sie gebürtige Harthaer, die weggegangen sind - aus Hartha, aus Sachsen, vielleicht sogar Deutschland? Die DAZ ist auf der Suche nach den spannendsten Geschichten von ehemaligen Harthaern. Warum haben sie ihren Heimatort einst verlassen? Was haben sie in der Ferne gefunden? Und wie stehen die Chancen auf eine Rückkehr? Wenn Sie so jemanden kennen und den Kontakt vermitteln können oder wenn Sie, wie Michael Möbius, gerade als Exil-Harthaer zu Besuch in der alten Heimat sind, dann melden Sie sich mit Ihrem Namen und Ihrer Telefonnummer unter "k.schultz@lvz.de".

Katharina Schultz

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