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Heimatgeschichte: Eine Zeitreise auf einer längst vergessene Schmalspurbahnstrecke

Heimatgeschichte: Eine Zeitreise auf einer längst vergessene Schmalspurbahnstrecke

Die ehemalige Schmalspurbahnstrecke von Mügeln nach Döbeln hat eine Geschichte, die man vor allem der jüngeren Generation nahe bringen sollte.

Der "Wilde Robert", als er noch übers Land fuhr. Der Chef des Mügelner Bahnhofs erzählte, ein Zugführer namens Robert habe eine rasante Fahrweise auf den Gleisen gehabt und sei einmal so schnell in den Bahnhof Mügeln hineingefahren, dass er übers Ziel hinausschoss.Archiv (2): Heinz Böhm

Döbeln/Mügeln. Von Heinz Böhm

 

 

 

Mein erster Anlaufpunkt war der Bahnhof Mügeln, wo heute noch regelmäßiger Zugverkehr zwischen Mügeln und Oschatz stattfindet. Nach Aussagen des Geschäftsführers der Döllnitzbahn ist dieser Bahnhof einmal der größte Schmalspurbahnhof Europas gewesen. Nach jahrelangen Verhandlungen, Festlegung der Streckenführung und den folgenden Baumaßnahmen fuhr am 21. August 1884 die erste Lokomotive mit zwei offenen Güterwagen, in denen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie verdienstvolle Bauleute Platz genommen hatten, von Döbeln nach Mügeln.

Am 31. Oktober 1884 war es dann endlich so weit: Der erste festlich geschmückte Personenzug mit geladenen Gästen fuhr unter großem Jubel der Einwohner an den Haltepunkten von Döbeln nach Mügeln. Damit war die Strecke eröffnet. Im Rathaussaal Mügeln fand eine würdige Einweihungsfeier statt. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof Mügeln längst ein wichtiger Knotenpunkt. Hier gab es Strecken nach Oschatz, Wermsdorf und später Nerchau-Trebsen. Mit seinen vielen Arbeitskräften war dieser Bahnhof damals der größte Arbeitgeber der Region. Die Schmalspurbahnen waren wichtige Transportmittel für landwirtschaftliche Produkte, Baumaterial, Kohle und Post. An fast allen Haltepunkten gab es Laderampen mit Nebengleisen, an denen die Güterwagen be- und entladen wurden. Im Herbst wurden von den umliegenden Bauern vor allem die Zuckerrüben zum Transport in die Zuckerfabrik Döbelnverladen. Nicht nur auf unserer neuen Strecke verwendete man scherzhaft den Namen "Rübenbahn".

Der erste Streckenabschnitt führte in einem Bogen durch das Gelände und überquerte am ehemaligen Gasthof "Zu den dreizehn Quellen" die Straße und verlief neben der Straße bis zum ersten Haltepunkt Lüttnitz. An dieser Stelle befindet sich heute die Bushaltestelle. Auf einem inzwischen fast zugewachsenen Fundament stand früher die kleine Wartehalle. Ein Anschlussgleis in unmittelbarer Nähe führte über die Straße zu einem Ton- und Klinkerwerk.

Weiter ging die Fahrt durch Felder und Wiesen bis zum Haltepunkt Görlitz, der später in "Schiebitz Nord" umbenannt wurde. Ein Anschlussgleis führte zum Grundstück eines Dr. Uhlmann, der Gutsbesitzer war und eine Kalkbrennerei betrieben hat.

Am Rande des Ortes führte die Strecke bis zum Bahnhof Schrebitz über eine Brücke, die heute nicht mehr zu sehen ist. Die alten Bahndämme rechts und links der Straße hingegen sind noch gut erkennbar. Schrebitz hatte ein massives Bahnhofsgebäude, welches noch ziemlich gut erhalten ist und als Wohnhaus genutzt wird. Einige Bahnhöfe betrieben ein Wirtshaus, so auch in Schrebitz. Der Gastwirt war gleichzeitig "Bahnmann". Auch die Fahrkarten wurden an der Theke verkauft. Es soll nach Kriegsende eine Verkaufsstelle in diesem Gebäude gegeben haben. Leider kam es im Jahr 1919, es war ein kalter Novembertag, zu einem der schwersten Eisenbahnunfälle in der Geschichte der Schmalspurbahnen.

Was war passiert? Ein aus Richtung Mügeln kommender Personenzug stand fahrplanmäßig am Bahnhof Töllschütz. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass die Züge auf der Strecke einige Steigungen und Gefälle zu überwinden hatten, so auch in Schrebitz. Der Personenzug stand zur Abfahrt nach Döbeln bereit, als auf dem gleichen Gleis ein Güterzug angebraust kam und frontal mit dem Personenzug zusammenstieß. Durch diesen Aufprall setzte sich der Personenzug in Bewegung und fuhr ungebremst rückwärts. Berichten zufolge sollen die Bremsen eingefroren gewesen sein. Durch das Gefälle wurde der Zug immer schneller, wodurch es dann auf der Brücke zum folgenschweren Unglück kam. Der Zug samt Lokomotive stürzte hinab.

Zugunglück bei Schrebitz

Es war ein Bild des Schreckens und der Verwüstung, so wurde berichtet. Es gab Tote und Verletzte. Warum der Güterzug auf dem gleichen Gleis ankam, auf dem der Personenzug stand, konnte ich nicht zweifelsfrei erfahren. Ein älterer Mann berichtete mir, dass sein Opa bei diesem Unglück ums Leben gekommen ist. Dieser hatte in Mügeln Besorgungen gemacht und war auf der Rückfahrt nach Döbeln.

An manchen Steigungen musste die Dampflok ganz schön "schnaufen", was auch scherzhaft zu dem Ausdruck führte "schieb a bissel, schieb a bissel, schieb a bissel". Töllschütz war die nächste Station. Das für den Bahnhof erforderliche Land gehörte zur Töllschützer Flur. Daraus resultierte auch der Name des Bahnhofes. Erst 50 Jahre später wurde die Station in Kiebitz umbenannt, weil dies der nächstliegende größere Ort war.

Weiter ging die Fahrt zum Haltepunkt Zaschwitz. An dieser Stelle erinnert nur noch die zugewachsene Streckenführung daran, dass mal ein Zug gefahren sein könnte. In Zaschwitz hielt der Zug nur, wenn Leute dort standen. Wer aussteigen wollte, musste sich beim Schaffner melden. Fahrkarten wurden im Zug verkauft.

Leicht bergab ging es nach "Tronitz". Diese Haltestelle erhielt erst größere Bedeutung, als nach Ende des Zweiten Weltkrieges die neugegründete BHG (Bäuerliche- Handels- Genossenschaft) Döbeln in Tronitz eine Niederlassung einrichtete. Nebengleise und Laderampen ermöglichten es den Bauern der umliegenden Dörfer, Be- und Entladearbeiten durchzuführen. In der Niederlassung fand auch der Verkauf von Baumaterial, Kohle und anderem statt.

Mit Volldampf geht es von Tronitz zum Bahnhof Mockritz-Jessnitz. Niemand in allen angefahrenen Orten vermag so viel über die Geschichte der Schmalspurbahn zu erzählen wie Erika Pflüster. Sie war sieben Jahre alt, als ihr Vater Max Gruhle den Gutshof direkt an der Haltestelle von seinem Vater Hermann Gruhle übernahm. Vom Gasthof aus wurden die meisten Bahngeschäfte abgewickelt, beispielsweise gab es die Fahrkarten an der Theke; eine Fahrt nach Döbeln kostete 80 Pfennige und nach Mügeln eine Mark.

Gepäck, Expressgut, Bezetteln der Waggons bei Zuckerrübentransporten und anderes wurden von der Familie Gruhle erledigt. Auch der Kohlehandel lag in ihren Händen. Vor einigen Jahren wurden bei Pflasterarbeiten im Hof noch Reste des Nebengleises entdeckt, auf denen die Kohlen transportiert wurden. Von kleinauf wuchs Erika mehr und mehr in die Aufgaben hinein. Als ihr Vater Max Gruhle nach Kriegsende nicht mehr zu Hause war, wurde Erika mit 17 Jahren für volljährig erklärt und ihr die Gewerbeerlaubnis zum Führen einer Gaststätte erteilt.

Das war zwangsläufig verbunden mit der Abwicklung der Bahngeschäfte, einschließlich des Kohlehandels. Es würde den Rahmen des Beitrages sprengen wenn nun alle Episoden, ob lustig oder traurig, hier aufgeschrieben würden. Sie erzählt von Schneeverwehungen, von steckengebliebenen Zügen, aber auch von Zugpersonal, das mit der letzten Rübenbahn noch ein Tänzchen im Saal mitgemacht hat. Erika Pflüster ist heute 83 Jahre alt und nach 66 Jahren anstrengender Arbeit ist der Bierhahn endgültig zu.

Am Bahnhof Döschütz gab es für die wartenden Reisenden eine Besonderheit. Zusätzlich zur Wartehalle für die kleinen Bürger wurde auf Anordnung von zwei Rittergutsbesitzern ein hölzerner Pavillon gebaut. Er war nur zum Aufenthalt für die obere Schicht, also für die Rittergutsbesitzer, gebaut. Es ziemte sich nicht, mit dem niederen Volk in einer einfachen Wartehalle auf den Zug zu warten.

Diesen Sachverhalt erzählte Frau Hanschmann und zeigte mir genau, dass der Pavillon beim Bau ihres Wohnhauses mit integriert wurde. Am Platz der hölzernen Wartehalle steht noch heute ein Holzmast, an den die Bahnsteigbeleuchtung befestigt war. Die alte Trasse ist zugewachsen.

In Gadewitz ist von einer früheren Haltestelle nichts zu sehen, aber die Strecke führte auch an einem Wirtshaus vorbei, welches von der Familie Lindner bewirtschaftet wurde. Der Zug überquerte in Gadewitz eine Straße. Mit einer Warnfahne wurde am Bahnübergang der Verkehr von der Großmutter von Frau Mehner, die jahrelang in Gadewitz gewohnt hat, geregelt, die gleichzeitig über ein Streckentelefon die Züge am nächsten Bahnhof ankündigte. Wenn am späten Abend die Rübenbahn als letzter Zug am Wirtshaus vorbeikam, wurde manchmal auf die Schnelle noch ein kühles Blondes getrunken. Heute wohnt in diesem Objekt eine junge Familie.

Bevor der Zug den Hauptbahnhof erreichte, wurden noch Gärtitz und Döbeln-Nord passiert. Gärtitz war ein wichtiger Umschlagsplatz. Von diesem Bahnhof ging auch die Strecke nach Lommatzsch aus, der Streckenverlauf ist noch genau zu erkennen. Der ehemalige Bahnhof in Gärtitz ist heute ein Wohnhaus. Der unmittelbar daneben stehende Gasthof mit Tanzsaal, in dem die Reisenden früher ihre Wartezeit verkürzen konnten, steht leer und sieht aus wie ein Geisterhaus. Am Bahnhof Großbauchlitz, später Döbeln-Nord, stehen noch zwei massive Gebäude, von denen eines als Wohnhaus genutzt wird. Der Bahnhof Döbeln-Nord war auf der gesamten Strecke der wichtigste Umschlagsplatz und auch Haltepunkt für die großen Züge von Chemnitz nach Riesa. Auf diesem Gelände wurde nach Kriegsende die neu gegründete BHG-Niederlassung Döbeln ansässig und wird heute von der BayWa genutzt. Züge halten hier nicht mehr.

Döbeln Hauptbahnhof, Endstation: "Bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier." Ob es allerdings damals so eine Durchsage schon gab, weiß niemand mehr genau. Auf jeden Fall gab es den Bahnhof Döbeln bereits seit 1868, als die Strecke von Leipzig nach Dresden eröffnet wurde. Durch den Bau der Strecke Chemnitz-Riesa und später die Schmalspurstrecken war der Bahnhof der wichtigste Verkehrsknotenpunkt unserer Region.

Aufgrund der immer geringer werdenden Zahl der Fahrgäste wurde 1964 beschlossen, den Personenverkehr auf der Strecke Döbeln-Mügeln einzustellen. Damit war eine 80-jährige Geschichte unspektakulär zu Ende gegangen. Der Güterverkehr ging bis 1967 weiter, fiel aber letztlich der Verlagerungen von Transporten von der Schiene auf die Straße zum Opfer. Damit ging ihre Geschichte unwiderruflich zu Ende. Geblieben sind Erinnerungen.

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