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Döbeln Helferkreis bietet seit zwei Jahren unbürokratisch Hilfe für Migranten in Hartha an
Region Döbeln Helferkreis bietet seit zwei Jahren unbürokratisch Hilfe für Migranten in Hartha an
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23:45 23.04.2018
Dauerbaustelle Asylpolitik in Deutschland (Symbolbild). Quelle: Foto: imago/Ralph Peters
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Hartha

Fast drei Jahre sind vergangen, als der Zuzug von Migranten und Menschen auf der Flucht nicht nur die Politik beschäftigte. Wurden damals verbal „Ströme“ und „Krisen“ entfesselt, ging es letztlich darum, Menschen für kurze Zeit aufzunehmen oder sie längerfristig zu integrieren. Ist dies gelungen? Darüber informierte sich jüngst der Kultur- und Sozialausschuss. Maik Klose, der für die Stadt zuständige Integrationskoordinator im Landkreis, hatte Zahlen parat und lobte, wie die Stadt und der Helferkreis, den neuen Menschen in Hartha begegnen.

Helferkreis seit zwei Jahren aktiv

In Kloses Zuständigkeit fallen derzeit 15 Migranten, die noch im Asylverfahren sind. Stefan Orosz, für Die Linke im Stadtrat, und Pfarrerin Susanne Willig schätzen, dass sich insgesamt rund 35 Personen in Hartha niedergelassen haben. Sie stammen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, dem Irak, Georgien oder Tschetschenien. Einzelpersonen, aber auch Familien mit schulpflichtigen Kindern, berichtet Willig. Sie und Orosz gehören zu besagtem Helferkreis. Er bildete sich vor zwei Jahren bei einer Versammlung im Rathaus. „Über die Jahre hat sich das dann verkleinert“, so Orosz.

Begegnungsort fehlt

Im Kreis sind derzeit nur rund zehn Aktive, die sich engagieren. „Menschen, die fast täglich gerade bei den Familien helfen“, sagt Willig. Noch mehr seien ansprechbar, wenn es um andere Dinge gehe. Sie leisten zumeist simple Alltagshilfe, wie Leute zum Arzt, Jobcenter oder der Ausländerbehörde zu fahren. „Man kommt faktisch mit dem Bus nach 19 Uhr nirgendwo mehr hin“, erklärt Orosz. Umso wichtiger wäre es, dass es in der Stadt einen offenen Begegnungsort geben sollte. Für Orosz ist es vorstellbar, ihn mit der Jugendarbeit zu verknüpfen: „Wenn man einen Jugendclub hätte, könnte das als Informations- und Anlaufpunkt parallel mitlaufen.“

Leben im Wartemodus

„Es gibt keinen Platz wie das Café Courage in Döbeln“, bestätigt Salman Khattak. Er stammt aus Pakistan. Für ihn war es in der ersten Zeit schwer, in Kontakt zu kommen. Obwohl er ein abgeschlossenes Studium hat, schützt ihn derzeit nur eine hier neu begonnene Berufsausbildung vor der Abschiebung. Im sechs Monatsrhythmus verlängert sich derzeit sein Aufenthalt – ein stetiges Abwarten.

Lange Asylverfahren behindern Integration

Die langen Bearbeitungszeiten im Asylverfahren, aber auch danach wurden auch im Kultur- und Sozialausschuss kritisiert. Ausschussvorsitzender Albrecht Günther (CDU) hält es für „unangemessen, dass die, die zu uns kommen und vielleicht irgendwann bleiben, nicht ohne Weiteres arbeiten können. Am besten kann man sich doch integrieren, wenn man einen Arbeitsplatz hat.“ Zudem erleichtere das Zusammensein mit anderen, Deutsch zu lernen.

Wegweiser durch die deutsche Bürokratie

Aber auch dabei hilft der Kreis: Schließlich ist Amtsdeutsch keine leicht verständliche Sprache. Sie füllen Anträgen mit aus, organisieren Anwälte, Dolmetscher – oder auch Einrichtungsgegenstände. Denn die Neubauwohnungen, in denen die Menschen unterbracht wurden, stachen durch eine sehr spartanische Einrichtung hervor, erinnert sich Orosz.

Neuanfang mit einfachem Mobiliar

„Blechschränke, wacklige Tische und Stühle niedrigster Qualität, keine Arbeitsflächen an den Spülen. Alles sehr karg, nicht einmal Rollos gehörten dazu“, zählt er auf. Abhilfe konnte auch da geschaffen werden. „Eine Schrankwand abgeben, das ging. Solche materiellen Dinge zu besorgen war einfacher, als dass Leute sich wirklich dauerhaft einbringen und auch Interesse zeigen, die Menschen kennenzulernen“, bemerkt Orosz.

Integration lebt vom Engagement Weniger

So sei die Last der eigentlichen Integration auf einige wenige Schultern verteilt, die sich über eine Mailingliste austauschen oder direkt in der Nachbarschaft finden. Die Angebote wie Begegnungsfeste oder gemeinsames Kochen, die es durch sie gab, stießen auf wenig Anklang bei den Alteingesessenen.

Stimmung hat sich etwas gewandelt

Spontane Angstäußerungen, wie sie Willig noch am Anfang der vermeintlichen „Krise“ befremdet haben, seien allerdings auch nicht mehr Thema: „Es ist nicht mehr so aufgeregt wie vor zwei Jahren.“ Eine „Normalisierung“, auch weil schlicht weniger Menschen kamen. Das habe aber nur bedingt dazu geführt, dass mehr Harthaer die Neuen kennenlernen wollten oder ihre Vorbehalte abbauten.

Ein Anfang ist geschafft

Trotzdem sieht Willig, dass etwas gewachsen ist, auf dem sie aufbauen wollen: „Beim Stadtputz wird konkret nach den ’Neuharthaern’ gefragt, es werden immer mal Möbel angeboten, der Bauhof hilft. Das hilft wirklich weiter. Und es helfen mehr, als im sogenannten Helferkreis vernetzt sind“, ergänzt sie.

Kommentar: Integration braucht keine Spalter

Es ist ein kleiner Kreis in Hartha, der das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin als das verstanden hat, was es ist: Als Aufgabe. Zugleich ist es eine Einladung: Teilzuhaben an diesem Wir. Das muss nicht nur Migranten helfen, mit uns zusammenzuleben. Sondern ein Land, das gesellschaftlich im Wandel ist, zukunftsfähig machen. Weil Überalterung droht. Dafür braucht es Menschen, die sich einbringen, auf andere zugehen, notfalls auch mal Vorbehalte zurückstecken. Es braucht sie mehr als Minister, die erklären, eine Religion gehöre nicht zu Deutschland. Um im Nachsatz hinterher schieben: Die Menschen, die ihr angehören, aber schon. Rein logisch erklärt das Aber den ersten Satz für überflüssig. Oder falsch. Vor Wahlen liest man ihn gern, auch weil er spaltet: Er ist ein Schlag ins Gesicht derer, die sich konkret – im Zwischenmenschlichen – um Zusammenhalt bemühen. Ähnlich die „Erklärung 2018“ von Unterzeichnern wie Uwe Tellkamp. Ganze zwei Sätze, die nichts erklären, sondern behaupten: Deutschland werde beschädigt. Das ist fern der Realität, wie sie Menschen, die anpacken und helfen, erleben.

m.niemann@lvz.de

Von Manuel Niemann

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