Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Holocaust – Schrecken aus der Kindheit
Region Döbeln Holocaust – Schrecken aus der Kindheit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:34 29.08.2017
Alodia Witaszcek Napierala wurde von den Elftklässlern des Lessing-Gymnasiums sehr herzlich aufgenommen.. Quelle: Thomas Sparrer
Döbeln/Leisnig

Der Namensgeber der Stiftung, ein Ordensbruder, hatte im KZ Auschwitz die Todesstrafe anstelle eines Familienvaters übernommen, der dadurch das KZ überlebte. Die Stiftung kümmert sich in ganz Europa um Versöhnung, hilft Opfern des Holocaust und hält mit den Zeitzeugen die Erinnerung an die Verbrechen des Holocaust wach.

Hellwach und aufmerksam verfolgten die Elftklässler der beiden Wahlgrundkurse Jüdische Geschichte am Lessing-Gymnasium die leisen Worte von Alodia Witascek Napierala. Die 79-Jährige schilderte detailreich ihr Schicksal. Als sie gerade fünf Jahre alt ist, wird ihr Vater, Mediziner und Wissenschaftler in Poznan, als einer der führenden Köpfe der Polnischen Heimatarmee verhaftet und mit 36 weiteren Untergrundkämpfern der Witascek-Gruppe hingerichtet. Die deutschen Besatzer verfolgen auch ihre Familien.

Als arisch eingestuft und adoptiert

Mutter und Großmutter landen in Auschwitz. Dort stirbt die Großmutter an Typhus, die Mutter überlebt. Die fünf kleinen Kinder kommen in ein Kinder-KZ im Ghetto Litzmannstadt (heute Łódz). Nach entbehrungsreichen Wochen werden Alodia und ihre zweijährige Schwester als arisch eingestuft. Sie bekommen deutsche Namen und landen in einem Gau-Kinderheim und zum Verein Lebensborn. Von einer kinderlosen deutschen Frau aus Stendal wird sie schließlich adoptiert. Ihre leibliche Mutter setzt 1947 alles in Bewegung, ihre Kinder wiederzufinden.

Als Zehnjährige kehrt sie schließlich zur Mama und den vier Geschwistern nach Polen heim. Doch die Heimat ist ihr fremd. Von anderen Kindern wird sie als Deutsche beschimpft. 1957 kann sie erstmals ihre Adoptivmutter in Stendal wieder besuchen. Heute ist die studierte Biochemikerin vierfache Großmutter und seit kurzem Urgroßmutter. Sie und ihre polnische Mama hielten ein Leben lang engen Kontakt zu ihrer deutschen Adoptivmutti.

Holocaust ohne Konzentrationslager

Überraschend klein ist sie, Henrietta Kretz, geboren 1934 in Deutschland aufgewachsen in der galizischen Hauptstadt Lemberg. Sie war noch viel kleiner, gerade fünf Jahre alt, als ihre Kindheit endet, in der sie alles hat, was ein Kind sich wünscht: liebende Eltern einen Hund, Freunde… Sie zählt zu den Überlebenden des Holocaust, die nie in ein Konzentrationslager kamen. Es wäre zynisch, zu behaupten, das fünfjährige Mädchen hätte Glück gehabt.

Noch während des Russland-Feldzuges wurden im Hinterland der vorrückenden deutschen Truppen jüdische Bewohner den Dörfern und Städten Polens zum Erschießen zusammengetrieben Aus dieser Zeit schildert die heute in Antwerpen lebende Henrietta Kretz ihre ersten Erlebnisse. Sie schildert sie so, wie sie es als Fünfjährige wahrnahm, reichert ihre Erzählung mit historischen Fakten an, grenzt diese genau ab von der Sichtweise eines äußerst aufmerksamen Kindes.

Von der Erschießung der Eltern weggelaufen

Und dann fallen solche Sätze: „Obwohl es hieß, die seien gefährlich, wollte ich unbedingt die deutschen Soldaten sehen. Groß, blond, blaue Augen, lachend und singend und in ihren Uniformen – ich konnte mir nicht vorstellen, dass so sympathische Menschen böse sein sollten.“ Es ist die einzige Stelle in ihrer Erzählung, in der sie Gefühle gegenüber „den Deutschen“ schildert.

Bis sie in Antwerpen bei einer Tante und einem Onkel aufgenommen wird, vergehen mehr fünf Jahre. Dazwischen erlebt sie nach einer Denunziation die Erschießung ihrer Eltern, die zuvor immer versucht hatten, sie zu beschützen. Im Frühjahr 1944 steht sie allein da: Nach Monaten des Versteckens in einem unterirdischen Keller werden die Familie sowie ihre Helfer verraten. Das Letzte, was das Kind von den Eltern wahrnimmt, ist das Rufen des Vaters, sie solle weglaufen. Aus der Ferne hört sie die Schüsse.

Sie gibt ihren Mantel weg für ein Neugeborenes

Das Kind wird mehrfach wie durch ein Wunder gerettet, ist als Achtjährige selbst Teil der Rettung eines neu geborenen Säuglings. Ohne Eltern, mit lauter Fremden im Gefängnis, gibt sie ihren Mantel her, damit der Kleine eingewickelt werden kann. Das erfährt Henrietta Kretz Jahrzehnte später aus einem Gedicht. Der Verfasser ist dieses damals neu geborene Kind. Das Detail mit dem Mantel hielt er fest, weil es ihn erzählt wurde: Ein kleines Mädchen gab ihren Mantel für dich…

Henrietta Kretz erzählt eine Holocaust-Geschichte, ohne menschliches Verhalten zu bewerten. Unter anderem ist es das, was ihre Darstellung gut zugänglich macht. Die Schüler der Leisniger Peter-Apian-Oberschule hören gebannt zu – auch länger als geplant. Die erste Frage aus den Zuhörerreihen handelt weder von Krieg noch vom Holocaust, sondern einfach nur: Wo blieben die anderen Familienmitglieder? Außer Henrietta hatte nur der Bruder ihres Vaters überlebt.

Von Thomas Sparrer, Steffi Robak

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die 28-jährige Roßweinerin ist an Leukämie erkrankt. Nun soll eine Stammzellenspende Heilung bringen. Um den passenden Spender zu finden, war die Bevölkerung aufgerufen, Blutproben abzugeben.

Mit einem ungewöhnlichen Aufbruchswerkzeug hatte sich am Freitagabend ein Unbekannter Zugang zu einer Wohnung in Döbeln verschafft. Der Sachschaden ist beträchtlich.

Tüchtig getankt hatte ein Renaultfahrer, der sich am Freitag selbst aus dem Verkehr gezogen hat.