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IG Modellbau Waldheim-Kriebstein: Schiffe, Panzer und Ritterburg in der Fleischerei

Porträt IG Modellbau Waldheim-Kriebstein: Schiffe, Panzer und Ritterburg in der Fleischerei

Enrico Hesse (43) und Andreas Baumbach (55) sind das Herz der IG Modellbau Waldheim-Kriebstein. In einer früheren Fleischerei bauen sie seit diesem Jahr mit anderen Mitgliedern und einer Jugendgruppe die anspruchsvollsten Modelle zusammen. Ihre Werke kommen sogar ins Museum. Mit ihrer Arbeit wollen sie anderen begeistern – und Vorurteile abbauen.

Ferrari, MAN, Ritterburg: Andreas Baumbach (l.) und Enrico Hesse haben jede Menge Modellbauarbeit auf dem Tisch in ihrer Werkstatt, die vorher eine Waldheimer Fleischerei beherbergte.

Quelle: Sven Bartsch

Waldheim. anches hören Enrico Hesse und Andreas Baumbach immer wieder von Leuten, die dem Modellbau skeptisch gegenüberstehen. „Zum Beispiel, man müsste dafür viel Geld haben“, sagt Baumbach. „Es gibt Bausätze, die kosten 20 Euro und es gibt welche für 120 Euro“, sagt er. „Oder sie sagen, es ist Spielen für Erwachsene“, fügt Enrico Hesse hinzu. „Dabei hat unsere Arbeit einen viel ernsteren Hintergrund. Zum Beispiel haben wir ein Diorama zu 100 Jahre Erster Weltkrieg für das Waldheimer Museum gebaut. Modellbau bedeutet Wissen. Man muss sich mit Geschichte und Technik beschäftigen.“ Auch, dass man besonders geschickt sein muss, um die kleinen Plastikteile ordentlich zusammenzufügen und anzumalen, sei nur ein Gerücht. „Den Kindern, mit denen ich arbeite, stelle ich am Anfang immer die Frage, welche drei Eigenschaften muss ein guter Modellbauer haben. Da kommen dann Sachen wie Geschick oder ruhige Hände. Stattdessen ist es nur Geduld, Geduld, Geduld. Alles andere kann man lernen“, sagt Andreas Baumbach. „Man baut ein Modell, macht es fertig. Dann das nächste und macht es wieder fertig. So erlangt man die Fertigkeiten“, erklärt Enrico Hesse.

Die beiden sind ein gutes Team, haben die IG Modellbau Waldheim-Kriebstein 2010 zusammen gegründet und versuchen seither in der Stadt das Interesse für ihr Hobby zu verstärken. „Wir haben zwei Schwerpunkte“, sagt Andreas Baumbach. „Einerseits die Öffentlichkeitsarbeit. Wir wollen bei öffentlichen Events unsere Arbeit vorstellen. Und die Jugendarbeit.“ Zwei 13-Jährige sind derzeit in der Interessengemeinschaft aktiv, die als Abteilung des Vereins Heimat- und Kulturfreunde Waldheim firmiert. Dazu sind mit Rainer Mittmann und Sebastian Brügmann zwei weitere erwachsene Mitglieder dabei. Zwischendurch waren sie schon mal zu zwölft. „Doch wir mussten aussortieren, weil einige nur Mitglied wurden, weil sie dachten, wir stellen ihnen hier ein Modell für 1000 Euro hin“, erklärt Enrico Hesse. Zwar kann die IG immer wieder spannende neue Modelle für die Mitglieder anschaffen, doch muss das Geld gut zusammengehalten werden. Erst zu Jahresbeginn konnte man überhaupt mit Hilfe des Heimatvereins – insbesondere des 2. Vorsitzenden Gerald Lässig – aus der privaten Bastlerwerkstatt von Enrico Hesse in die ehemalige Fleischerei an der Bahnhofstraße 72 in Waldheim umziehen. Wo einst Schnitzel, Hackfleisch und Co. über die Ladentheke gingen, stehen jetzt Regale voller fertiger Modelle und noch verpackter Bausätze und Tische mit trocknenden Einzelteilen, Farben Pinseln und Klebstoff. Vom Flugzeug über LKWs bis zu Schiffen und Panzern ist alles dabei. Die Waldheimer Wohnungsbau und Verwaltungsgesellschaft (WBV) unterstützt die IG durch die besonders günstige Miete.

Hier haben die beiden IG-Gründer Platz für neue Mitglieder, gern auch ein paar Frauen – einerseits, um eine größere Gemeinschaft Gleichgesinnter zu werden, andererseits aber auch um die Jugendarbeit vorantreiben zu können. „Derzeit könnten wir noch zwei Jugendliche verkraften, denn man muss mit jedem einzeln arbeiten. Wobei zwölf bis 13 Jahre die unterste Grenze ist“, sagt Hesse. Grundsätzlich könne jeder mitmachen und vorbeikommen, auch völlige Einsteiger.

Um mehr Interesse bei den Jugendlichen zu wecken, leitet Andreas Baumbach auch das Ganztagsangebot Modellbau an der Waldheimer Oberschule. Er selbst hat einst mit zwölf Jahren sein erstes Modell gebaut – ein Segelflieger – und kann sich gut in die Kinder und Jugendlichen hineinversetzen. Doch es war noch mehr, was ihn einst mit einem Flugzeug beginnen ließ. „Als Kind wollte ich Pilot werden. Mich hat alles interessiert, was fliegt. In dem Alter durfte ich noch nicht selbst fliegen, also habe ich mich für den Modellbau interessiert“, erzählt er. Allerdings wird der Modellbau in der DDR nur in Arbeitsgemeinschaften in der Schule gefördert, wo man die Jugendlichen unter Kontrolle hatte. „Darum bin ich zum Plastikmodellbau gekommen, weil man das auch zu Hause machen konnte“, sagt Baumbach. Ähnlich erging es Enrico Hesse, der zu DDR-Zeiten in einer Arbeitsgruppe war und und mit dem Segler „Pionier“ begann, bevor er sich Plastikflugzeugen und Autos zuwandte.

Die Interessen beim Nachwuchs haben sich seither kaum gewandelt. Das nächste Projekt, dass Andreas Baumbach mit den beiden IG-Nachwuchsjungs schon begonnen hat, ist eine Ritterburg aus dem Mittelalter. Er selbst hat sein kommendes Lieblingsprojekt schon im Schrank stehen: Ein russischer Amphibienpanzer – noch original verpackt – ist Andreas Baumbachs ganzer Stolz. Rund 1000 Stunden wird er damit verbringen, diesen zu bauen. Weil ihm die Gummiketten des Herstellers nicht gefallen, hat er sich sogar einen metallenen Bausatz mit hunderten einzelnen Gliedern dazu bestellt, um das Modell historisch korrekt darzustellen – grundsätzlich ein Ziel der Modellbauer, besonders bei technischem Gerät. Der passionierte Hobbyastronom, der seit 2010 an der Sternwarte Hartha tätig ist, interessiert sich seit jeher für Militärgeschichte und sieht hier den Modellbau oft in ein falsches Licht gerückt. „Man kann nicht gegen etwas sein, das man nicht kennt. Die Menschheitsgeschichte ist auch Militärgeschichte“, sagt er und Enrico Hesse ergänzt: „Baust du einen Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg, wirst du als Nazi hingestellt. Baust du eine Ritterburg, sagen alle, das ist aber schön.“

Echte Modellbauerträume verfolgen die beiden ebenfalls noch. Enrico Hesse arbeitet gerade an der Verwirklichung seines Ziels, des ferngesteuerten Motorbootes FB80 des italienischen Designers Fabio Buzzi mit zwei Elektromotoren. Andreas Baumbach würde dagegen einmal ein Modell des amerikanischen Flugzeugträgers Yorktown im Maßstab 1:72 bauen. „Das wäre dann etwa 2,50 Meter lang“, schwärmt er. Doch noch viel lieber würde er für die IG-Mitglieder einen 3D-Drucker mit Granulattechnik haben. „Das ist das Nonplusultra und für spezielle Kleinteile perfekt geeignet. Den würde ich sofort für den Verein kaufen, wenn wir denn das Geld hätten“, sagt der 55-Jährige. Doch auch hier werden die beiden findigen Tüftler wieder eine Lösung finden.

Von Sebastian Fink

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