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Im DAZ-Porträt: Torsten Fahs aus Zschaitz

Im DAZ-Porträt: Torsten Fahs aus Zschaitz

Auf dem Ölgemälde über seinem Schreibtisch umarmt eine Frau liebevoll einen Rollstuhlfahrer. Auf dem Tisch darunter liegen Informationsmaterial über Behindertenrechte und Weiterbildungskataloge.

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Lammrücken mit Knoblauch und Rosmarin, Bohnen im Speckmantel und Kartoffelgratin - das ist Torsten Fahs Leibgericht. Er kocht leidenschaftlich gern, am liebsten italienisch. Denn der 52-jährige Schulleiter ist Italien-Fan und liebt es besonders, Absatz und Sohle des italienischen Stiefels zu bereisen.

Quelle: W. Sens

Döbeln/Zschaitz. Wer den Diplompädagogen und Schulleiter der Fachschule für Sozialwesen, Fachrichtung Heilerziehungspflege der Döbelner Heimerer Schulen kennt, seine ruhige und überlegte Art schätzt, der würde in ihm eher einen Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistenden sehen, als einen, der als Offizier bei der Bundeswehr diente. Doch Torsten Fahs bildete bis zur Wende in Hannover unter anderem auch Wehrpflichtige aus. Wer ihn jetzt Befehle über einen Exerzierplatz schreien hört, irrt. "Leistung kann man nur abfordern, wenn man das Vertrauen der Menschen gewonnen hat. So habe ich das auch mit meinen Soldaten gehalten", sagt er.

Im Kirchenkreis Hannover-Nord arbeitet er als Jugendlicher in der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit. Und weil es in der Kirchgemeinde auch ein Waisenheim für körperlich und geistig behinderte Kinder gibt, die beim Gottesdienst irgendwie immer außen vor bleiben, macht sich der Jugendgruppenleiter Torsten Fahs Gedanken, wie er die Kinder einbeziehen kann. Damit sie auch etwas vom Gottesdienst haben. "Ich glaube, das war mein erster Impuls für Sonderpädagogik und Heilerziehungspflege", so Torsten Fahs.

Er kommt aus einem einfachen, nicht gerade begüterten Elternhaus und wollte Erziehungswissenschaften studieren. Die Bundeswehr bietet ihm dazu die Chance, das Studium zu finanzieren. Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde die heute nach ihm benannte bundeswehreigene Universität in Hamburg gegründet. Er wollte gebildete Soldaten aus der Mitte der Gesellschaft.

Torsten Fahs studiert Erziehungswissenschaften, Politikwissenschaften und evangelische Theologie. Für letzteres hat er sich durch seine Kirchenarbeit entschieden und durch den Pfarrer, der ihn konfirmierte und der später zu einem väterlichen Freund wurde.

Nach dem Studium folgen Ausbildung und Tätigkeit an der Offiziersschule des Heeres in Hannover. Er spricht mit Begeisterung von dieser Zeit und hat sie nie bereut:. "Ich wollte aber kein Berufsoffizier bis zur Pensionierung sein." Ein gewöhnlicher, stromlinienförmiger Soldat ist Torsten Fahs nie. Auf dem Rathausplatz in Hamburg demonstriert er in den 1980er Jahren gegen die Stationierung von Pershing-Raketen im Westen und gegen Atomkraftwerke in Deutschland. Doch er ist auch überzeugt, dass das Bundesverteidigungsministerium durch Universitäten, wie die Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg und bundeswehruntypische Studiengänge wie seine, auch kritische Offiziere hervorbringen wollte. Der Abschaffung der Wehrpflicht steht er gerade heute kritisch gegenüber. "Eine Wehrpflichtigenarmee kann niemals Staat im Staate werden und hat außerdem den Vorteil, dass selbst die konservativsten Offiziere sich am Zeitgeist der jugendlichen Wehrpflichtigen orientieren müssen." Auch ist sich Torsten Fahs nicht sicher, ob er seinen Eid als Bundeswehrangehöriger heute noch so leisten könnte: "Wir haben damals geschworen, unser Land und die Freiheit zu verteidigen. Fängt unsere Freiheit aber heute wirklich am Hindukusch an?", fragt er sich häufig.

1990 bricht Torsten Fahs zu neuen Ufern auf. Die private Beziehung ist in die Brüche gegangen. Die Wendezeit bietet neue Möglichkeiten. Mit den für ausscheidende Bundeswehrangehörige gebotenen Fortbildungsangeboten hat er sich im Anna-Stift des Diakonischen Werkes in Hannover praktisches Rüstzeug für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen erworben. Dann kommt der Ruf nach Sachsen. Torsten Fahs zieht nach Delitzsch, um hier beim Aufbau einer Bildungseinrichtung für Erwachsene mitzuhelfen. Hier sollen Arbeitslose umgeschult werden, unter ihnen auch ehemalige Offiziere der Nationalen Volksarmee. In kürzester Zeit bringen Torsten Fahs und seine Mitstreiter die Bildungseinrichtung der Euraka GmbH zum Laufen. Und sie läuft bis heute. Doch als es darum geht, die Schule als Franchisenehmer zu übernehmen und sich einzukaufen, steigt Torsten Fahs aus. "Das wollte ich nicht und ich hatte auch keine Mittel dafür. Ich wollte Heilpädagogik machen", erinnert er sich. Durch einen Kontakt und die Zusammenarbeit mit Friedrich Heimerer kommt er schließlich an die Döbelner Heimerer Sozialpflegeschulen. Zunächst unterrichtet er Ethik. 1994 wird er Leiter des Bereiches Heilerziehungspflege.

Auch privat funkt es. In einer der Klassen verliebt er sich 1992. Das Paar zieht in Roßwein zusammen. 1994 wird Claudia Hellmich seine Frau. In der Döbelner Nicolaikirche traut Pfarrer Reiner Landgraf mit Torsten und Claudia Fahs das erste Ost-West-Paar seit der Wiedervereinigung in Döbeln. 1994 kommt Sohn Elias zur Welt, 1999 sein Bruder Emanuel. Im Zschaitz-Ottewiger Ortsteil Goselitz errichten sich der Pädagoge und die freischaffende Künstlerin mit den beiden Kindern ihr neues Heim.

Beruflich bildet sich Torsten Fahs wie in seinem bisherigen Leben weiter. Er absolviert eine Ausbildung der Basalen Stimulation, einem pädagogisches Konzept, mit dem man Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen erreichen kann, obwohl sie sich eigentlich nicht artikulieren können. Nach einer Idee von Schulleiterin Dr. Susanne Hahn stellt er den Kontakt zur heutigen Patenschule im lettischen Jurmala her. Mittlerweile liefen seit 2002 vier Projekte in Lettland, die von den Döbelner Schülern begleitet wurden. 2013 ist der nächste Wissenstransfer mit Jurmala geplant.

Etwa 400 Heilerziehungspfleger hat Torsten Fahs in den letzten 20 Jahren für das Berufsleben fit gemacht und er gab ihnen auch Überzeugungen mit auf den Weg. "Wenn Kinder mit Kindern, die anders sind, zusammenkommen, gehen sie wie selbstverständlich miteinander um. Sie lernen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, nicht behindert zu sein und dass man sich gegenseitig unterstützen muss."

Und so fände er unsere Gesellschaft viel demokratischer, wenn Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen, ob materiell, gesundheitlich oder mit Migratonshintergrund, zusammenleben und ihr Leben gestalten könnten. Dann wäre das Miteinander selbstverständlich. Nichts wäre fremd und stieße auf Angst oder Ablehnung. Deshalb findet er es nicht gut, Menschen mit Behinderungen oder Ältere in speziellen Heimen unterzubringen. "Wir müssen dahin kommen, den Menschen zu zeigen, dass ihnen Selbstständigkeit Spaß macht. Behinderte Menschen sollen nicht immer nur darauf warten, dass andere auf sie zu gehen. Das ist der falsche Ansatz. Oder um es mit Maria Montessori zu sagen: 'Hilf mir, es selbst zu tun.' Aber oft verhindert das System, dass Menschen mit Behinderungen oder Ältere mit Pflegestufe wieder selbstständig werden, weil der Heimplatz nun mal da ist und die Pflegestufe Geld bringt." Für diese Thesen mögen ihn sicher manche Träger von Einrichtungen nicht. Doch er mag diesen Diskurs. "Schritte zur Inklusion" heißt deshalb auch der Heilerziehungspflegetag, zu dem die Heimererschule am nächsten Donnerstag ins Döbelner Kino einlädt. Es geht dabei um Akzeptanz und Teilhabe von behinderten Menschen an der Gesellschaft - und darum, wie man sie erreicht. Und genau dafür setzt sich Torsten Fahs seit 2008 auch als Mitgründer des Julius-Moses-Zentrums in Döbeln ein. Indem er die Heimerer Schulen mit ihren am Nachmittag ungenutzten Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen öffnet, sie als Treffpunkt für Inklusion nutzt und dabei für seine Schüler auch Praxis und Theorie vernetzt. Thomas Sparrer

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