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Im Döbelner Theater: Zu simpel, weil zugespitzt und reduziert

Im Döbelner Theater: Zu simpel, weil zugespitzt und reduziert

Auf der Bühne nur ein kleines Podest, das Gottlieb Biedermanns Wohnzimmer und seinen Dachboden anzeigt. Bald werden ihm freundlich blaue Fässer den Weg verstellen.

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Auf Tuchfühlung: Ralph Sählbrandt (erster Brandstifter), Michael Berger (Herr Biedermann) und Andreas Pannach (zweiter Brandstifter, v.l.).

Döbeln. Sollten sie wirklich Benzin enthalten? Obwohl in der Stadt immer wieder Feuer gelegt wird, will Herr Biedermann nicht glauben, dass er die Brandstifter unter seinem Dache beherbergt. Am Ende leiht er ihnen auch noch Streichhölzer. In messerscharfer Logik kann er sich einreden: Sie hätten doch selber welche, wären sie wirklich Brandstifter. Und wenn, dann hätte er sich durch mitmenschliche Gefälligkeiten ihre Freundschaft gesichert und sein Haus bliebe verschont-

Grenzenlos erscheint die unheilvolle Fähigkeit zur Verdrängung - und zeitlos, denn Frischs Parabel meinte wohl nicht nur die deutschen Bürger, als Hitler auf ihrer Schwelle stand. Regisseurin Katja Paryla hat den Text radikal gekürzt und als Clownsspiel inszeniert. Biedermanns rote Pappnase und seiner Gattin Körperpolster setzen die einschlägigen Signale. So schrill zugespitzt und zugleich reduziert, bleibt die Geschichte ausrechenbar, wird für mich geradezu simpel. Wie schön dagegen, wenn die Groteske einmal pausiert und es zwischen den Figuren "menschelt": Wie Herr Biedermann (Michael Berger) neben Ringer Schmitz auf dem Boden sitzt, sich unbehaglich abwendet, vom Brandstifter aber sacht mit zwei Fingern abermals auf Tuchfühlung gerückt wird. Oder wenn er wohlgefällig hört, wie seine Stammtischparolen die Mitbürgerschaft beeindrucken, und er dann wieder im rauen Tonfall des Chefs seinen Arbeitnehmer an den Anwalt verweist. Seine Gattin (Nancy Spiller) hat in diesem Hause wenig zu sagen. Da kommt ihren Händen der kraftvolle Korpus eines zirzensischen Ringers gerade recht. Das Dienstmädchen (Farina-Liza Tollewski) wirbelt durch die gute Stube, bei Gelegenheit auch in die Arme des Chefs und hat dabei noch berauschende Musik im Ohr. Den hausierenden Brandstifter spielt Ralph Sählbrandt mit zwei Gesichtern, sanft unterwürfig und aggressiv fordernd zugleich. Als zweiter nistet sich Eisenring (Andreas Pannach), gewesener Oberkellner im nun abgefackelten Hotel, bei den Biedermanns ein. Wie er den Leuchter zum Gänsebraten am nobel gedeckten Tisch anzündet, netzt er sich schon die Lippen - der Föhn draußen wird die Feuerwehr bald überfordern. Immer wieder unterbricht ein Feuerwehrchor (Julia Klawonn, Benjamin Hirt, Christian Weber) den verhängnisvollen Lauf. Mal schaut er von "draußen" auf das Geschehen, mal umkreist er die Figuren wie deren eigene, innere Stimme, die sie allemal überhören möchten. Die chorischen Verse sind als verfremdender Kommentar geschrieben - Autor Frisch war bei Brecht in die Schule gegangen. Auf der Döbelner Bühne erscheinen sie als bloße Doppelung der ohnehin schon verfremdeten Handlung. Weil so scharf zugespitzt, wird Biedermanns szenische Geschichte hier schon zu Jedermanns.

Trotz meines Einwandes: Am Ende zollte das Premierenpublikum der Theaterstunde respektvollen Beifall. Vielleicht hat der eine oder andere im Parkett denn doch die Erfahrung mit auf den Heimweg genommen, dass die nüchterne Bühne (Alexej Paryla) ein Spiegel war - unbestechlich und wahrhaftig noch in der konvexen Verzerrung. Roland Dreßler

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