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Döbeln Intimschmuck und Sport: Nacktkontrollen im Lehrerzimmer
Region Döbeln Intimschmuck und Sport: Nacktkontrollen im Lehrerzimmer
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23:00 04.10.2012

Das ministerielle Schreiben sorgte in den Elternabenden zum Schulstart für Be- und Entgeisterung. "Da möchte man doch auch mal Lehrer sein", greinte ein Vater, als die Sportlehrerin zitierte: "Für Schülerinnen und Schüler, die zum Zeitpunkt der ersten aktenkundigen Belehrung zu Beginn des Schuljahres 2012/13 bereits einen nicht beziehungsweise nur operativ zu entfernenden Gegenstand am Körper tragen, entscheidet der/die Schulleiter/in nach eingehender Gefährdungsbeurteilung, ob und unter welchen Auflagen für den/die Schüler/in eine gegebenenfalls eingeschränkte Teilnahme am Sportunterricht möglich ist."

In Döbeln wurden die praktischen "Hinweise zur Ausführung des Erlasses" in Belehrungen, Dienstbesprechungen und Elternabenden verlesen, diskutiert und gefürchtet. Lehrer sind verunsichert. Die praktische Umsetzbarkeit der ministeriellen Anordnung sorgt für Kopfschütteln. Zwar sei man sich der Notwendigkeit bewusst, dafür zu sorgen, dass Ketten und Ohrringe vor dem Sport abzulegen sind. "Das war schon immer so", erklärte der Leiter des Lessing-Gymnasiums Döbeln, Michael Höhme, den Eltern. Allerdings hat sich das Modebewusstsein der Jugendlichen auch in Bezug auf Körperstellen verändert, die mit Kettchen, Ringen oder Steckern verziert werden. Auch Schmuck, der nicht sichtbar ist, kann gefährlich werden und Verletzungen hervorrufen. Leibesvisitationen im Lehrerzimmer? Die geforderten "eingehenden Gefährdungsbeurteilungen" dürften Grenzen des Schüler-Lehrer-Verhältnisses überschreiten. "Ich möchte mir jedenfalls nicht vorstellen, das meine Tochter vor dem Sport durch die Nacktkontrolle muss", zeigte sich die Mutter einer 17-Jährigen erschrocken.

Siegbert Leimner, Sportlehrer am Döbelner Gymnasium, an dem über 800 Schüler lernen, kennt die Anordnung. Und versichert: "Ich mache keine Körperkontrollen. Wir können die Schüler nur belehren. Diese Belehrungen machen wir in den Klassenheften aktenkundig und wiederholen das halbjährlich", so Leimner. Es fehle den Lehrern an jeder rechtlichen Grundlage, die Schüler auf Intimschmuck zu kontrollieren, "das ist durch die Schulaufsicht klar ausgeschlossen", beruhigt Leimner. Was anderseits Lücken zwischen Theorie des Erlasses und der Aufsichtspflicht der Lehrer offenbart. Leimner: "Es gibt einen Widerspruch zwischen unseren Möglichkeiten bei den Kontrollen und den Forderungen des Kultusministeriums."

In der Dresdener Anordnung steht nämlich auch, dass sich die Unfallkasse Sachsen das Recht vorbehält, Regressforderungen "gegenüber den Verantwortungsträgern der Schulen zu stellen, sofern die Verletzung auf das Tragen von Schmuck zurückzuführen ist". Was die Lehrer unter gehörigen Druck setzt. Nicht alles an dem Erlass sei verwirrend. Siegbert Leimner: "Wir haben damit erstmals in der Deutlichkeit das Recht erhalten, uneinsichtige Schüler vom Schulsport auszuschließen. Das war nicht immer so. In den Belehrungen warnen wir auch davor, dass der Versicherungsschutz durch die Unfallkasse Sachsen entfällt, wenn sich trotz Belehrung darüber hinweggesetzt wird." Für bewegungsmüde Schüler eignet sich das Thema übrigens nicht, um vom Sportunterricht freigestellt zu werden. Der bedrohliche Schmuck muss entfernt werden. Wer sich dagegen wehrt, hat mit einer Sechs auf dem Zeugnis zu rechnen, schreibt das Kultus vor.

Die Schulleiterin der Harthaer Mittelschule Kerstin Wilde hat die Anordnung gelesen und kommt dieser auch nach. Auch sie kontrolliert die Schüler nicht selbst. Aber: "Letztlich trage ich die hoheitliche Verantwortung", sagt Kerstin Wilde. Ingrid Przewloka, Schulleiterin der Ostrauer Grundschule erklärte, dass in Elternabenden darüber gesprochen worden, aber Intimschmuck im Grundschulalter kaum ein Thema sei. Sie selbst stünde Regressforderungen der Unfallkasse gelassen gegenüber.

Thomas Lieb ©Kommentar

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