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Döbeln Das Geheimnis der unsichtbaren Kirschblüte
Region Döbeln Das Geheimnis der unsichtbaren Kirschblüte
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18:06 27.04.2018
Der in Dresden lebende japanische Künstler Yasushi Iwai stellt bis 22. August auf der Burg Mildenstein in Leisnig aus. Quelle: Sven Bartsch
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Leisnig

Die stete Wiederkehr des Motives mag irritieren: Ein graziles Mädchen, vielleicht eine Tänzerin. Als Porträt, sitzend auf dem Boden oder auf dem Stuhl, liegend oder stehend, in verschiedensten Haltungen. Der in Dresden lebende Japaner Yasushi Iwai zeigt ab Sonnabend auf der Burg Mildenstein seine Bilder. Die Ausstellung trägt den Titel „Sakura – Kirschblüte“.

Kein Blütenmeer, nicht einmal eine einzelne Kirschblüte, ist in Iwais Bildern zu entdecken. Diese haben ihr ganz eigenes Geheimnis. Quelle: Sven Bartsch

Alles, nur kein Blütenmeer

Weder ein Blütenmeer noch eine einzige Kirschblüte sind zu entdecken. Der verborgene Zusammenhang zwischen Mädchen und Kirschblüte erschließt sich erst mit Blick auf die japanische Kultur und ihre Symbolik. „In Japan hat Ästhetik viel zu tun mit Zeit, mit Vergänglichkeit“, erläutert Iwai.

Kirschblüte – Symbol des Vergänglichen

„Die Kirschblüte ist das Symbol dafür. Ihre Blütezeit ist kurz, ihre wunderbare Schönheit wie die menschliche Existenz vergänglich.“ So wie in der Musik sei die Schönheit des Tanzes ein Phänomen des kurzen Augenblicks. Hier liegt das verbindende Element von Tänzerin und Kirschblüte: Wie die Kirschblüte wirken die Mädchen zart, grazil, zerbrechlich.

So wie Kirschblüten wirken die Mädchen auf Iwais Bildern zart, grazil, zerbrechlich, und sind doch voller Kraft – wie Ballett-Tänzerinnen. Quelle: Sven Bartsch

Kraft bleibt unsichtbar

Dabei steckt in ihnen eine Kraft, die jedoch auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Die gleiche unsichtbare Kraft der wunderschönen, grazilen Kirschblüte widerspiegelt Yasushi Iwai in seinen gemalten und gezeichneten Tänzerinnen. Seine Werke zeigte er bereits in Deutschland und Japan.

Seit seiner Jugendzeit ist das vorrangige Motiv bei Iwais Malerei das grazile Mädchen. Quelle: Sven Bartsch

In Sachsen eher als Organist bekannt

In Sachsen tritt der 55-Jährige in der Öffentlichkeit eher als Kirchenmusiker in Erscheinung, spielt unter anderem in Roßwein, Tragnitz, in Schmannewitz oder Dahlen, wo die Familie seiner Frau Angelika lebt und kirchenmusikalisch verwurzelt ist. Sein Studium der Kirchenmusik, der Orgel, begann er als über 30-Jähriger in Deutschland. Bis zu diesem Zeitpunkt galt sein Interesse bereits sein halbes Lebens lang der bildenden Kunst – vorrangiges Motiv seiner Arbeiten: Das grazile Mädchen. Dabei habe er es als Jugendlicher nicht einmal gewagt, Mädchen zu malen, wie er gesteht.

Als Jugendlicher wagte es Yasushi Iwai nicht einmal, junge Frauen zu malen. Heute sind sie das Hauptmotiv seiner Kunst. Quelle: Sven Bartsch

Europäische Kunst in Japan hoch angesehen

Als Jugendlicher, in der Oberschule entscheidet er sich, künstlerisch zu arbeiten, besucht eine Kunst-Arbeitsgemeinschaft. Mit der stark europäisch geprägten Kunst schließt er früh Bekanntschaft: „Die europäische Kultur und Kunst genießt in Japan hohes Ansehen. Das Mädchen als klassisches Motiv spielt eine der herausragenden Rollen, neben dem Stillleben oder auch der Landschaft“, so Iwai. Sein Vater, ein Kunstliebhaber, sammelte Bilder.

Linien, Kurven, Schwünge, Farben – So wie eine Landschaft hat auch jeder menschliche Körper seine eigene Schönheit. Quelle: Sven Bartsch

Jeder Mensch hat seine eigene Schönheit

Landschaften und menschliche Körper als Motive weisen für Iwai Gemeinsamkeiten auf: Linien, Kurven, Schwünge, Farben bergen in sich das Potenzial höchster Schönheit. Die Malerei sei etwas sehr Stilles, woraus sich der Betrachter herauslöst, was ihn zu berühren vermag. „ Die Art, wie jemand posiert, sitzt oder steht, macht bereits den Menschen aus. So hat jeder seine eigene Schönheit“, schildert Iwai seine Sichtweise.

Wiederkehrendes Motiv trotzdem nicht „immer das Gleiche“

Trotz des wiederkehrenden Motivs handelt es sich bei den in zwei Ausstellungsräumen auf der Burg Mildenstein gezeigten Bildern also nicht um „immer das Gleiche.“

Der von der japanischen Insel Hokkaido stammende Künstler Yasushi Iwai stellt bis zum 22. August 2018 auf der Burg Mildenstein in Leisnig aus. Quelle: Sven Bartsch

Taufe für Familie nichts als pubertäre Rebellion

In dem damaligen Oberschüler Iwai weckt die Berührung mit der europäischen Kultur neben dem Interesse an der Malerei noch etwas anderes. Es beeinflusst seinen Lebensweg weit stärker, als es für den damals 15-Jährigen absehbar ist: Er lässt sich evangelisch-lutherisch taufen. Bei seinen Eltern, wie der Großteil der Japaner traditionell dem Shintoismus sowie dem Buddhismus verpflichtet, stößt das auf Ablehnung: „Sie glaubten, das sei pubertäre Rebellion oder ich wäre vielleicht verrückt geworden.“

Christentum in Japan selten und suspekt

Nur etwa ein Prozent der japanischen Bevölkerung sind Christen, zum überwiegenden Teil katholisch. Im 17. Jahrhundert gelangen Missionare nach Japan. Ihre Religion gilt als potenziell gefährlich: Die Abwendung der Menschen von der religiös motivierten Kaiserverehrung könnte die gesellschaftliche Stabilität untergraben. Zudem verbinden die Japaner die christliche Missionstätigkeit mit drohender Kolonialisierung, gegen die es sich zu schützen galt – insgesamt also kein guter Start für einen Teenager, der sich einer solchen Religion zuwendet.

Warum lebt der Mensch? Warum stirbt er? Auf diese Fragen haben die in Japan etablierten Religionen für Yasushi Iwai keine Antwort. Deshalb wurde er Christ. Quelle: Sven Bartsch

Mutter reagiert zutiefst besorgt

Vor allem bei Iwais Mutter erregt die Entscheidung des Sohnes tiefste Besorgnis. Sie sei auch diejenige gewesen, die ihm das mit viel Energie auszureden versuchte. Doch auf die für existenziellen Fragen - warum lebt der Mensch? Und warum stirbt er? - haben die in Japan etablierten Religionen mit ihren starr vorgegebenen, ritualisierten Handlungen im Tempel oder Schrein keine Antworten.

Reformation erschien revolutionär

Im Vergleich dazu erscheint dem Teenager die Reformation in Deutschland um die Person Martin Luther als revolutionär, mit der zentralen Aussage: Der Mensch hat immer die Freiheit, eine eigene Entscheidungen zu treffen für das, was er tut. „Das alles war für mich faszinierend.“

Fasziniert von Bachs Orgelmusik

Im Geschichtsunterricht hört Iwai zum ersten Mal von Martin Luther und der Reformation in Deutschland. Im Musikunterricht lernt er Musik von Johann Sebastian Bach kennen. „Von Beethoven, Brahms, Komponisten der Klassik und Romantik, findet man ohnehin Bilder und Büsten in jedem japanischen Musikzimmer. Doch als ich zum ersten Mal den Klang einer Orgel hörte, das war für mich sensationell.“

Am Klavier bald Gottesdienste begleitet

Bis zum 15. Lebensjahr überhaupt nicht musikalisch interessiert, beginnt der Jugendliche plötzlich wegen Bachs Musik Schallplatten zu kaufen – und das Pianospielen zu lernen. Nach kurzer Zeit begleitet er in seiner Kirchgemeinde die Gottesdienste am Klavier. Irgendwann schauen Mutter und Schwester bei den Gottesdiensten vorbei - wohl um sich zu vergewissern, ob der Sohn und Bruder dort gut aufgehoben sei.

Das klassische Motiv aus der europäischen Kunst begleitet den Maler bis nach Tokio und später nach Deutschland. Die Ausstellung auf der Burg Mildenstein in Leisnig läuft bis zum 22. August 2018. Quelle: Sven Bartsch

Aufbruch nach Tokio, um Kunstmaler zu werden

Mit 18 Jahren verlässt Iwai seine Heimat auf der Insel Hokkaido, um in Tokio ein anerkannter Kunstmaler zu werden. Er besucht eine Kunst-Schule, bildet sich autodidaktisch weiter. Da ist sein Malstil längst europäisch geprägt, mit Schwerpunkt auf dem klassischen Motiv: Das Mädchen. Die Kunst ernährt ihn nicht. So arbeitet er als Bäcker oder Hausmeister, wird von der Familie finanziell unterstützt.

Deutschlandreise mündet in Studium der Kirchenmusik

Eines Tages weiß Yasushi Iwai: In Tokio will er nicht bleiben. 1996, als 32-Jähriger, besucht er erstmals Deutschland und fasst dort Fuß - in der Musik. Die Reise mündet in ein Studium der Kirchenmusik im baden-württembergischen Esslingen. Er setzt es fort in Dresden. Dort lebt und arbeitet der zweifache Familienvater heute als freiberuflicher Maler und Kirchenmusiker.

Von Steffi Robak

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