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Döbeln Johannespassion wird zur existenziellen Jetzt-Erfahrung
Region Döbeln Johannespassion wird zur existenziellen Jetzt-Erfahrung
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11:55 14.03.2016
Amarcord in Polditz. Quelle: Gerhard Dörner
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Polditz

Es wird richtig eng in Polditz vor diesem Konzert: Auf den Straßen lotst die Feuerwehr die zahlreichen Besucher zu den wenigen noch vorhandenen Parkplätzen, in der Kirche müssen die Zuhörer zusammenrücken, damit alle Platz finden. Denn die einzige Aufführung einer Passionsmusik von Johann Sebastian Bach in der Region in diesem Jahr ist zugleich ein Höhepunkt, den niemand verpassen will – bilden doch die fünf Männer des Star-Vokalensembles „Amarcord“ den Grundstock der hier zu hörenden ausgesprochen kammermusikalischen Lesart der Johannespassion, für deren instrumentalen Part der junge Dirigent Andreas Mitschke das neu gegründete „Mitteldeutsche Jugendbarockensemble“ aus Leipzig verpflichtete.

Über kein zweites Thema können Bach-Forscher seit Jahrzehnten so vehement streiten wie über die Frage nach der historischen Größe jenes Chores, der dem berühmtesten aller Thomaskantoren zur Verfügung stand. Sicher ist nur: So groß wie der aktuelle Thomanerchor war er keinesfalls. Die gängige Mehrheitsmeinung geht von drei bis vier Sängern pro Stimmgruppe aus, wobei die Solisten aus dem Chor heraus sangen. Eine lautstarke Minderheit aber bringt immer wieder Indizien für ihre These an, dass Bach jede Stimme nur mit einem Solisten besetzte. Und vor einiger Zeit schließlich meinte ein Forscher, die Lösung des Problems läge im Doppelquartett.

Sei es, wie es sei: Jede Theorie muss sich an der Praxis beweisen. Und die Aufführung mit dem 17-köpfigen Chor, zu dem neben Amarcord, Anna Kelnhofer (Sopran) und Stefan Kunath (Alt) noch zehn weitere Sänger gehören, hat in Polditz den Praxistest bewiesen. Das Ergebnis zeigt nämlich, was der Vorteil dieser Besetzung ist: Einerseits ist Amarcord ein derart homogenes Ensemble, dass die übrigen Sänger sich ihrer Führung blind anvertrauen können. Andererseits sind die Fünf allesamt versierte Solisten, die ihren Partien (Holger Krause als voluminöser Pilatus, Daniel Knauft als lyrischer Christus, Wolfram Lattke als bravouröser Evangelist mit klaren Höhen!) auch eigene Akzente geben.

Dass die Ausgewogenheit darunter leidet, ist von Beginn an eingeplant. Wenn im Eingangschor insgesamt sechs kraftvolle Bässe singen, dann stülpt dies die Perspektive um, und aus dem Fundament werden tragende Säulen. Doch genau das will Mitschke am Pult. Denn damit auch jeder merkt, dass hier die ins Persönliche zielende Aussage des Leidensberichts Christi unterstrichen werden soll, greift er zweimal sogar zum Äußersten: Auch Evangelist Wolfram Lattke verstärkt im zentralen Choral „Durch dein Gefängnis“ und im Schlusssatz „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ den Chor. Die Johannespassion wird spätestens hier - weniger bei den überflüssigen Schlussworten des Pfarrers - zur existenziellen Jetzt-Erfahrung, die wirkliche Alle einbezieht, und für die die abschließende Stille die einzige richtige Antwort ist.

Von Hagen Kunze

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