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Döbeln Joyson Mockritz: „Zum längeren Streik sind hier alle bereit“
Region Döbeln Joyson Mockritz: „Zum längeren Streik sind hier alle bereit“
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16:05 18.01.2019
Hörbarer Protest vor den Toren von Joyson in Mockritz: Die Beschäftigten stemmen sich gegen die Werksschließung. Quelle: Sven Bartsch
Mockritz

Wir kämpfen um unsere Arbeitsplätze!“, „Soziale Verantwortung geht anders“ oder „Erst verkauft, dann verraten“, stand unter anderem auf Schildern, die die Streikenden am Freitagmittag vor dem Gelände ihres (Noch-)Arbeitgebers Joyson nach oben hielten. Sie zeigten die Stimmung der derzeit noch knapp 100 Köpfe starken Belegschaft, die bis auf einige Nachtschichtler fast vollständig zum ersten Warnstreik in der Geschichte des Betriebsstandortes gekommen war. Die Arbeit im Betrieb ruhte. Helfend kamen Mitarbeiter von Renz aus Döbeln und Frauenthal aus Roßwein in ihrer Freizeit dazu – insgesamt rund 80 Teilnehmer.

Streik bei Joyson iin Mockritz Quelle: Sven Bartsch

Aufgerufen hatte dazu die IG Metall-Geschäftsstelle Riesa, nachdem Joyson in Folge der Ankündigung der Werksschließung in diesem Jahr eine Gesprächsaufforderung der Gewerkschaft nicht beantwortet hatte. Überhaupt sei die Kommunikation mit den neuen Besitzern, die das Werk vom Vorbesitzer Takata im April 2018 übernommen hatten, schwierig, wie einige der Streikenden erklärten. „Die Ankündigung der Schließung war erstmal ein Schlag ins Gesicht. Da ist uns die Kinnlade runtergefallen. Erst hieß es, es soll weitergehen und dann plötzlich, die Anlagen sollen nach Italien verlagert werden“, sagte ein Mitarbeiter. „Es gibt keine richtigen Ansprechpartner im Betrieb. Alles ist schwammig“, meinte eine Kollegin.

Angst vor Repressalien

Den eigenen Namen nennen wollte aus Angst vor Repressalien wegen des zweistündigen Warnstreiks niemand. „Der Geschäftsführer und der Personalchef haben den Mitarbeitern bereits Konsequenzen angedroht, als sie hierher zum Streik gingen. Das ist schon unüblich, dass der Arbeitgeber das tut, bevor er mit uns spricht“, berichtete Willi Eisele, Riesaer IG Metall-Bevollmächtigter, der zusammen mit seinem Gewerkschaftssekretär Steven Kempe und einem Helferteam nach Mockritz gekommen war.

Eisele bekräftigte zugleich, dass Abmahnungen oder gar Kündigungen wegen der Teilnahme an einem gewerkschaftlich organisierten Warnstreik nicht rechtens seien. Jedes betroffene IGM-Mitglied erhielte Rechtsschutz durch die Gewerkschaft. Da bei Joyson laut Eisele 98 Prozent der Belegschaft dazugehören, stünden fast alle unter diesem Schutz.

Dass die Mitarbeiter, die am Donnerstagabend beim Übergang von Spät- auf Nachtschicht über den Warnstreik informiert worden waren, sich keines falls einschüchtern lassen wollen, zeigten sie lautstark. „Auch zu einem längeren Streik sind hier alle bereit“, sagte eine Mitarbeiterin kämpferisch.

Homann vor Ort

Diesen Ausblick bot auch der SPD-Landtagsabgeordnete Henning Homann, der für die erste halbe Stunde des Streiks vor Ort war. „Dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber unterschiedlicher Meinung sind, kann sein, aber nicht, dass nicht miteinander gesprochen wird. Hier geht es darum, seinen Job zu behalten. Und wenn das nicht geht, zumindest einen Sozialtarifvertrag zu bekommen. Sollte das heute nicht klar werden, werdet ihr in den nächsten Tagen weitere Veranstaltungen folgen lassen müssen“, rief er den Beschäftigten zu.

Trotz des hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades gibt es bei Joyson in Mockritz keinen Betriebsrat. Daher müssten Verhandlungen direkt zwischen Geschäftsleitung und der IGM Riesa stattfinden. Kommen diese Gespräche nicht, so Eisele, können die Mitglieder sich für weitere Streiks aussprechen. Die Zeit drängt. Schon im Juli sollen die ersten 40 Prozent der Belegschaft entlassen werden, weitere 50 Prozent im Oktober, der Rest zum Jahresende.

Kommentar: Guter Stil wäre ein Anfang in Mockritz

Wenn hart arbeitende Menschen um mehr Geld oder wie im Mockritzer Fall des Autozulieferers Joyson sogar um den Erhalt ihrer Jobs streiken, ist es als Betrachter von außen meist schwierig, die Position des Arbeitgebers gut zu finden. Es geht fast immer um Profitmaximierung auf dem Rücken der Beschäftigten. Joyson aber macht es nahezu unmöglich, die Firmenpolitik nicht zu kritisieren. Das liegt nicht allein an dem Fakt, dass das Unternehmen einen gerade erst aufgekauften Standort schließt und damit so etwas wie Marktbereinigung betreibt. Vielmehr ist es die fadenscheinige Erklärung, es gebe nun zu viele deutsche Standorte mit ähnlicher Produktion und Mockritz sei als kleinster eben fällig. Dabei ist er von den vier deutschen Betrieben der einzige ohne Betriebsrat oder Tarifvertrag, den man eben am leichtesten los wird. Dann spart man sich auch langes Verhandeln. Wenn dann noch verdienten Angestellten, die zum Teil seit der Betriebseröffnung 1996 am Standort arbeiten, „Konsequenzen“ angedroht werden, während sie zum Warnstreik gehen, sinkt die Sympathie gen Null. Hätte die Geschäftsleitung so etwas wie guten Stil – es wäre ein Anfang. Ach, eine kleine Kritik an der Gewerkschaft gibt es doch: Bei 98 Prozent Mitgliedern in der Belegschaft, hätte man in 22 Jahren durchaus einen Betriebsrat auf den Weg bringen können.

daz.ostrau@lvz.de

Von Sebastian Fink

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