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Kita, Bäckerei und Eisenbahnfreunde: Zu Besuch in Beicha

Dorfporträt Kita, Bäckerei und Eisenbahnfreunde: Zu Besuch in Beicha

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal rollte das DAZ-Reporterauto in das 140-Seelen-Dorf Beicha.

Der alte Haltepunkt der Rübenbahn, die 1970 eingestellt wurde, findet sich noch in Beicha.
 

Quelle: Sven Bartsch

Beicha.  Petrus hat es diesmal nicht gut gemeint. Dicke Tropfen schickt er vom Himmel, Beicha präsentiert sich in regennassem Grau. Erster Stopp beim Feuerwehrhaus. Ortswehrleiter Gunther Merzdorf, ein Mann mit kräftiger Gestalt und festem Händedruck, bittet in die ehemalige Traktorgarage, die weder Heizung, noch Wasseranschluss hat. Die Stadt versprach, ein neues Haus zu bauen. Wann sei jedoch unklar, so der 54-Jährige.

Die Stadt hat den Kameraden ein neues Feuerwehrhaus versprochen, sagt Wehrleiter Gunther Merzdorf

Die Stadt hat den Kameraden ein neues Feuerwehrhaus versprochen, sagt Wehrleiter Gunther Merzdorf.

Quelle: Sven Bartsch

Erst am Vorabend haben die Mitglieder eine Fettbrand-Übung simuliert. Danach wurde zusammen gegrillt. Eine kalte Bratwurst liegt noch einsam auf dem Rost. Der Feuerwehrchef deutet auf das große Gefährt, das fast die gesamte Garage ausfüllt. Erst im vergangenen Jahr tauschte die Ortswehr ihren Oldtimer von 1969 gegen das neue Auto. Das überzeugte gleich drei Beichaer, sich den Freiwilligen anzuschließen. Und die 22 aktiven Kameraden werden gebraucht. „Seitdem wir zu Döbeln gehören, haben wir mehr Einsätze“, sagt Merzdorf. Doch wie die meisten Freiwilligen Feuerwehren sind auch die Beichaer Mitglieder tagsüber fast nicht einsatzbereit, „weil unsere Leute alle auswärts arbeiten“, so der Chef.

22 aktive Kameraden gehören zur Beichaer Ortswehr

22 aktive Kameraden gehören zur Beichaer Ortswehr.

Quelle: Sven Bartsch

Am Dorfleben hat die Feuerwehr einen entscheidenden Anteil: Am 30. April organisiert sie das Walpurgisfeuer, in der Adventszeit richtet sie einen Weihnachtsmarkt aus. „Wir sind ein Dorf mit einem guten Zusammenhalt“, sagt Gunther Merzdorf. Auch Zugezogene würden integriert, zu vielen Familiengeburtstagen werde das ganze Dorf eingeladen, so der Feuerwehrchef. Ein Sportverein, ein Zimmermann und die Bäckerei beleben den Ort zusätzlich. Merzdorf ist nicht nur Chef der Feuerwehr, sondern auch Herr in der Backstube, in die er nun führt und in der es am Vormittag noch immer angenehm warm ist.

Bäckerei in vierter Generation

1891 eröffnete sein Urgroßvater hier eine Bäckerei. Merzdorf führt den Familienbetrieb in vierter Generation. „Ich bin von klein auf in der Backstube groß geworden“, erzählt er. Das Handwerk brachte ihm sein Vater bei, zur Wende machte er seinen Meister, seit 1998 ist er der Chef.

Merzdorfs Ur-Großvater eröffnete 1891 im Ort eine Bäckerei

Merzdorfs Ur-Großvater eröffnete 1891 im Ort eine Bäckerei.

Quelle: Sven Bartsch

Der Beruf mache ihm immer noch Spaß, betont er, aber „es werden einem immer mehr Steine in den Weg gelegt“. In diesem Jahr musste er neue Kassen kaufen, auch der Absatz sei mit dem zu DDR-Zeiten nicht mehr zu vergleichen. Heute kommen nur noch wenige seiner Kunden aus dem Dorf. „Die Jugend fährt in die Großmärkte“, klagt er. Merzdorfs Bruder klappert deshalb mit einem Verkaufswagen die umliegenden Dörfer ab. Und doch ist dem Chef klar: „Meine Kunden sterben nach und nach weg.“

Gunther Merzdorf übernahm die Backstube von seinem Vater

Gunther Merzdorf übernahm die Backstube von seinem Vater. Seine Kunden sterben langsam weg, klagt er.

Quelle: Sven Bartsch

Für so manchen aber ist der kleine Laden ein echter Geheimtipp. Selbst aus Dresden fahren einige extra nach Beicha, sagt Bäckersfrau Kerstin Löwe, die hinter dem Verkaufstresen steht. Nachgefragt sind vor allem alte Hausrezepte, besonders der gefüllte Nusskuchen, von dem jetzt ein Stück zum Probieren auf einem Teller landet. Während solche Klassiker nach wie vor gut gehen, habe er das Brot-Sortiment seit den Neunzigern angepasst, sagt Gunther Merzdorf. Heute verkaufe er häufiger Körnerbrot und Brötchen. „Die Leute wollen gesunde Sachen.“

Bäckersfrau Kerstin Löwe präsentiert den Klassiker des Geschäfts

Bäckersfrau Kerstin Löwe präsentiert den Klassiker des Geschäfts: den gefüllten Nusskuchen.

Quelle: Sven Bartsch

3000 bis 4000 Teiglinge schiebt der Bäckermeister an einem Wochenende in den Ofen. Um drei Uhr nachts geht es gewöhnlich los, Feierabend macht er morgens um zehn. Merzdorf sagt, er komme mit dem wenigen Schlaf aus, habe sich an das zeitige Aufstehen gewöhnt. Es sind die Nachwuchssorgen, die ihn umtreiben. Seine Kinder haben kein Interesse, das Geschäft zu übernehmen. Merzdorf hofft, dass er nächstes Jahr – nach fünf Jahren ohne Azubi – wieder einen Lehrling bekommt, der schon einige Praktika bei ihm absolviert hat. „Er ist richtig begeistert dabei.“ Vielleicht wird er den Laden eines Tages übernehmen.

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Bei einem Besuch in Beicha bekommen wir Einblicke in die Backstube, die örtliche familiäre Kita, die Kirche und einen alten Bahnwaggon.

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Bis zur Rente hat Gunther Merzdorf noch einige Jahre vor sich. Der Mittfünfziger ist in Beicha aufgewachsen. Als Kind sei es hier wunderschön gewesen, sagt er. In der alten Schule, die heute Vereinshaus ist, wurden damals Ferienspiele abgehalten. Merzdorf erinnert sich an Kämpfe gegen das Nachbardorf und Schlachten im Maisfeld. „Es war immer was los.“ Um die Jugend ist es heute ebenfalls nicht schlecht bestellt. „Es gibt wieder viele junge Leute, auch viele Kinder“, sagt Kerstin Löwe.

Dorfeigene Kita ist gut ausgelastet

Ein großer Vorteil für Eltern: Sie können ihren Nachwuchs in die dorfeigene Kita „Benjamin Blümchen“ bringen. Am Rande des Ortes toben die Kleinen herum, können draußen rutschen und klettern. „Wir sind eine kleine, gemütliche, familiäre Kindereinrichtung“, sagt Leiterin Anke Hamann. Gerade mal 21 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren werden hier gemeinsam von drei Erzieherinnen betreut. „Die Eltern schätzen die Größe der Kita“, so die 46-Jährige. Wichtig ist vor allem eines: Es geht raus in die Natur. „Wir sind bei jedem Wetter draußen, gehen zwei Mal pro Jahr mit dem Jäger in den Wald, pflegen ein eigenes Gemüsebeet“, zählt Hamann auf.

21 Kinder werden in der Beichaer Kita von drei Erzieherinnen betreut

21 Kinder werden in der Beichaer Kita von drei Erzieherinnen betreut.

Quelle: Sven Bartsch

Dass ein solch kleiner Ort eine eigene Kita hat, sei nicht selbstverständlich, sagt die Chefin und klopft mit der Faust auf den Tisch. „Der Bedarf an Plätzen war bisher immer da.“ In diesem Jahr steht noch ein Jubiläum ins Haus: Im Mai feiert die Einrichtung ihren 55. Geburtstag. Dann soll auch ein neues Konzept vorgestellt werden, das auf der Montessori-Pädagogik beruht. Details will Hamann noch keine verraten.

„Oma Funke“ ist das Urgestein des Dorfes

Weiter geht es den Berg hinab zu einem echten Urgestein des Ortes: Mit ihren 94 Jahren erfreut sich Helene Funke noch guter Gesundheit. Aufgewachsen im benachbarten Nelkanitz zog sie 1964 mit ihrem Mann nach Beicha, arbeitete erst in der Landwirtschaft, später 16 Jahre als Köchin im Kindergarten. Zu DDR-Zeiten gab es in Beicha nicht nur eine Kita, auch eine Schule und einen Konsum hatte der kleine Ort. Heute fährt zum Glück der rollende Supermarkt bis vor ihr Hoftor, erzählt die alte Dame. Ansonsten versorgt eine ihrer beiden Töchter die Seniorin, die inzwischen drei Enkel und zwei Urenkel hat.

Helene Funke erinnert sich noch gut an die Beichaer Tulpenfelder

Helene Funke erinnert sich noch gut an die Beichaer Tulpenfelder.

Quelle: Sven Bartsch

Jetzt holt „Oma Funke“, wie sie im Dorf genannt wird, eine Kiste mit alten Fotos heraus, wühlt sich durch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Eindrücke vom Dorfleben damals vermitteln. Sie erinnert sich noch gut – an den Zusammenhalt der Bewohner, an die Feiern im Ort, an Geburtstage, bei denen sich 40 Mann in ihrer kleinen Wohnstube drängten. Und an die letzte Fahrt der „schön herausgeputzten“ Rübebahn, die von 1911 bis 1970 Station in Beicha machte.

Ortschronist Reiner Geßner hat den Eisenbahnwaggon aufgemöbelt

Wer mal in einem Waggon von damals sitzen will, muss bei Reiner Geßner vorbeischauen. Der Ortschronist öffnet die Tür zu dem alten Güterwaggon aus den Dreißiger Jahren, in dem noch die Eisenringe, an denen das Vieh befestigt war, hängen. 2009 kaufte er den Wagen in Hainichen für 200 Euro, verlegte Elektrik und baute eine kleine Küche ein. Drinnen ist es ist mollig warm, ein Militärofen aus dem Zweiten Weltkrieg heizt den Wagen ordentlich ein, immer wieder legt Geßner Holz nach.

Ortschronist Reiner Geßner kennt die Geschichte der Beicher Tulpenfelder

Ortschronist Reiner Geßner kennt die Geschichte der Beicher Tulpenfelder.

Quelle: Sven Bartsch

Der 68-Jährige bewohnt einen schönen Vierseithof im Dorf, 20 Jahre lang rüstete er als Vertreter der Firma Takraf Tagebaue mit Maschinen und Technik aus. Jetzt als Rentner ist Geßner noch immer vielseitig interessiert, kann stundenlang Anekdoten aus der Beichaer Dorfgeschichte erzählen. Zum Beispiel die von der Eisenbahnlinie, die die Lommatzscher Region mit Döbeln verband. Es waren vor allem Zuckerrüben der Bauern, die seit 1911 per Bahn in die Zuckerfabrik nach Döbeln transportiert wurden und der Bahn ihren Namen verpassten. „3000 Reichsmark kostete der Bahnhaltepunkt in Beicha“, weiß Geßner und berichtet, dass nach 1945 auch viele Städter mit der Bahn aufs Land kamen, um Lebensmittel gegen Wertsachen einzutauschen.

Die Rübenbahn fuhr von 1911 bis 1970 zwischen Lommatzsch und Döbeln

Die Rübenbahn fuhr von 1911 bis 1970 zwischen Lommatzsch und Döbeln.

Quelle: Sven Bartsch

Geßners Großeltern waren beide Bahnarbeiter, sein Opa nahm ihn „als kleiner Stift“ mit zur Zugabfertigung.

An der Stelle, wo heute der alte Waggon an die damaligen Zeiten erinnert, standen früher das Bahnwärterhäuschen und der Fahrkartenschalter. Ein Teil der Schienen ist noch da, ansonsten ist kaum noch etwas zu erahnen von der damals so wichtigen Strecke.

Kirche mit besonderer Turmuhr

Abstecher in ein weiteres Kleinod des Dorfes: Die Beichaer Kirche wurde 1834 im Barockstil erbaut, nachdem der Vorgängerbau im Jahr zuvor abgebrannt war. Das Gotteshaus ist seither gut erhalten, der Altar erinnert mit seinen Säulen an einen griechischen Tempel. Wer die Besonderheit der Kirche sehen will, muss in den Turm hinaufklettern.

Die Turmuhr von Beicha ist ein echtes Unikat – wegen ihres besonderen Zifferblatts

Die Turmuhr von Beicha ist ein echtes Unikat – wegen ihres besonderen Zifferblatts.

Quelle: Sven Bartsch

Über knarzige Treppenstufen geht es nach oben zu jener Uhr, die Otto Fischer 1922 anfertigte und die lange Zeit zerstört war. Vor zehn Jahren ließen die Beichaer sie reparieren. Das Zifferblatt ist ein Unikat, weil die römischen Zahlen darauf waagerecht angeordnet sind, normalerweise sind sie immer der Mittelachse zugewandt. Zwei Mal pro Woche kraxelt ein Freiwilliger auf den Turm, um die Uhr aufzuziehen – echte Liebe zum Dorf.

Eine von ehemals zwei Glocken hängt noch im Turm der Kirche

Eine von ehemals zwei Glocken hängt noch im Turm der Kirche.

Quelle: Sven Bartsch

Eine Etage höher hängt noch eine von ehemals zwei Glocken, die jeweils zur vollen Stunde läutet. Das zweite Exemplar fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Der 400-Kilo-Koloss wurde damals einfach vom Turm geworfen. „Vielleicht bekommen wir irgendwann wieder eine neue Glocke“, hofft Reiner Geßner.

Von Gina Apitz

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Beicha
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