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Kleinbühne Kotte in Leisnig: Wo der Donner vom Blech kommt

Welt der Marionetten Kleinbühne Kotte in Leisnig: Wo der Donner vom Blech kommt

In Leisnig gründete die Familie Kotte vor fast hundert Jahren eine Kleinbühne. Nach den zwei Kriegen entfliehen die Besucher in der kleinen Welt der Marionetten ihrem entbehrungsreichen Alltag. Die Bühne ist längst Geschichte. Doch das Erbe wird gepflegt.

Gudrun Otto und Annemarie Reißmann betreuen das Puppenspielmuseum. Das gerahmte Foto zeigt „Unsern Kasper“, wie die Lieblingsfigur von Kotte und vielen Kinder genannt wurde. Der Kasper wurde ihm mit ins Grab gelegt.

Quelle: Sven Bartsch

Leisnig. Eine Welt der kleinen Dinge schlummert unterm Dach der ehemaligen Leisniger Nudelfabrik. Die Bewohner sind nicht größer als 20 Zentimeter, altertümlich gekleidet, liegen aufgereiht in kleinen Kartons oder hängen an ihren Marionettenfäden in kleinen Holzgestellen, als warteten sie darauf, zum Leben erweckt zu werden. Ein Meister darin war Heinz Kotte. In der alten Nudelfabrik verwahrt der Kulturbund Leisnig seinen Nachlass.

Gudrun Otto gehört wie Annemarie Reißmann zu jenen Mitgliedern des Kulturbundes, die diesen Nachlass hegen und pflegen. Sie öffnen den kleinen Raum unterm Dach, wenn Besucher vorbeischauen möchten. Die heute 74-Jährige Gudrun Otto erlebte als kleines Mädchen die Aufführungen der Kleinbühne. „Alle mochten besonders den Kasper. Mit der Stimme von Heinz Kotte sorgte er vor allem bei den Kindern immer für Spaß. Ich erinnere mich noch an seine Worte: Ei verpippsch nochmal.“ Ihre Lieblingsfigur sei eine Prinzessin gewesen, mit langem blonden Haar und einem hellblauen Kleid. Dass diese ebenfalls wieder unter den alten Marionetten auftauchte, habe sie sehr gefreut.

Sie hätte gern herausgefunden, zu welchem Märchen das Püppchen gehört. Gudrun Otto recherchiert, lässt alte Glasplattenfotografien reproduzieren, die sich ebenfalls in dem Nachlass befinden. Sie dokumentieren Bühnenbilder einschließlich der agierenden Marionetten. Eine Spur zur Rolle der blonden Prinzessin lässt sich nicht aufspüren. „Wahrscheinlich spielte sie in vielen Märchen mit“, lacht Gudrun Otto.

Heinz Kotte nutzt seine Spielfiguren in verschiedenen Aufführungen immer wieder. Manches ist eindeutig zu erkennen, wie Schneewittchen und die sieben Zwerge. Die Kulissen und die winzigen Requisiten baut und gestaltet er zum großen Teil selbst. Einiges wird er von seinem Vater Gustav, einem gelernten Dekorationsmaler, übernommen haben, denn der hatte die Kleinbühne 1918 begründet.

Der heutige Museumsraum, mit den etwaigen Maßen wie die einstige Kleinbühne in der Obermarktgasse 20, ist weitgehend originalgetreu eingeräumt. Annemarie Reißmann: „Es ist ein Glück, dass die Familie Andrä dem Kulturbund den Raum zur Verfügung stellt, damit wir dieses Kleinod heute der Öffentlichkeit zeigen können. Und es ist eine wunderbare Aufgabe.“ Besuch von Kinder sei besonders spannend. „Sie möchten gern alles anfassen, und das dürfen sie. Sie sind auch sehr vorsichtig. Es ging noch nie etwas kaputt.“

Die Bühne einschließlich Kulisse ist aufgebaut, davor die Holzbank der ersten Sitzreihe. Auf den Tischen unterm Fenster liegen und stehen Marionetten und kleine Requisiten, in einem Regal an der gegenüberliegenden Wand per Hand vollgeschriebene Regiebücher. Für Bühnenbeleuchtung und Geräusche, erzeugt von Ehefrau Frieda mit einfachen technischen Hilfsmitteln, gibt es detaillierte Anweisungen. Der Donner kann den Raum noch heute bedrohlich ausfüllen: Er kommt von einem großen Blech. Das Original scheppert heute noch wie einst.

In der fast hundert Jahre alten Kleinbühne arbeitet Kottes Vater Gustav zunächst mit sogenannten Schiebefiguren aus Sperrholz. Sein Sohn Heinz beginnt 1947 wieder mit dem Spielen. Ganz Leisnig erlebt die Aufführungen, nicht allein Märchen für Kinder, sondern auch Tannhäuser, Wilhelm Tell oder Dr. Faust für Erwachsene. Sowohl bei Gustav als auch bei Heinz Kotte – jeweils nach Ende des Ersten und Zweiten Weltkrieges - hat die Kleinbühne eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Ohne Fernsehen oder Kino entfliehen die Besucher kurzeitig in eine andere Welt, lassen die Sorgen der entbehrungsreichen Zeit draußen. In der kleinen heilen Welt in der Obermarktgasse 20 wird am Ende immer alles gut.

Für die Kleinbühne kommt 1952 das Aus in Form eines Schreibens der damaligen DDR-Kulturfunktionäre in Dresden: Die derartige Form von Kultur ist unerwünscht. Es folgt eine lange Liste mit Stücken, die Heinz Kotte nicht mehr zeigen darf, darunter Märchen. Stattdessen soll er zeitgemäße, sozialistische Stücke spielen. Im Museum zeigt ein Bühnenbildfoto, dass er dies zumindest versucht haben muss. Im Hintergrund der Szene prangt ein Banner mit der Aufschrift „Wir arbeiten für den Frieden“. Ob das Stück je zur Aufführung kommt oder wie die Zuschauer darauf reagieren, ist nicht bekannt. Im gleichen Jahr schließt sich der Vorhang der Leisniger Kleinbühne für immer. Die Marionetten, die Kulissen, die winzigen Requisiten verschwinden auf dem Dachboden der Obermarktgasse 20. Heinz Kotte nimmt seinen Beruf als Lehrer wieder auf. Wie Gudrun Otto berichtet, erinnern sich ehemalige Schüler der Gersdorfer Schule beim Museumsbesuch gern an ihn als Pädagogen und erzählen davon.

1998, nach dem Tod von Frieda Kotte, gelangen die Marionetten und alle anderen Dinge nach jahrzehntelangem Dachbodenschlummer ans Tageslicht, werden dem Kulturbund Leisnig übergeben. Die Idee zum Museum entsteht, Claus-Dieter Andrä stellt den Raum zur Verfügung. Dort kann alles gezeigt werden. Nur die Figur mit der Schellenmütze und den blanken Stiefeln fehlt, die alle „unsern Kasper“ nennen. Er wurde Heinz Kotte 1989 mit ins Grab gegeben.

Von Steffi Robak

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