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Leben auf der Bergkuppe: Zu Besuch in Hohenlauft

DAZ-Dorporträt Leben auf der Bergkuppe: Zu Besuch in Hohenlauft

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Diesmal fuhr das DAZ-Reporterauto nach Hohenlauft bei Roßwein.

Ortsvorsteher Heinz Martin ist heute bei Edith und Heinz Müller in Hohenlauft zu Besuch.

Quelle: Sven Bartsch

Hohenlauft. Der Wind pfeift durch die Dorfstraße, in der sich der Schneematsch türmt. Ein paar Pferde strecken neugierig ihre Köpfe über den Elektrozaun einer Koppel, eine orangefarbene Katze hinterlässt Samtpfötchenspuren im Schnee. Ansonsten herrscht Totenstille in Hohenlauft, einem kleinen Ort oberhalb von Niederstriegis bei Döbeln.

Eigentlich besteht das Dorf nur „aus ein paar Häusern auf der Bergkuppe“, sagt Heinz Martin, 72 Jahre alt, erst Bürgermeister, heute Ortsvorsteher. „Ein kleines Wohndorf, in dem nur noch ein paar Hanseln wohnen“, nennt er Hohenlauft und lächelt dabei. Genaugenommen aber ist das Dorf geteilt, einige Bewohner leben oben auf dem Hügel, der Rest unten an der Straße nach Niederstriegis.

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Viele Tiere und nur wenige Menschen trifft der Besucher in Hohenlauft. Wer klopft, den lassen die Bewohner aber auch in das heimische Wohnzimmer – und zeigen Fotos von früher.

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Zwei der „Bergbewohner“ bitten wegen des ungemütlichen Wetters hinein in die warme Stube. Heinz und Edith Müller (77) sind echte Urgesteine des Ortes. Das Ehepaar lebt in einem ehemaliges Fachwerkhaus mit niedrigen Decken, das wohl im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Heinz Müllers Großmutter wohnte damals hier.

Alte Aufnahmen aus Hohenlauft

Der heute 78-Jährige musste als Kind helfen, die Ziegen zu versorgen. „Ich habe mit dem Handwagen Gras über den buckligen Weg heraufgeholt“, erinnert er sich und zeigt ein schwarz-weißes Foto seiner Großeltern. Eine Hand voll weiterer Aufnahmen liegt auf dem Wohnzimmertisch. Sie zeigen Hohenlauft tief verschneit, eine Hochzeitsgesellschaft, den alten Gasthof, der schon viele Jahre geschlossen ist.

Der alte Gasthof war schon zu DDR-Zeiten geschlossen

Der alte Gasthof war schon zu DDR-Zeiten geschlossen.

Quelle: Sven Bartsch

1975 zogen Heinz und Edith Müller von Niederstriegis in das alte Haus nach Hohenlauft. Sie bauten neue Türen ein, rissen Wände heraus, krempelten das Gebäude nach ihren Vorstellungen um. Er arbeitete im Schlachthof in Roßwein, sie in der Baumwollspinnerei in Mittweida. In der Dorfgemeinschaft fühlte sich das Paar wohl, alle kannten sich. „Wir haben schöne Feste gefeiert“, sagt Heinz Müller. Meistens traf sich das Dorf bei einem Nachbarn im Garten, es gab Schwein am Spieß und manchmal fässerweise Bier. Heute sind die Bewohner älter, das Dorfleben ruhiger geworden. Feste werden meistens unten gefeiert, in Niederstriegis.

Von der Sandgrube zur Mülldeponie

Auch die unmittelbare Umgebung von Hohenlauft hat sich verändert: Ursprünglich wurde hier Sand abgebaut, vor allem 1935 während des Autobahnbaus Siebenlehn – Chemnitz. Eine Feldbahn brachte den Sand den Hügel hinunter, wo er per Dampflokomotive weitertransportiert wurde. „Nachdem die acht Meter dicke Sandschicht abgetragen war, wurde aus dem Loch eine wilde Müllkippe“, erklärt Ortsvorsteher Martin.

Die erste zentrale Mülldeponie der DDR gab es einst in Hohenlauft

Die erste zentrale Mülldeponie der DDR gab es einst in Hohenlauft. Heute ist das Gelände bewachsen.

Quelle: Sven Bartsch

Seit den 70er-Jahren wurde die alte Grube dann als zentrale Deponie genutzt. „Das war die erste geordnete Mülldeponie in der DDR“, weiß er. Hausmüll, Asche, Fäkalien – alles wurde bei Hohenlauft abgeladen und zum Teil verbrannt. „Es gab damals auch Deponiebrände, die sich ganz schwer löschen ließen“, erinnert sich der ehemalige Bürgermeister. Das Grundwasser wurde wöchentlich kontrolliert.

Die Mülldeponie

In der Grube 1 wurde auf einer Fläche von 2,4 Hektar von 1972 bis 1979 typischer DDR-Müll verklappt: Asche, Sperr- und Hausmüll. Insgesamt lagern hier 290 000 Kubikmeter Abfall. Die insgesamt acht Hektar großen Gruben 2 bis 4 wurden von 1979 bis 2005 mit noch viel mehr Abfällen befüllt: Etwa 1,4 Millionen Kubikmeter Müll lagern hier. Seit Juni 2005 ist es per Gesetz verboten, Restabfälle unbehandelt auf Mülldeponien zu lagern. Deshalb wurde die Hohenlaufter Anlage geschlossen.

Die Methangasanlage

Seit 2003 wird auf der Hohenlaufter Mülldeponie Methangas verbrannt, das beim Verrotten organischer Abfälle entsteht. Zum Teil wurde durch die Verbrennung auch Strom erzeugt, der ins Netz eingespeist wurde. Rentabel war dies jedoch nie. „Es ging in erster Linie darum, das Umweltgift zu beseitigen“, erklärt Uwe Krombholz von der Firma Entsorgungsdienste Kreis Mittelsachsen, die für die Deponie zuständig ist. Seit 2014 ist der Methangehalt so gering, dass eine Verwertung nicht mehr möglich ist. Das Gas wird nun nur noch abgefackelt – und damit das Klima geschont.

Die Solaranlage

2008 ließ der Landkreis Mittelsachsen auf einer Fläche von einem Hektar auf der Deponie eine Solaranlage errichten (Kosten: 1,6 Millionen Euro). Mit den 2000 Solarzellen erzielte der Landkreis -- je nach Sonnensscheindauer -- einen Jahreserlös von etwa 100.000 Euro.

Doch stinkt so eine Müllhalde vor der Haustür nicht furchtbar? Heinz Müller sagt, die Deponie habe ihn „nicht weiter gestört“. Erst als nach der Wende eine Kompostieranlage hinzukam, „da stank es oft erbärmlich“. Heinz Martin glaubt: „Heute sind die Nasen sensibler.“ „Früher gab es auf jedem Dorf Hasen, Schweine, Bullen und einen Misthaufen – daran hat sich auch keiner gestoßen.“

Proteste gegen den Geruch

Er erinnert sich, dass sich einige Bewohner nach der Wiedervereinigung gegen die Kompostierungsanlage erfolglos wehrten. Inzwischen ist die alte Deponie geschlossen, die Fläche mit Solarzellen bestückt. Heute wird der Müll in der neuen Anlage bei Hohenlauft nur noch gesammelt, gepresst und zur Verbrennung abtransportiert. Die Folge: Es stinkt nicht mehr. Doch auch gegen die neue zentrale Anlage hatte so mancher Hohenlaufter Vorbehalte. „Einige Bürger hatten Angst, dass die Müllentsorgung teurer wird und sich die Deponie vergrößert“, so Heinz Martin. Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. „Sie ist ein ganz patentes Ding geworden.“

Im Gespräch mit Heinz Martin, dem Ortsvorsteher von Hohenlauft

Im Gespräch mit Heinz Martin, dem Ortsvorsteher von Hohenlauft.

Quelle: Sven Bartsch

Es werde eben auch mal gemeckert im Ort, sagt der Ex-Bürgermeister. Ansonsten aber seien die Hohenlaufter „eine gemütliche Truppe, mit der man gut auskommt“. Als er vor Jahren im Ort das Amtsblatt verteilt, merkte er schnell, dass die Bewohner „ein kommunikatives Völkchen“ seien. „Komm doch mal rein auf einen Kaffee“, hieß es an fast jeder Wohnungstür. „Bei schlechtem Wetter habe ich fürs Verteilen 20 Minuten gebraucht, bei schönem Wetter dauerte das zwei, drei Stunden“, erzählt er und grinst.

Aus der Geschichte von Hohenlauft

Der Name Hohenlauft bedeutet wohl soviel wie „wo das Wild auf der Höhe aus dem Wald lauft“. 1394 wurde der Ort erstmals erwähnt, als adliges Lehengut des Amtes Frauenstein und Vorwerk im erzgebirgischen Kreis. Andere übliche Schreibweisen waren damals „Hohenlouft“, „Hoenluft“ und „Hamluft“. Das Dorf gehörte seit 1518 dem Kloster Altenzelle, 1664 dann zum Rittergut Gersdorf bei Roßwein. Heute leben noch etwa 40 Menschen in dem kleinen Ort, der inzwischen mit dem größeren Nachbardorf Niederstriegis zu Roßwein gehört.

Von Zeit zu Zeit feierten die Hohenlaufter ein Straßenfest, zum Beispiel auf dem Gelände von Werner Tietze. Im Jahr 2000 zog der dreifache Vater aus dem fränkischen Würzburg nach Sachsen. Die Familie betrieb zunächst Landwirtschaft auf dem ehemaligen Gutshof, der schon zu DDR-Zeiten für die Schweine- und Rinderzucht genutzt wurde.

Das Volksgut gelangt in Privatbesitz

1917 hinterließ der damalige Besitzer Carl Ernst Eulitz das Areal dem Staat, das nach 1945 als „Volksgut“ bewirtschaftet wurde. Auch wenn Tietzes die Landwirtschaft Stück für Stück abbauen wollen, ein paar Tiere leben noch auf dem Hof. Zwei Schweine grunzen im Stall, drei rote Katzen schleichen durch den Schnee, auch eine kleine Rinderherde und ein paar Hühner gibt es noch.

Ein paar Rinder leben noch auf dem Hof von Werner Tietze in Hohenlauft

Ein paar Rinder leben noch auf dem Hof von Werner Tietze in Hohenlauft.

Quelle: Sven Bartsch

Etwas verwildert zeigt sich das alte Gut noch heute. Als sie ankamen, kümmerte sich Werner Tietze zunächst um das Wohnhaus, erneuerte einige Dächer. Aber: „Es gibt noch viel zu tun“, gesteht der 54-Jährige. Anfangs beäugten die Hohenlaufter ihn – den „Wessi“ – etwas skeptisch, erzählt er. Doch nach und nach wurde der Kontakt enger. Tietze lud die Nachbarn öfter mal auf das Gut zu einem Umtrunk ein, dadurch lernte man sich kennen. Demnächst will er wieder zu einer kleinen Hausmesse einladen, ein Grund für das Dorf, zusammenzukommen.

In 20 Minuten ist man abends in Dresden

Eine zeitlang betreute Tietze mit seiner damaligen Frau Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen auf dem Gut. Heute hat er auf ein anderes Betätigungsfeld umgesattelt: Gemeinsam mit seinem Sohn baut er Zäune rund um Döbeln. „Wir umzäunen Häuser, bauen elektrische Schiebetüren und Briefkästen ein“, erklärt der Clemens Tietze die Aufgaben der Firma „Zaunteam Mittelsachsen“. Den 32-Jährigen stört die Abgeschiedenheit seiner neuen Heimat nicht: „Wenn man abends um zehn zur Disco fährt, ist man in 20 Minuten in Dresden“, sagt er. Die nächste Bushaltestelle sei auch nur zehn Fußminuten entfernt, bergab allerdings.

Clemens Tietze (32) und sein Mitarbeiter Daniel Nüesch (27) sind Teil des „Zaunteams“ Mittelsachsen

Clemens Tietze (32) und sein Mitarbeiter Daniel Nüesch (27) sind Teil des „Zaunteams“ Mittelsachsen.

Quelle: Sven Bartsch

Dort unten, im anderen Teil des Ortes lebt Günther Uhlemann. Wie die meisten Bewohner hat er mit den Dorfbewohnern im oberen Teil von Hohenlauft wenig zu tun. Der 87-Jährige wurde 1929 in Niederstriegis geboren, wuchs in dem Nachbarort auf. 1972 kaufte der gelernte Schmied das Einfamilienhaus von seiner Tante und baute es zu einem Zweifamilienhaus aus. „6000 Ostmark hat es gekostet“, erinnert er sich. „130.000 Euro haben wir damals reingesteckt.“ Ein Sohn und seine Schwiegertochter wohnen mit im Haus, der Senior pflegt seine Frau, die an Demenz erkrankt ist. Die Eiserne Hochzeit hat das Paar schon gefeiert. Uhlemann selbst ist geistig noch fit. Er fährt mit seinem Auto noch selbst einkaufen nach Döbeln.

Die Dame aus dem Bahnhaus

Nur ein paar Häuser weiter, direkt neben der Bushaltestelle, wohnt Christine Grünert, die gerade den Schnee vom Weg in ihrem kleinen, verwunschenen Garten kehrt. Die Rentnerin, die früher in der Roßweiner Diakonie arbeitete, hat wenig Kontakt zu ihren Nachbarn. Seit 26 Jahren lebt sie allein in dem ehemaligen Bahnhäuschen, das sie noch mit Kohle beheizt. „Damals war die Bahn noch da“, sagt die 65-Jährige und deutet hinter das Haus, dorthin, wo einst die Bahnstrecke zwischen Roßwein und Hainichen verlief.

Christine Grünert lebt in dem alten Bahnhäuschen von Hohenlauft

Christine Grünert lebt in dem alten Bahnhäuschen von Hohenlauft.

Quelle: Sven Bartsch

Züge fahren dort schon lange keine mehr, dafür herrscht vor Grünerts Haus im Sommer noch immer reger Verkehr. Radfahrer kommen auf dem Radweg direkt an ihrem Haus vorbei. „Das ist manchmal wie an der Autobahn.“ Und dann sind da noch die Lkw, die im Minutentakt an ihrem Haus zur Mülldeponie hinaufdonnern. An dem Lärm stört sich Christine Grünert indes nicht: „Allein im Wald will ich auch nicht wohnen.“

Von Gina Apitz

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