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Döbeln Leisnig und Luther: Stationen in Luthers Leben
Region Döbeln Leisnig und Luther: Stationen in Luthers Leben
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22:48 08.06.2018
Das Diorama zeigt den Massenauflauf, als Martin Luther in Worms eintrifft. Für möglichst authentische Kulissen reist Klaus Möser an historische Orte, misst Hausfassaden aus, studiert Fachbücher über Architektur. Vom Dioramenbau bis zum Bemalen der Zinnfiguren geschieht alles am heimischen Küchentisch in Mösers Wohnung. Quelle: Steffi Robak
Leisnig

Von den Mächtigen gehasst und am liebsten mundtot gemacht, von seinen Anhängern gefeiert und verehrt... Es geht um eine Art Medien-Star, wenngleich nicht um einen Netz-Rebellen heutigen Formates wie Julien Assange. Ein erklärter Ketzer aus dem Mittelalter ist demnächst im Stadtgut von Leisnig Protagonist einer in spannenden Bildern erzählten Geschichte. Luther. Der Hype um ihn muss ähnlich gewesen sein, sein Einzug in Worms ein krasses Ereignis mit einer Menge Schaulustiger. Dies und vieles mehr gibt es bald als Zinnfiguren im Leisniger Stadtgut zu sehen.

Klaus Möser aus Grimma gestaltet Lebensstationen von Martin Luther mit Zinnfiguren nach. Bestimmt sind diese für eine Ausstellung im Stadtgut von Leisnig.

Geschichte plastisch dargestellt

In Zeiten ohne Fernsehen und Video ist es schwer, sich ein Bild zu machen, wie das ausgesehen haben könnte damals. Luther muss gezwungenermaßen beim Kaiser in Worms antreten, wird auf dem Weg dorthin gefeiert und bejubelt. Bringt es dort dann nicht übers Herz, sich demütig vor der weltlichen Macht in den Schmutz zu werfen. Soll auf dem Heimweg gemeuchelt werden. Wird gerettet durch eine fingierte Entführung. Klaus Möser aus Grimma macht derartige Momente der Geschichte plastisch – im wahrsten Sinne des Wortes.

Lebensstationen aus dem Mittelalter

Er stellt die Szenen mit Miniaturfiguren aus Zinn in so genannten Dioramen nach. Knapp 30 dieser Rahmen bilden bald im Stadtgut Leisnig das Panorama über eine Zeit, in der vor einem halben Jahrtausend in deutschen Landen Geschichte geschrieben wurde. Gezeigt werden Luthers Lebensstationen, die ihn einerseits als Mann seiner Zeit zeigen, andererseits auch Schlüsselszenen zeigen, die Geschichte Schreiben.

Alles entsteht am Küchentisch

„Mir hat es das Mittelalter besonders angetan“, gesteht der 67-Jährige. Die Dioramen fertigt er am heimischen Küchentisch in Grimma. Seine Ehefrau habe viel Geduld mit ihm, sagt er lächelnd. Mittelaltermärkte – zeitweise organisierte er selbst welche – ließen ihn tief eintauchen in diese Epoche. Der gelernte Chemiefacharbeiter und Ingenieur ging nach der Wendezeit so weit, sogar ein Studium der Neuzeit zu absolvieren. Er studierte in Darmstadt.

Geschehen schildern wie ein Chronist

Erzählt er von seinen Zinnfiguren – was der bescheidene Mann sehr zurückhaltend tut - beginnen seine Augen zu leuchten. Dabei stellt er die Bilder in den Kontext der damaligen Zeit, als wäre er dabei gewesen und schildert das Geschehen wie ein Chronist.

Maßstabsgetreue Arbeit

Für die Konzeptionen seiner Darstellungen geht er sehr analytisch und korrekt vor, sowohl was die Ereignisse selbst anbelangt als auch die jeweilige Kulissen, wie die Hausfassaden in der Wormser Altstadt sowie den Dom im Hintergrund. Möser arbeitet maßstabsgetreu. Aus Pappe, Holz, Papier, Gips entstehen seine kleinen Welten. Alles richtet sich nach der unter Fachleuten geltenden Normgröße für Zinnfiguren von 30 Millimetern Höhe.

Bücher über Architektur und Anatomie studieren

Gebäude misst Möser aus, indem er an den Ort des Geschehens reist und sich dort die Häuser genau ansieht. Früher nahm er dafür seinen heute erwachsenen Sohn mit, stellte ihn in den Türrahmen. Alles fotografieren, zu Hause alles umrechnen und es wird gebaut. Für die nötige Authentizität beschäftigt er sich mit Kostümkunde, studiert Bücher zu Architektur oder Anatomie. Möser: „Ich habe mir nie so intensiv ein Pferd angesehen, bis ich eins für ein Diorama benötigte.“

Interesse gilt dem Alltag

Soldaten, Ritter, Könige, Kaiser interessieren ihn kaum. „Die sind bloß Kulisse, wenn es die Geschichte verlangt“, sagt er. Sein großes Interesse gilt dem Alltag der Menschen, Handwerkern, Händlern, Gewerbetreibenden. „Die bekamen noch mit eigenen Händen und einfachen Hilfsmitteln Dinge auf die Reihe, an denen wir heute scheitern.“

Schon an allen Schauplätzen gewesen

Die Dioramen mit seinen Zinnfiguren, die Möser jetzt nach Leisnig gegeben hat, zeigen den Lebensalltag von Martin Luther. An dem heute Lutherpforte genannten Portal des Klosters Erfurt, Luther und Katharina von Bora als Paar, die Disputation in Leipzig mit Dr. Eck, den Pilgerzug nach Rom, der Aufenthalt auf der Wartburg... Jeden dieser Schauplätze besuchte Möser persönlich – außer Rom.

Kulturbund Leisnig kauft alles an

Das nimmt er sich für dieses Jahr zusammen mit seiner Frau vor: Der Kulturbund Leisnig, der von Möser dessen persönliche Luther-Geschichte in Zinn ankaufte, hat dafür gesorgt. Dann hat Möser wirklich jede der Luther-Wirkungsstätten persönlich gesehen.

Wunderbarer Raum für Zinnsammlung

Ihn selber freue es sehr, dass seine Arbeiten in Leisnig eine dauerhafte Heimat bekommen und öffentlich gezeigt werden: „Welcher Zinnfigurensammler kann das schon von sich behaupten, so einen wunderbaren Raum für seine Sammlung zu bekommen.“ In den Jahren 1522 und 1523 besuchte der Reformator die Stadt auf dem Berge persönlich.

Nachhaltigkeit auch nach der Lutherdekade

Angekauft vom Kulturbund Leisnig, schlummern die Dioramen derzeit im Depot. Die Räume im zweiten Obergeschoss des Leisniger Stadtgutes benötigen noch eine Sanierung. Allein für den Ankauf der Stücke kommt Unterstützung von der Kreissparkasse Döbeln. Uwe Krahl vom Vorstand sagt: „Die Luther Dekade ist vorbei. Gerade deshalb liegt uns viel daran, dieses nachhaltige Projekt zu fördern.“

Dioramen-Serie einzigartig

Carla Lichtenstein, Vorsitzend vom Kulturbund Leisnig, weiß zu schätzen, dass Möser seine Arbeiten dem Verein in die Hände legt: „Diese Dioramen-Serie ist einzigartig.“ Damit ist ein grandioses Projekt für Möser abgeschlossen. Insgesamt 1500 Stunden habe er daran gearbeitet, etwa im Zeitraum von September 2014 bis August 2015.

Nächstes Projekt: Mittelalterliche Küchen

„Nach Luther konnte ich keine Zinnfiguren mehr sehen“, lacht er, doch das nächste Projekt hat er schon klar vor Augen: Er möchte mittelalterliche Küchen in Mitteldeutschland darstellen – schon aus persönlichem Interesse, denn eine Kochlehre hat Möser ebenfalls absolviert. Das ist jedoch schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Von Steffi Robak

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