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Döbeln Mehr als 200 Menschen nehmen an Mahnwachen für Döbelner Juden teil
Region Döbeln Mehr als 200 Menschen nehmen an Mahnwachen für Döbelner Juden teil
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22:43 09.11.2018
Über 200 Döbelner gedachten am 9. November an den 16 Stolpersteinen in der Stadt den jüdischen Bürgern Döbelns, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Quelle: Thomas Sparrer
Döbeln/Roßwein

Mit 80 weißen Rosen und weißen Kerzen gedachten am Freitagabend hunderte Döbelner am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht den jüdischen Einwohnern Döbelns die zwischen 1938 und 1945 dem Holocaust zum Opfer fielen. Auf zwei Routen liefen die Döbelner die insgesamt 16 Stolpersteine ab, die vor den Wohnhäusern von jüdischen Bürgern ins Pflaster eingelassen sind. Während die Teilnehmer die Steine blank polierten sowie Rosen niederlegten und Kerzen entzündeten, wurden die Biografien verlesen.

Breites Bündnis bringt viele Menschen auf die Beine

2007 wurden die ersten Erinnerungssteine in Döbeln gesetzt. Seitdem war es zumeist eine kleine Gruppe von Menschen, welche am 9. November an die jüdischen Schicksale erinnerte. Seit 2014 wurden die Döbelner Mahnwachen jedes Mal von Neonazis gestört. Das und die Tatsache, dass neben den jungen Leuten des Treibhausvereins und ein paar Christen der Stadt immer nur recht wenige Menschen an den Mahnwachen teilnahmen, ärgerte die Döbelner Physiotherapeutin Donata Porstmann sehr. Deshalb war sie am Freitag Teil des großen zivilgesellschaftlichen Bündnisses, dass die Döbelner zum Gedenken aufrief. Und der Ruf der Stadt Döbeln, der beiden Kirchgemeinden, des Lessing-Gymnasiums, des Theaters und des Treibhausvereins wurde gehört. Die Plätze im TiB des Döbelner Theaters reichten nicht. Mehr 200 Menschen aller Altersgruppen und Schichten waren gekommen.

Familienalbum gibt Opfern ein Gesicht

Michael Höhme, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums, gab den Döbelner Opfern des Holocaust ein Gesicht, indem er per Leinwand mit den Zuhörern im Fotoalbum der jüdischen Döbelner Familie Glasberg blätterte. 1999 hatte er die einzige Überlebende der Familie, Ruth Glasberg, in Döbeln getroffen und detailliert das Schicksal der Familie mit Schülern der Schule rekonstruieren können. Das Familienalbum stellte ihre Tochter Marie der Schule später aus dem Nachlass der Mutter zur Verfügung.

Im Kurs jüdische Geschichte und Kultur wird am Döbelner Gymnasium zum Thema geforscht und dokumentiert.

In einer dem Stadtmuseum gehörenden Wanderausstellung sind die mittlerweile gut erforschten Schicksale der jüdischen Döbelner dokumentiert. Diese war gestern im Theater zu sehen.

Würden sich die Menschen heute besser verhalten?

Döbelns Technischer Dezernent Thomas Hanns sagte in seinem Redebeitrag: „Wir können diesen an Mitmenschen begangenen Wahnsinn nicht ungeschehen machen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass kein Gras darüber wächst.“ „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist für ihn das wichtigste Leitmotiv und der wertvollste Satz im Grundgesetz. Spannend findet er als bekennender Christ die Frage: Wie würden sich die Menschen heute verhalten?

Dr. Lothar Beier, erster Beigeordneter des Landrates, mahnte zu zivilgesellschaftlichem Handeln, damit die Menschen nie wieder irgendwelchen kleingeistigen, selbst ernannten Heilsbringern hinterherlaufen. Berno Bloß, von der katholischen Kirchgemeinde, schämte sich, weil damals auch viele Katholiken einfach wegschauten. „Lasst uns nie wieder wegschauen“, mahnte er. Stephan Siegmund, Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde warnte, dass die Menge der Gaffer und johlenden Pöbler auch heute wieder unter uns sei. Er lud die Zuhörer zum Beten für die Opfer des Holocaust ein. Er selbst sang dazu ein hebräisches Gebet.

Roßweiner versammeln sich zu Mahnwachen

In Roßwein wurden die vier Steine der Familie Goldmann in der Mühlstraße 18 geputzt. Seit dem 12. November 2015 liegen die Steine dort und erinnern an die Geschichte der Roßweiner Juden, die dort lebten und ein Textilwarengeschäft betrieben. Zur Familie gehörten Mutter Magdalena und die beiden Kinder Rudolf und Dorothea. Vater Alfons Goldmann verließ Roßwein nach der sich verschlimmernden Ausgrenzung und Verfolgung und zog nach Leipzig. 1943 wurde er in Berlin mit der Begründung „Jude“ inhaftiert und anschließend nach Theresienstadt deportiert, wo er verstarb. An weiteren drei Stellen in Roßwein sind Stolpersteine zu finden – in der Nossener, der Dresdner und der Goldbornstraße. Von jeher werden die Mahnmale zum 9. November in einer gemeinsamen Aktion von Stadt, Kirche und Döbelner Treibhausverein gereinigt. Der Roßweiner Posaunenchor umrahmte das stille Gedenken auch gestern Abend wieder, dem viele Roßweiner in die Dunkelheit der Mühlstraße gefolgt waren. In der Winterkirche ging es im Anschluss weiter mit einer Andacht und ausführlichen Informationen zum jüdischen Leben in Roßwein. Für ihren Vortrag dazu hatte Sophie Spitzner vom der AG Geschichte des Treibhaus-Vereins auch noch einmal die Broschüre „Niemand kam zurück – Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945 “ mitgebracht.

Den jüdischen Döbelner von nebenan gedachten am Freitagabend mehr als 200 Döbelner bei einer Veranstaltung im Theater und bei den anschließenden Mahnwachen an den Stolpersteinen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten im gesamten Deutschen Reich unzählige Synagogen, jüdische Geschäfte und Friedhöfe wurden zerstört, Versammlungsräume, Wohnungen und Gebetsräume geplündert. Die Pogromnacht war weiterer Höhepunkt beispielloser Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden. Nach dem Ende der NS-Diktatur war auch in Döbeln das jüdische Leben gänzlich vernichtet oder vertrieben worden. Heute gibt es nur noch wenige Spuren, die Aufschluss über die ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger Döbelns geben.

Von Thomas Sparrer und Manuela Engelmann-Bunk

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