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Mit dem Stromschuh zum Nischel: Straßenbahn soll zwischen Döbeln und Chemnitz pendeln

Nahverkehr Mit dem Stromschuh zum Nischel: Straßenbahn soll zwischen Döbeln und Chemnitz pendeln

Von Döbeln oder Waldheim zum Weihnachtsmarkt nach Chemnitzer bis vor die Glühweinbude fahren – und das mit der Straßenbahn: An diesem Ziel arbeitet der Verkehrsverbund Mittelsachsen. Kommunalpolitiker in der Region Döbeln fordern in diesem Zusammenhang die Zugverbindung nach Dresden.

Der Nischel ist das Wahrzeichen von Chemnitz. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen arbeitet daran, das Chemnitzer Modell bis Döbeln auszuweiten. Dann könnten Reisende aus der Stadt des Riesenstiefels mit der Straßenbahn zur bronzenen Riesenrübe des ehemaligen Chemnitzer Stadtnamensgebers fahren.

Quelle: ZB

Döbeln/Chemnitz. Döbeln hat eine Pferdebahn. Und vielleicht bald auch eine elektrische Straßenbahn. Diese könnte im Zentrum halten und bis Chemnitz über Waldheim und Mittweida fahren – auf den bestehenden Eisenbahnschienen. Vom Riesenstiefel mit dem Stromschuh zur bronzenen Riesenrübe des einstigen Chemnitzer Stadtnamensgebers Karl Marx reisen – der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) arbeitet daran, dass dies ab 2020 möglich sein wird. Zur jüngsten Kreistagssitzung stellte VMS-Geschäftsführer Dr. Harald Neuhaus die Pläne vor.

Roßweiner Kreisrat Peter Krause (Linke) macht sich Kreistag für Regionalbahn in die Landeshauptstadt stark

Seit Jahren herrscht am extra umbenannten Bahnhof Döbeln-Zentrum früher Ostbahnhof Totenstille. Züge fahren hier seit Stilllegung der Strecke Döbeln-Meißen-Dresden nicht mehr. Die Verkehrsverbünde begründen die Abbestellung des Personenverkehrs auf der Schiene mit schwachen Fahrgastzahlen. Zuvor war allerdings das Angebot schon deutlich ausgedünnt worden. Döbeln, Roßwein und Nossen wurden vom Bahnverkehr in die Landeshauptstadt abgehängt. Die Verkehrsverbünde Oberelbe (VVO) und Mittelsachsen (VMS), die sich den Streckenabschnitt teilten, haben die Abbestellung bereits Ende 2013 beziehungsweise im Frühjahr 2014 beschlossen. Nur rund 250 Fahrgäste pro Tag seien ab Döbeln noch weitergefahren nach Meißen. 1000 müssten es sein, um wirtschaftlich arbeiten zu können, hieß es damals beim VMS. Doch eine Forschungsarbeit der TU Dresden zeigt, wie schnell die Strecke rentabel bedient werden könnte. Das sei mit einem durchdachten Konzept schnell zu erreichen, bewies der Verkehrswissenschaftsstudent Patrick Jungk von der TU Dresden schon vor einigen Jahren in seiner Hauptseminararbeit mit dem Titel „Konzeption eines schnellen Schienenverkehrsprodukts zwischen Döbeln und Dresden“. Sein Fazit: „Man muss bis nach Dresden fahren, um mehr Fahrgäste zu gewinnen.“ Die Kappung der Direktverbindung von Döbeln in die Landeshauptstadt sei einer der Hauptgründe, warum die Fahrgastzahlen in den Jahren vor der Streckenschließung derart eingebrochen sind. Ein Regionalexpress RB 110 könnte vier Mal pro Tag zwischen Döbeln und Dresden Hauptbahnhof zu für Berufspendler relevanten Zeiten fahren und sich rechnen. Die Fahrtzeit läge bei nur einer Stunde sieben Minuten.

Das griff der Kreisrat und Roßweiner Vizebürgermeister Peter Krause zur jüngsten Kreistagssitzung auf, als VMS-Geschäftsführer Dr. Harald Neuhaus unter anderem zur Ausweitung des Chemnitzer Modells bis Döbeln sprach und dabei auch erklärte, weshalb der Betrieb der RB 110 zwischen Nossen und Meißen wirtschaftlich nicht sinnvoll sei. „Da muss deutlich ich widersprechen. Es gibt eine Studie der TU Dresden, dass dies sehr wohl wirtschaftlich ist. Wenn man etwas nicht will, findet man immer Gründe“, sagte Peter Krause und sprach dabei auch den Irrsinn an, „für hunderttausende von Euro die Bahnübergänge zu sanieren und dann den Zugverkehr einzustellen.“ Dr. Neuhaus gab dem Linken-Kreisrat im Grunde recht, ließ aber Zweifel am Wert der von Peter Krause angeführten Studie erkennen: „Das ist keine wissenschaftliche Arbeit im klassischen Sinn. Ich kann Ihnen zehn Verkehrsexperten bringen, die das Gegenteil sagen.“

Von Thomas Sparrer und Dirk Wurzel

„Das ist sehr gut für unsere Strecke, wenn ich von der Döbelner Innenstadt zum Weihnachtsmarkt nach Chemnitz sprichwörtlich bis vor die Glühweinbude fahren kann“, sagt Waldheims Bürgermeister Steffen Ernst (FDP). Die Perle des Zschopautales könnte als Streckenanrainer vom Chemnitzer Modell profitieren. Das wiederum würde den Zugverkehr der Regionalbahn 45 beschleunigen. „Diese hält dann nur noch in Waldheim und Mittweida. Die Fahrzeit würde sich um vier Minuten verkürzen“, sagte Dr. Neuhaus zur Kreistagssitzung. Der VMS hatte für die Strecke extra moderne Triebwagen vom Typ Alstom Coradia Continental gekauft und dafür einen Kredit aufgenommen. Zu den feinen Zügen könnten sich bald die Straßenbahnen des Chemnitzer Modells gesellen, die im Halbstundentakt nach Döbeln fahren. Im Landkreis Mittelsachsen verkehren die Trams bereits von Chemnitz nach Hainichen und von Chemnitz nach Mittweida. Mit positiver Resonanz bei den Fahrgastzahlen. „Die Tendenz ist weiter steigend“, sagte Dr. Neuhaus. Abhängig ist die Erweiterung des Chemnitzer Modells von der künftigen Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs durch den Freistaat. Außerdem muss die Deutsche Bahn mitspielen und beispielsweise ihre Sicherheitstechnik auf dem Abschnitt Döbeln-Hauptbahnhof – Döbeln-Zentrum anpassen.

Kommentar: Gutes Modell ist kein Gegenentwurf

Die Idee des Chemnitzer Modells ist eine lobenswerte. Mit Straßenbahnen auf Eisenbahnschienen im kurzen Takt vom Döbelner Zentrum bis zum Opernplatz in Chemnitz – so sieht der schienengebundene Nahverkehr der Zukunft aus. Doch zwei Haken gibt es für die Region Döbeln an der eigentlich guten Idee. Döbeln ist ein Mittelzentrum mit wichtigen Umlandfunktionen. Die Stadt mit der Stilllegung der Bahnstrecke Döbeln über Meißen nach Dresden komplett bahntechnisch von der Landeshauptstadt abzukoppeln, ist ein Kardinalfehler der beteiligten Verkehrsverbünde. Da ist als allererstes eine Fehlerkorrektur notwendig und sie ist vor allem noch immer möglich. Ein toller Taktverkehr nach Chemnitz ist gut, wer nach Dresden will fährt so aber erstmal in die Gegenrichtung und doppelt so lange. Und ICE halten in Chemnitz auch bloß nicht. Perspektivisch brauchen aber Mittelzentren wie Döbeln und der ländliche Raum drumherum solche Konzepte wie das Chemnitzer Modell als Verkehrsanbindung nach Leipzig, Dresden und Chemnitz. Das wäre zukunftsträchtig. Und das Steuergeld, die für solche Verkehrslösungen bis ins Ländliche investiert würden, könnten vielfach gespart werden. Denn bei der jetzigen Verkehrspolitik wachsen die Großstädte Dresden und Leipzig auf Kosten des ländlichen Raumes. Dort müssen Milliarden für neue Schulen, und Kitas ausgegeben werden und steigen die Mieten, während im Umland die vorhandene Infrastruktur irgendwann brach liegt und Wohnungen leer stehen. Sinnvolle Verkehrsinfrastruktur, die Ballungsräume bis nach Döbeln wachsen lässt, wäre ein besserer Gegenentwurf zu explodierenden Großstädten. Von Thomas Sparrer

Für Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer ist das Chemnitzer Modell ein Prestigeprojekt. „Es ist schon okay, wenn das bis Döbeln reicht“, sagt er. Aber: „Wenn ich so eine Zugverbindung wie nach Chemnitz in Richtung Dresden hätte, wäre ich zufrieden“, benennt Hans-Joachim Egerer einen wunden Punkt des öffentlichen Nahverkehrs: Die gekappten Personenzüge der RB 110, für die aktuell in Döbeln Endstation ist.

Von Dirk Wurzel

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