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Döbeln Mit viel Gefühl durch Roßwein
Region Döbeln Mit viel Gefühl durch Roßwein
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00:36 02.07.2015
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Hier darf alles mitfahren, ob "Esser" oder "Eisenschwein", "Simme" oder "Ete" oder wie die Zweiräder im liebevollen Fachjargon ihrer Inhaber genannt werden. Manche Motoren klingen ganz bissig nach Zwiebacksäge. In den höheren Kubikzahlen wird kultiviert geröhrt. Und manche Exemplare wiederum hören sich an, als würde es in hundert Metern Umkreis Metallteile regnen. Das ist der Sound zu einem Ereignis, das jährlich Motorradfahrer aller Coleur nach Roßwein zieht, zuletzt am Wochenende.

Dabei geht es hier nicht um Schnelligkeit, sondern um Gefühl: "Das Gleichmäßigkeitsfahren kommt aus dem Oldtimer-Reglement", erläutert Georg Riedel vom Feuerwehrmuseum Roßwein. Der Verein veranstaltet jährlich das Bergzeitfahren. Zwei Läufe, und die Zeit aus dem ersten sollte identisch sein mit der Zeit aus dem zweiten Lauf.

Im Starterfeld mit 65 Fahrern gibt es viel Exotisches zu entdecken und manches, was sich erst auf den zweiten Blick als Seltenheit zu erkennen gibt, zum Beispiel: Ein Simson Moped mit zwei Zylindern, demnach auch zwei Auspuffs oder mit fein gelaserter Scheibenbremse am Vorderrad.

Dieses Rennen hat wenig bitteren Ernst und dennoch einen gewissen Anspruch, auf seine Art auch seine Superlative: Elias Altmann aus Marbach ist mit seinen zwölf Jahren der jüngste Fahrer. Der Vater hat es erlaubt und ist mit dabei. Weil die Strecke abgesperrt ist, darf der Junge starten. Er ist mit einem SR 2 unterwegs und das ringt Riedel Hochachtung ab: "Weil man beim Anfahren ganz schön in die Pedale treten muss, muss man ganz schön Mumm in den Knochen haben."

Manche der Maschinen sind so was von original, da ist sogar der Rost antik. Das älteste Motorrad im Starterfeld und dennoch topp gepflegt ist eine Ardie TM 500 Baujahr 1928; die mit dem größten Hubraum eine Harley Davidson Sportster 1200, Baujahr 1983. Je seltener die Maschine, um so zurückhaltender der Besitzer mit der Angabe des Standortes: Das könnte Begehrlichkeiten wecken bei Leuten, die das Schmuckstück auch gern hätten und es sich einfach holen.

Mario Wehner aus Roßwein ist mit seiner vor sechs Jahren aufgebauten MZ RT/3 125 hin und wieder in der Stadt zu sehen. Überhaupt sind bei Bergzeitfahren viele Fahrer dabei, die ihr Fahrzeug nicht nur lieben, und demnach schieben, oder zu Hause in der Garage flimmern. Nach dem Motto, wer sein Fahrzeug ehrt, der fährt, ist so manches Zweirad auch heute noch das Alltagsfahrzeug Nummer eins.

Horst Hachenberger ist in dem Sinne ein echter Moped-Liebhaber. Ein originales Star-Gespann hat er in Roßwein dabei, was bedeutet: Moped vorn, Anhänger hinten. "Ich bin bestimmt hundertmal gefragt worden, wo denn der dazugehörige Bierkasten ist", lacht der Neudorfer. "Aber dann wäre ich für den Berg ja zu schwer geworden." Zu Hause hat der Senior von diesen Staren noch zehn weitere stehen und diverse andere Zweiräder aus früheren Jahrzehnten. "Die kann man ja gar nicht alle fahren. Ich bastle und schraube daran, dann mach ich mir mal ein Bier auf und freu mich an dem Anblick. Und wenn es in Roßwein mal wieder die Etzdorfer Straße hoch geht, dann bin ich dabei."

Aus Großsteinbach ist gleich ein ganzer Jawa-Club angereist, mit selbst gemachten Jawa-Club-T-Shirts und Banner und allem drum und dran. Die Crew jubelt dem Starter Dieter Horn zu. Der groß gewachsene, stattliche 68-Jährige hat ein zunächst unscheinbares Moppedchen unter sich. Doch das hat Geschichte und ist ihm und auch seiner Familie ans Herz gewachsen - obwohl es noch gar nicht so lange wieder fährt. Horn erzählt: "Ich habe Maurer gelernt und in Roßwein das Armaturenwerk und auch das Heizwerk mit aufgebaut. Als Lehrling habe ich die Jawa einem reichen Bauern abgekauft und bin damit zum Arbeiten gefahren." Schon kommt er ins Schwärmen: "Damals war es das modernste Moped der Welt, mit längs liegendem Motor, das erste mit Fußrasten statt Pedalen. Es hatte drei Gänge und 2,2 PS. Das war damals besser als die Mopeds von Fichtel und Sachs!" Die Sattel­decke musste unbedingt ein Schachbrettmuster haben. Die ließ er vom Döbelner Stattlermeister Voigtländer eigens anfertigen. Sie ist jetzt noch in Gebrauch.

Tja, und dann sei er etwas besser gestellt gewesen, konnte sich ein Auto leisten, die Jawa geriet in Vergessenheit. Bis er kurz nach der Wende die Garage aufzuräumen begann und die Jawa wieder entdeckte. Seit er in Rente gegangen ist, baut er sie nach und nach wieder auf, bestellte sich Teile auf dem Teilemarkt beim Wintertreffen auf der Augustusburg - und kann nun mit der Jawa aus seiner Jugendzeit wieder beim Bergzeitfahren antreten. Dazu kommt dann auch die ganze Familie mit, denn jemand muss ja das Banner halten mit der Aufschrift: Jawa-Fahrer sind die Größten".

Reyhe, Michael

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