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Nach Massenkollision kurz vor Weihnachten auf der A14: Bewährung für Verursacher

Unfallfahrer verurteilt Nach Massenkollision kurz vor Weihnachten auf der A14: Bewährung für Verursacher

Von den Überlebenden einer Massenkollision auf der Autobahn A14 zwischen Mutzschen und Leisnig am späten Abend des 22. Dezember 2015 trifft es einen vierjährigen Jungen am härtesten: Er verliert seine 35-jährige Mutter. Wegen in Tateinheit begangener fahrlässiger Tötung in einem und fahrlässiger Körperverletzung in weiteren elf Fällen wird der Fahrer verurteilt.

Unfall kurz vor Weihnachten 2015 auf der Autobahn A14 bei Leisnig: Verursacher zu Bewährung, Geldauflage und Fahrverbot verurteilt.

Quelle: Frank Schmidt

Leisnig/Mutzschen. Von den Überlebenden einer schweren Massenkollision auf der Autobahn A14 zwischen Mutzschen und Leisnig am späten Abend des 22. Dezember 2015 trifft es einen vierjährigen Jungen am härtesten: Er verliert seine 35-jährige Mutter. Wegen in Tateinheit begangener fahrlässiger Tötung in einem und fahrlässiger Körperverletzung in weiteren elf Fällen muss sich am Freitag ein 39-jähriger Mann aus Polen verantworten: Mit einem Sattelschlepper war er auf ein Stauende aufgefahren. Sechs erwachsene Personen und sechs Kinder müssen daraufhin in umliegenden Krankenhäusern versorgt werden.

Schwere Hirnverletzung und nur ein blauer Fleck

Zunächst rammt er einen weiteren Lkw vor sich auf der rechten Spur, dieser rammt einen Twingo. Beim Ausweichen nach links gerät der Unfallverursacher gegen die Mittelleitplanke. Dann kollidiert sein Fahrzeug mit einem Ford. Ein Opel, ein Golf und ein Audi werden in der ebenfalls angestoßen. Die Beifahrerin des Opel erleidet schwerste Kopfverletzungen, an denen sie zwei Tage später im Leipziger Universitätsklinikum verstirbt.

Ihr damaliger Lebensgefährte, zum Zeitpunkt des Unfalls Fahrzeugführer, ist einer der Zeugen während der Verhandlung beim Amtsgericht Döbeln. Als Ersthelfer holt er nach dem Unfall zuerst seinen Sohn, dann gemeinsam mit weiteren Helfern seine Partnerin aus dem Auto. Der Junge wartet im Polizeiwagen. Der Mutter legt ihr Partner einen Druckverband am Hinterkopf an. Sie blutet stark, hat nach späteren Aussagen der Ärzte ansonsten nur einen einzigen blauen Fleck am Körper. Doch schon in der Universitätsklinik habe man ihm gesagt, die Hirnaktivität stelle sich nicht wieder ein. Die Frau werde entweder als schwerster Pflegefall überleben oder innerhalb weniger Tage sterben.

Verursacher selbst Vater von drei Kindern

Sechs der 12 beim Unfall Geschädigten sind Kinder, das Jüngste ein sieben Monate alter Säugling einer fünfköpfigen polnischen Familie aus Münster. Die Mutter und zwei der Kinder werden im Helios-Krankenhaus Leisnig versorgt, können am nächsten Tag nach Hause. Weitere Unfallbeteiligte kommen aus Ungarn. Eine albanische Familie reist zur Verhandlung aus Norwegen an. Der 22. Dezember, direkt vor den Weihnachtstagen, ist ein ausgesprochener Familienreisetag, so dass in vier der insgesamt sieben beteiligten Unfallfahrzeuge Kinder sitzen.

Der Wagen mit der beim Unfall getöteten Beifahrerin war von Hamburg nach Bautzen unterwegs. Es sollte ein Weihnachtsbesuch bei den Großeltern des Jungen werden. Selbst Familienvater dreier Kinder, räumt der Angeklagte den Tatvorwurf ein, wird sich im Laufe der Verhandlung beim Lebensgefährten der Getöteten und Vater des Vierjährigen entschuldigen mit den Worten: „Es tut mir sehr leid, dass sie einen Ihnen sehr nahestehenden Menschen verloren haben. Ich kann sie deswegen nur um Verzeihung bitten.“

Staatsanwältin: „Nicht unerhebliche Pflichtverletzung“

Anwalt Hartmut Roth signalisiert schon zu Beginn der Verhandlung, auf die Beweisaufnahme könne weitgehend verzichtet werden, da der Angeklagte alles einräume. Doch Janko Ehrlich, Richter am Amtsgericht Döbeln, besteht darauf, die geladenen Zeugen ihre Verletzungen und Wahrnehmung vom Unfallhergang schildern zu lassen. In letzterem Punkt wird deutlich: Die Zeugnaussagen widersprechen sich, was die Wahrnehmbarkeit von Blaulicht auf der Autobahn oder die Zeit zwischen der eingeleiteten Bremsung und dem Aufprall des Lasters ins Stauende anbelangt.

Staatsanwältin Tina Mende fragt die Zeugen gezielt nach diesem Sachverhalt. Ein entlastendes Moment für den Fahrer des Unglücksfahrzeuges wird daraus nicht: Mende stellt eine nicht unerhebliche Pflichtverletzung fest, weil sich der Fahrer kurz umgedreht und nach etwas im Auto gesucht hatte, wie er selbst schildert. Diese wenigen Sekunden der Unaufmerksamkeit reichen, um die Kettenreation mit den verheerenden Folgen auszulösen. Dass der Fahrer eingeschlafen sein könnte, bestätigte sich nicht. Er habe in Leipzig erst Pause gemacht.

Herkunft der Lkw-Plane wird noch ermittelt

Auslöser des Staus war eine Lkw-Plane gewesen, die sich in der Mittelleitplanke verfangen hatte und in die linke Fahrspur hinein wehte. Polizeibeamte standen mit ihrem Fahrzeug und angeschaltetem Leuchtbalken „Stopp Polizei“ auf der Fahrbahn. Die nachfolgenden Fahrer waren dabei, eine Rettungsgasse zu bilden. Die Polizisten waren schon dabei, die Plane im Graben jenseits des Seitenstreifens abzulegen, als die den Aufprall hörten. Zur Herkunft der Plane wird noch ermittelt.

Als Staatsanwältin Mende vor ihrem Strafantrag die Verletzungen der Beteiligten verliest, fließen Tränen beim Angeklagten, der der Verhandlung und der Übersetzung der Dolmetscherin sonst aufmerksam und still folgt. Mende hält eine auf zwei Jahre Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten für tat- und schuldangemessen, dazu eine mit der Bewährungsauflage verbundene Geldauflage sowie ein dreimonatiges Fahrverbot.

Anwalt: Banale Tatsache von wenigen Sekunden Unaufmerksamkeit

Anwalt Hartmut Roth macht anschließend darauf aufmerksam: „Die Schuld meines Mandanten liegt in der banalen Tatsache, dass er ein, zwei oder drei Sekunden unaufmerksam war.“ Das Urteil solle deshalb den Angeklagten nicht völlig niederdrücken, immerhin habe er eine Familie mit Frau und drei Kindern zu versorgen. Roth hielt demnach ein Fahrverbot nicht für angebracht und bezeichnet dies als „Totalbestrafung der gesamten Familie“, da der Angeklagte dann sicher arbeitslos würde. Er schlägt eine Geldstrafe vor, wobei eine „ominöse Obergrenze“ bei 90 Tagesssätzen liege, deren Höhe sich am Einkommen des Angeklagten orientiert.

Richter Ehrlich lässt sich auf einen Kompromiss ein: Das Urteil lautet auf ein Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung sowie ein zweimonatiges Fahrverbot, was der Berufskraftfahrer vielleicht zum Teil mit Urlaubstagen abfedern könne. 1500 Euro hat er an den Weißen Ring zu zahlen, zudem die Verfahrenskosten zu tragen. Diese können nach Ehrlichs Aussage durchaus einen fünfstelligen Bereich erreichen, da eine Reihe von Gutachten angefordert werden mussten und Zeugen von weit her anreisten.

 

Von Steffi Robak

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