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Döbeln Nachfahren reichen sich über Gräbern die Hand
Region Döbeln Nachfahren reichen sich über Gräbern die Hand
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17:28 22.11.2018
Gemeinsam mit Vertretern beider Städte legten Givors Bürgermeisterin Christine Charnay (12.v.l) und Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer (12.v.r.) zu Ehren der Opfer des 1.Weltkrieges Kränze nieder. Quelle: Stadt Givors
Döbeln

Alte Feldpostbriefe an Angehörige in der Heimat, Fotos und Dokumente sowie Erinnerungen älterer Döbelner an die Erzählungen der Väter, die im ersten Weltkrieg waren, haben die Schüler des Lessing-Gymnasiums gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Katrin Niekrawietz gesammelt. Daraus entsteht jetzt eine Ausstellung, die im neuen Jahr in Döbeln gezeigt werden soll. Ihre Ergebnisse und Zeitzeugnisse präsentierten die Döbelner Schüler gemeinsam mit französischen Schülern in Döbelns Partnerstadt Givors.

Gemeinsam mit Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer, Stadträten, Verwaltungsmitarbeitern sowie einigen Lehrern waren die Schülern des Lessing-Gymnasiums in die französische Partnerstadt Givors gereist. Dort nahm die Döbelner Delegation an zwei Gedenkveranstaltungen anlässlich des 100. Jahrestages der Beendigung des 1.Weltkrieges teil.

Döbeln war die einzige deutsche Stadt, die anlässlich der Gedenkveranstaltungen nach Frankreich eingeladen worden war. Die Städtepartnerschaft zwischen Döbeln und Givors besteht seit 58 Jahren. Selbst im französischen Fernsehen wurde über den Besuch der Döbelner in Givors berichtet.

Der Döbelner Stadtrat Rudolf Lehle hielt bei dem Döbelner Besuch im Gymnasium in Givors in fliesendem Französisch eine Festrede. „Uns verbindet unsere Geschichte, die Geschichte unserer Nationen und die Geschichte unserer Städtepartnerschaft. Wir sind im Guten wie im Bösen der Kriege des 19. und des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden, im Großen einer Freundschaft wie in den Niederungen europäischer Politik“, sagte Lehle. „Heute kommen die Nachfahren der Besiegten von 1918 zu den Nachfahren der Sieger von 1918. Und die Deutschen kommen sogar gerne, das ist nicht selbstverständlich, das ist Zeichen der Französisch-Deutschen Freundschaft.“

Die ganze Rede finden Sie hier:

Bewältigung eines schwierigen Erbes

100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges – Ein Beitrag zur Feierstunde in Givors

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Charnay, sehr geehrte Abgeordnete von Givors, sehr geehrte Damen und Herrn!

Heute ist ein Tag der Freude!

Zunächst, weil Sie uns hierher nach Givors, in Ihre schöne Stadt, in unsere Partnerstadt, eingeladen haben und weil Sie uns freundschaftlich empfangen haben! Herzlichen Dank!

Uns verbindet unsere Geschichte, die Geschichte unserer Nationen und die Geschichte unserer Städtepartnerschaft. Wir sind im Guten wie im Bösen der Kriege des 19. und des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden, im Großen einer Freundschaft wie in den Niederungen europäischer Politik.

Sie haben uns eingeladen zu Ihrem Festtag am 11. November, der auch unser Festtag und vor allem unser gemeinsamer Gedenktag geworden ist.

Französisch-Deutsche Freundschaft wächst nicht auf Weisung der Regierenden zwischen den Staaten, sondern kann sich nur zwischen den Menschen, zwischen den Städten und Regionen auf der Ebene menschlicher Beziehungen entwickeln.

Schüleraustausch zwischen den Gymnasien hilft an dieser Stelle mit, wie er sich zwischen dem Lessing Gymnasium Döbeln und der Partnerschule in Evron etabliert hat. Auch hier in Givors wirkt Lessings Schule im Geist der Verständigung und Freundschaft mit. Im September 2017 war unsere damals 13-jährige Tochter in Evron, im kalten März 2018 hatten wir die gleichaltrige Candize aus Evron bei uns wohnen.

Für diese Jugendlichen ist die französisch-deutsche Partnerschaft im großen Rahmen der Europäischen Union einfach nur Realität, geradezu unbelastet von Geschichte, Hauptsache man hört die gleiche Musik, findet die gleiche Mode „cool“, Hauptsache man versteht sich eben sprachlich radebrechend, aber menschlich gut. Und das klappt mit 13, 14 Jahren auch ganz gut. Geschichte ist dabei etwas, wofür man lernen muss, öde Jahreszahlen und ohnehin hängt es maßgeblich vom Lehrer, weniger von den Inhalten der Geschichte ab, ob Geschichte spannend oder langweilig erscheint für die Jugend unserer Länder.

Geschichte erscheint Vielen mittlerweile so weit weg, dass Mancher damit kaum noch etwas anfangen kann.

Heute ist ein Tag der Freude!

Heute kommen die Nachfahren der Besiegten von 1918 zu den Nachfahren der Sieger von 1918. Und die Deutschen kommen sogar gerne, das ist nicht selbstverständlich, das ist Zeichen der Französisch-Deutschen Freundschaft. Ein ganzer Bus voller Erwartungen und Angeboten von Freundschaft!

Viele Deutsche lieben die französische Lebensart und Kultur, essen gerne, was die französische Küche hergibt, bewundern tausend Arten der wunderbarsten Käsesorten, trinken gerne, was sich aus französischen Reben keltern lässt, summen gerne französische Chansons mit – meist ohne den Text zu verstehen – bewundern die irgendwie leichtere Einstellung zum Leben in Frankreich. Genuss ist wichtiger als Schufterei, das Auto muss fahren, muss aber nicht Symbol von Status und Luxus sein.

Die Deutschen bewundern in vieler Hinsicht ihre westlichen Nachbaren, lieben die touristischen Ziele, denken an die Liebe, wenn sie von Paris hören und hängen Bilder aus der idealisierten Provence ins Schlafzimmer. Leider aber ergeben sich wenige tatsächliche menschliche Begegnungen zwischen den Menschen westlich und östlich des Rheins. Die fortbestehende Sprachbarriere erschwert immer noch die Kontakte.

Und doch haben die Deutschen auch Angst vor den Franzosen, der deutsche Fußball Bundestrainer Jogi Löw hat Angst vor der siegreichen „Equipe tricolore“ – zu Recht natürlich und – etwas mehr im Ernst, die Deutschen haben nicht so sehr Angst vor der atomaren Rüstung ihrer Nachbarn, sondern vor französischen Atomreaktoren nahe der Grenze und denkbaren Störfällen.

Die „Energiewende“ geht den Deutschen nicht schnell genug.

Und die Franzosen haben vielleicht auch Angst vor den Deutschen, vor einem deutschen Exportüberschuss, vor deutscher Haushaltsdisziplin, die ein gemeinsames Budget der Europäischen Union mit einem europäischen Finanzminister kaum mittragen will. Der sehr reformorientierte Präsident Frankreichs mag Angst haben vor deutscher Unbeweglichkeit. Vor einer grenzenlosen deutschen Asylpolitik mag Frankreich Angst haben und vor allzu guten deutschen Ratschlägen zu Arbeitsmarktreformen, die sich so vielleicht in Frankreich gar nicht durchsetzen lassen.

Und dennoch:

Heute ist ein Tag der Freude,

weil wir gelernt haben seit Gründung der Wirtschaftsgemeinschaft von 1957 und seit der tatsächlichen Proklamation von Freundschaft durch Präsident General De Gaulle und Kanzler Adenauer 1963, weil wir gelernt haben über gegenseitige Vorbehalte und Probleme ins Gespräch zu kommen in gegenseitigem Verständnis und ohne dabei nationale Identität aufgeben zu müssen!

Aber den eigentlichen Ernst des Tages heute vor 100 Jahren kann ich uns nicht ersparen:

Heute ist ein Tag der Erleichterung, ja der Freude!

Weil endlich das unglaubliche, 4 Jahre währende, millionenfache gegenseitige Töten ein Ende fand.

Heute ist ein Tag des Schmerzes und der Trauer,

weil das Sterben erst nach den vielen grauenhaften und vergeblichen, zutiefst menschenverachtenden Schlachten ein Ende fand! Es war ein gegenseitiges „Abschlachten“, so verblendet waren unsere Väter und Vorväter. In jeder Stadt und in jedem Dorf diesseits und jenseits des Rheins stehen ungezählte Kriegerdenkmäler! Wir schaudern bei Ihrem Anblick, die Namen einer ganzen Generation von Deutschen und Franzosen stehen darauf. Der Begriff „Erbfeinschaft“ ist einfach unfasslich aus heutiger Sicht.

Aber es muss gesagt werden, die Deutschen standen dabei in Nord- und Ost-Frankreich und nicht umgekehrt. Die Deutschen, unsere Vorfahren, verdarben und verwüsteten französisches und belgisches Land, Dörfer und Städte, ganze Regionen. Bei allen Diskussionen zur komplexen Kriegsschuld bleibt diese Tatsache. Heute noch und auf Dauer ist das Land östlich und nördlich Verdun gezeichnet und geschunden von Millionen Granaten.

Dreimal standen Deutsche in Frankreich innerhalb von 100 Jahren und es brauchte viele Jahre bis Deutsche sich offen mit ihrer Geschichte auseinander setzen konnten. Es brauchte im Grunde eine neue Generation. Dass vor diesem Hintergrund Frankreich Deutschland schon 1963 sich die Hand reichen konnten, gleicht einem Wunder, vollbracht von Präsident de Gaulle und Kanzler Adenauer. Mitterrand und Kohl setzten ein weiteres Zeichen der Aussöhnung im September 1984 über den Gräbern von Verdun. Diese Entwicklung war Ausdruck von menschlicher Größe, Klugheit und Weitsicht, aber auch von politischem Pragmatismus.

Geschichte ist im Übrigen nicht fern, betrachten wir nur unsere Familien:

Mein Vater wurde „Siegfried“ genannt, von seinem Vater, der in Frankreich kämpfte. Der Name „Siegfried“ sagt im Deutschen und sollte ausdrücklich bedeuten: „Sieg und Frieden“.

Geboren wurde Vater auf der Höhe des vermeintlichen und flüchtigen Sieges, als im August 1916 das Fort Douomont vor Verdun gerade über ein paar Monate in deutscher Hand war. Sieg und Frieden waren die Hoffnung in der deutschnational gesonnenen, kleinbürgerlichen Familie meines Vaters. Als käme der Frieden aus dem Sieg. Aber zum Siegen kam es schon gar nicht im Laufe der folgenden zwei Jahre. Wenn überhaupt, hätte der Frieden aus der Verständigung kommen können, aber die war damals weit weg.

Die Schützengräben vor Verdun füllten sich mit dem Blut der Gefallenen und der Verwundeten oder wurden gleich mit dem nächsten Granateinschlag zum endgültigen Grab. Allein vor Verdun waren während der Schlachten mindestens 300 bis 350 000 Tote zu beklagen und wenn man die später verstorbenen Verwundeten hinzunimmt, so wird von bis zu 800.000 Toten insgesamt gesprochen.

Mein Vater wurde geboren am 1. August 1916, genau einen Monat nach Beginn der noch blutigeren Schlacht an der Somme in Nordfrankreich mit über einer Million Tote.

Heute ist auch ein Tag des Schmerzes,

weil es nach dem Waffenstillstand von Compiègne in Versailles nicht gelang, auf Dauer Frieden zu erreichen, zu groß waren die verständliche Verbitterung und der Schmerz der Sieger einerseits, die Demütigung und der Schmerz der Besiegten andererseits. Es bedurfte eines noch furchtbareren Krieges (mit verbrecherischer deutschen Verantwortung), um aus Feinden Freunde werden zu lassen.

Heute ist ein Tag des Dankes und der Zuversicht,

ein Tag, nicht der verordneten, sondern der gelebten Völkerfreundschaft zwischen den Menschen verschiedener Nationen.

Wir hoffen auf eine weitere fruchtbare politische Zusammenarbeit unserer Regierungen als Motor der europäischen Einigung.

Wir freuen uns über die Freundschaft zwischen einzelnen Menschen, wie sie aus solchen Besuchen entstehen kann.

Wir danken für die Einladung, für den Empfang, für Gespräche und das gegenseitige Verständnis.

Vielen Dank!

Von Thomas Sparrer

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