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Abschied aus der Leisniger Klinik: Louis aus Afrika kann wieder lachen

Kinderhilfswerk Friedensdorf Abschied aus der Leisniger Klinik: Louis aus Afrika kann wieder lachen

So wird Patienten-Abschied in der Helios-Klinik Leisnig selten gefeiert: Mit Kuchen, Kakao und Kindertanzgruppe. Für den 9-jährigen Louis aus Ruanda endet die Behandlung. Nach einem komplizierten Bruch wäre sein rechtes Bein beinahe amputiert worden. Die Ärzte retteten es. Ob Louis zu Hause alle Familienangehörigen lebend antrifft, ist ungewiss.

Seltener Moment mit lächelndem Louis, hier mit Dr. Hassan Issa von der Helios-Klinik Leisnig und Marion Schmutz von der Bavaria-Klinik Kraischa.

Quelle: Steffi Robak

Leisnig. Anderthalb Jahre wurde Louis in Leisnig behandelt – von den sechs über die Jahre hinweg behandelten Friedensdorf-Kindern der längste Aufenthalt. In wenigen Tagen kehrt er zunächst zurück in das Friedensdorf Oberhausen, wo er auf die Heimkehr in seine afrikanische Heimat vorbereitet wird. Mitarbeiter der Kinderhilfsorganisation Friedensdorf International hatten Louis nach Deutschland geholt. Ein komplizierter offener Beinbruch musste medizinisch versorgt werden. Amputation war die lange diskutierte Option. Doch das konnte verhindert werden. https://www.friedensdorf.de/

Das rechte Bein von Louis ist neun Zentimeter kürzer als das linke. Dabei wurde der Oberschenkelknochen bereits um sieben Zentimeter gestreckt, um die Verkürzung zu mindern. Louis hatte sich unter ungeklärten Umständen einen offenen Knochenbruch zugezogen, die Wunde infizierte sich danach. „Unter den medizinischen Voraussetzungen in Ruanda existiert in einem solchen Fall keine Alternative zur Amputation“, sagt Dr. Hassan Issa, in Leisnig Chefarzt in der Helios-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Die Behandlungskosten, ein fünfstelliger Betrag, übernimmt die Klinik. Die Aufenthalte in der Rehabilitationsklinik Bavaria in Kreischa finanzierte die dortige Einrichtung.

In ein paar Jahren vielleicht künstliches Knie

Er könne sich vorstellen, das Louis im Alter von etwa zwölf Jahren erneut nach Deutschland reist, um ein künstliches Kniegelenk implantiert zu bekommen. Momentan ist das Gelenk steif. Issa: „Man muss sehen, wie er damit umgeht, wie sich der weitere Rehabilitationsprozess vollzieht. Bei einem jungen Menschen birgt er sehr viel positives Entwicklungspotenzial in sich.“

Von einem unbeschwerten Deutschland-Aufenthalt für den Jungen kann bei all dem nicht die Rede sein: Abgesehen von den Komplikationen, welche die Verletzung seines Beins mit sich brachte - einschließlich der Angst, es müsse abgenommen werden – sieht das Friedensdorf-Konzept vor, dass die Kinder in den Monaten der Behandlung zu ihren Familien keinerlei Kontakt haben. Jemand vom medizinischen beziehungsweise Pflegepersonal in den Kliniken übernimmt häufig die Position der unmittelbaren Bezugsperson. Nun ist angesichts der instabilen politischen Lage in Ruanda fraglich, ob Louis noch alle Familienmitglieder daheim lebend vorfindet.

Tischfußball ist seine Welt

Dass der Junge bedrückt ist, bleibt nicht verborgen. Ein Lächeln entlockt man ihm selten und eigentlich nur, wenn man Louis über Tischfußball spricht. Darin ist er geschickt und gewinnt oft. In Kraischa habe er es mit einem Jungen gespielt, „der Dicke“, sagt Louis, aber genannt habe er ihn immer bei seinem richtigen Namen David – obwohl der ihn manchmal geärgert habe. Auch Mädchen würden in Kraischa Tischfußball spielen, sagt Louis, aber gespielt habe er gegen sie nicht – dann lieber alleine, zum Trainieren, um noch besser zu werden.

Beim zweimaligen Reha-Aufenthalt in der Bavaria-Klinik Kraischa besucht Louis neben den Behandlungen für Physio- und Ergotherapie auch die Schule. Deutsch lernt er gut zu sprechen, nach anderthalb Jahren kann man sich mit ihm verständigen, etwa wie mit einem etwa vier- bis fünfjährigen hier aufgewachsenen Kind. Er versteht viel, gibt höfliche kurze Antworten, spricht von alleine jedoch wenig.

Wieder auf eigenen Beinen

Während Ärzte und Therapeuten an Louis´ letztem Tag in Leisnig auf dem Klinikhof in der Herbstsonne stehen und über ihn reden, stakst der Junge mit seinen Gehhilfen enthusiastisch übers Granitpflaster. Große Schritte macht er. Wer ihm folgen will, muss sich beeilen. Konzentriert heftet der Neunjährige seine Blicke vor sich auf den Boden: Er achtet darauf, wohin er erst die Gehhilfen setzt und dann seine Füße. Stolz sagt er: „Ich kann schon das Gras...“, und obwohl ihn der unebene Untergrund sichtlich herausfordert, überquert Louis die nächstgelegene Rasenrabatte, steigt voller Eifer eine Freitreppe hinab und wieder hinauf, stellt sich nach absolvierter Darbietung wie ein erfolgreicher Turner in Pose und hebt beide Krücken, um zu beweisen: Ich kann schon selbst wieder auf meinen Beinen stehen.

Ankunft zu Hause - ein Kulturschock

Unter dem hellblauen Turnschuh an Louis` rechtem Fuß klebt eine dicke, nachträglich angefügte Sohle. Die Schuhe sind den Füßen des Jungen angepasst. Ob oder wann er bei sich zu Hause in Ruanda wieder derartige orthopädische Schuhe bekommen kann, wenn seine Füße gewachsen sind, ist nicht absehbar. Die Kinder, denen über den Verein Friedensdorf International geholfen wird, müssen in ihrer Heimat wieder unter den dortigen Umständen zurecht kommen. Die letzten Wochen und Tage in Deutschland sind deshalb für Louis allein darauf gerichtet, ihn auf den im Vergleich zu Deutschland entbehrungsreichen Alltag in Ruanda vorzubereiten – für Louis wird die Ankunft daheim wie für viele Kinder aus den Krisengebieten der Welt vor allem eins: ein Kulturschock.

 

Von Steffi Robak

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