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Döbeln Obstland: Warum musste Vorstandschef Erlecke gehen?
Region Döbeln Obstland: Warum musste Vorstandschef Erlecke gehen?
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09:35 15.09.2016
Michael Erlecke.  Quelle: Obstland Dürrweitzschen AG/LVZ-Archiv
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Dürrweitzschen

 Hat Michael Erlecke als Vorstand der Obstland Dürrweitzschen AG am Aufsichtsrat vorbei seine Kompetenzen überschritten? Seine fristlose Kündigung am 2. Mai wirft in der Öffentlichkeit eine Reihe von Fragen auf, deren Hintergrund sich bis heute nicht klärte. Was bis dahin geschah: Zu Jahresbeginn unterbreitet ein Leipziger Unternehmen einer unbekannten Zahl von Obstland-Aktionären schriftliche Aktienkaufangebote. Das Unternehmen schlägt als Kaufpreis etwa ein Drittel des Ausgabepreises pro Aktie vor. Ein Schreiben mit Obstland-Briefkopf und Erleckes Unterschrift liegt bei mit der Empfehlung, das Angebot zu prüfen.

Fristlose Kündigung am 2. Mai

Der Aufsichtsrat als Interessenvertretung der Aktionäre sieht sich am 2. Mai dieses Jahres zu Erleckes fristloser Kündigung veranlasst. Derzeit verweigern alle Seiten gegenüber der Presse mit aller Hartnäckigkeit jede Information zu Details um Erleckes Ausscheiden mit dem Verweis darauf, dass die Option für eine außergerichtliche Einigung offen gehalten werden soll.

Die Döbelner Allgemeine Zeitung, die zur Leipziger Volkszeitung gehört, konfrontierte auch Erlecke mit den Recherchen. Er war auf Nachdruck zu einem kurzen Gespräch bereit, antworte aber ebenfalls mit Hinweis auf die außergerichtliche Einigung auf keine konkreten Fragen.

Der Geschäftsbericht der Obstland Dürrweitzschen AG für das Jahr 2015 (liegt der Redaktion vor) sagt aus: 25 Jahre nach der Umwandlung der LPG Obstproduktion Dürrweitzschen in die Aktiengesellschaft blickt das Unternehmen auf das bisher umsatzstärkste Geschäftsjahr zurück. Gegenüber dem Vorjahr stiegen erneut die Umsatzerlöse, der Jahresüberschuss kletterte ebenfalls, liegt 2015 bei 808.000 Euro. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter wuchs auf 370. Auch spricht die Dividendenausschüttung für die wirtschaftliche Stabilität: Den Anteilseignern werden für das Jahr 2015 pro Aktie 60 Cent als Anteil am Bilanzgewinn gezahlt.

Auslöser liegt an anderer Stelle

Der Auslöser für Erleckes Kündigung muss also an einer Stelle liegen, die nicht sofort augenfällig ist. Tatsächlich ist es ein unauffällig laufender Prozess bis zu dem Punkt, an welchem sich der Aufsichtsrat zur Kündigung veranlasst sieht – nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Art Misstrauensvotum der Aktionäre und des Aufsichtsrates gegenüber dem Vorstand.

Was ist bis dahin geschehen? Es lohnt sich ein Blick ein Jahr zurück, zur Hauptversammlung der Aktionäre Ende August 2015, mit Michael Erlecke an der Vorstandsspitze. Laut Tagesordnung wird in die Gesellschaftssatzung (liegt der Redaktion vor) der Paragraf 4 neu eingefügt. Die Aktionäre folgen mit überwiegender Mehrheit dem Vorschlag, dass das Grundkapital der Gesellschaft mit der Ausgabe weiterer Aktien erhöht werden soll. Gemäß Satzung liegt das Grundkapital bei 10,4 Millionen Euro und ist eingeteilt in 400.000 Aktien im Nennwert von je 26 Euro. Bis 2020 sollen durch die neu beschlossene Aktien-Ausgabe weitere 5,2 Millionen dazu kommen. Der Aktionärsbeschluss ermächtigt den Vorstand, weitere Aktien an potenzielle Investoren auszugeben. In der neu beschlossenen Gesellschaftssatzung heißt es dazu: „Die neuen Aktien können von einem oder mehreren durch den Vorstand bestimmten Kreditinstituten mit der Verpflichtung übernommen werden, sie den Aktionären anzubieten…“

Großaktionär gewinnt mehr Einfluss

Das „genehmigte Kapital“, so der Fachbegriff, ist eine Form der Eigenkapitalerhöhung. Das Geld der Anleger befähigt Unternehmen zu flexiblen Aktionen beispielsweise für den Kauf von Boden oder anderen Gütern oder für Kreditaufnahmen. Der oder die neuen Aktionäre profitieren pro Aktie am Bilanzgewinn des Wirtschaftsjahres in Form der Dividende. Sie erwerben zudem Stimmrecht in der Hauptversammlung. Je mehr Aktien sich in einer Hand konzentrieren, um so gewichtiger das Mitspracherecht in der Hauptversammlung der Aktionäre – sollte ein Einzelner einen größeren Anteil Obstland-Aktien kaufen wollen, gewinnt derjenige an Einfluss in der Hauptversammlung und damit auf die Unternehmenspolitik.

Unter den rund 1300 Aktionären sind Landeinbringer, frühere LPG-Mitglieder sowie heutige Mitarbeiter, der überwiegende Teil Kleinaktionäre. Einen Großanteilseigner beziehungsweise Mehrheitsaktionär gibt es bisher nicht. Der Satzungsbeschluss von 2015 bahnt nun die Chance auf einen gewissen Wandel in der Unternehmensvita an: Erstmals hat der Vorstand die Option, Investoren aus dem Agrarsektor zu gewinnen – auch mit der Möglichkeit einer bisher nicht dagewesenen Konzentration von Mitspracherecht in wenigen Händen von Menschen, die nicht aus den Kreisen der Landeinbringer, früheren LPG- und heute Gesellschaftsmitglieder sowie Mitarbeiter kommen, stattdessen aus dem Finanzsektor.

Anteilseignern flattern Briefe ins Haus

In Niedrigzinsepisoden, in denen an den Finanzmärkten nur niedrige oder keine Dividenden erzielt werden können, ist der Erwerb von Beteiligungen an landwirtschaftlichen Unternehmen eine Alternative für Geldanleger. Für landwirtschaftliche Unternehmen öffnet sich damit eine Quelle der Geldbeschaffung. Es liegt viel Verantwortung in der Anbahnung dieses Wandels, der die Unternehmenspolitik für die Zukunft entscheidend beeinflusst. Die von den Obstland-Aktionären im August 2015 mehrheitlich abgesegnete Entscheidung ebnet den Weg dafür.

Die äußerlich wahrnehmbaren Vorgänge kommen Monate später zum Laufen. Um den Jahresbeginn 2016 flattern einem Teil der Obstland-Anteilseigner Briefe ins Haus. Ein Leipziger Unternehmen (Name der Redaktion bekannt) bietet den Adressaten an, ihnen Obstland-Aktien abzukaufen. Den Schriftstücken liegt ein Schreiben mit Obstland-Briefkopf bei, das Erleckes Unterschrift trägt. Die Adressen der Aktionäre sind auch nur bei der Obstland AG als Herausgeber der Aktien bekannt. Das Leipziger Unternehmen möchte den Aktionären Aktien abkaufen, bietet von sich aus etwa ein Drittel des Nennwertes als Kaufpreis an.

Aktionäre rätseln: Warum so wenig?

Warum so wenig – das bleibt den Adressaten unklar. Börsennotiert ist die Obstland Dürrweitzschen AG nicht, womit der Aktienwert keinen Kursschwankungen unterliegt. Der Wert basiert rechnerisch auf der Höhe des in der Unternehmensbilanz stehenden Anlagevermögens. Für welchen Preis jedoch eine Aktie gehandelt wird, richtet sich nach Angebot und Nachfrage, ist demnach eine Angelegenheit zwischen Käufer und Verkäufer. Und die Obstland-Wertpapiere spielen am Aktienmarkt bisher noch keine Rolle.

Bei den Anteilseignern scheiden sich nach und nach die Geister. Wie in Gesprächen mit einzelnen Obstland-Aktionären deutlich wird, kommen diese am sprichwörtlichen Gartenzaun ins Gespräch – wer redet schon freimütig über seine Geldanlagen – und dann ins Grübeln: Warum bekommen manche Anleger das Kaufangebot und andere nicht? Worauf basiert dieser niedrige Aktien-Preis? Warum wird nicht mindestens der Nominalwert der Aktie von 26 Euro geboten?

Von der Döbelner Allgemeinen Zeitung auf das Schreiben angesprochen, antworten einzelne Anteilseigner ausweichend, sie hätten das Schreiben nicht für voll genommen oder gar nicht verstanden und deshalb weggeworfen. Jemand, der mit dem Leipziger Unternehmen bereits handelseinig wurde, ist nicht zu finden. Vor allem will niemand namentlich genannt werden. Repräsentativ sind diese Äußerungen nicht. Fakt ist: Augenscheinlich billigt Erlecke mit dem Schreiben (die Redaktion konnte Einsicht nehmen) die unterbreitete Niedrigpreis-Offerte, drängt in seinem nur wenige Zeilen umfassenden Anschreiben jedoch niemanden zum Verkauf.

Vertrauen entzogen

Dem Geschäftsbericht der Obstland Dürrweitzschen AG für 2015 ist zu entnehmen: Die knapp 400.000 Obstland-Aktien befanden sich 2015 in den Händen von 1289 Aktionären. Insbesondere die früheren LPG-Mitglieder haben die Aktien im Übrigen nicht gekauft, sondern erhielten nach der Umwandlung der LPG in die Aktiengesellschaft 1991 die Papiere im Wert des eingebrachten Anlagevermögens. Von 2014 zu 2015 schrumpfte die Zahl der Anleger um 25. Aus welchem Grund wie viele Aktien an wen verkauft, vererbt oder anderweitig abgegeben wurden, dazu können die heutigen Vorstandsmitglieder keine Aussagen treffen.

Die Interessenvertretung der Aktionäre mit Michael Heckel an der Spitze entzieht Erlecke am 2. Mai das Vertrauen. Ob neben den öffentlich wahrnehmbaren Vorgängen noch andere Dinge abliefen, könne erst die noch laufende Prüfung ergeben. Es sei Stillschweigen vereinbart, im Interesse aller Beteiligten. Als offizieller Kündigungsgrund wird ein Verstoß gegen die seit 1998 rechtsverbindliche „Geschäftsordnung für den Vorstand“ angegeben. Diese regelt unter anderem das Vorgehen des Vorstandes bei so genannten „zustimmungspflichtigen Geschäften“. In den späten Abendstunden des 2. Mai wird Gerd Kalbitz zusammen mit Heiner Hellfritzsch auf Initiative des Aufsichtsrates zum neuen Vorstand bestellt. Kalbitz, früherer LPG-Vorsitzender, hob 1991 die Obstland Dürrweitzschen AG mit aus der Taufe und stand ihr anschließend vor, bis Michael Erlecke im Januar 2012 diese Aufgabe übernahm. Gerd Kalbitz ist demnach sowohl Erleckes Vorgänger und bis auf Weiteres auch Nachfolger.

Prüfung kann noch Monate dauern

Der neue Vorstand untersucht derzeit sämtliche Unterlagen und Vorgänge, was nach den Worten von Gerd Kalbitz noch Monate in Anspruch nehmen kann. So wie er kann und will auch der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Heckel sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern zum Verhalten von Michael Erlecke, den sie in den Jahren zuvor als verantwortungsvollen Mann an der Vorstandsspitze der Aktiengesellschaft schätzen lernten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Michael Erlecke wieder an die Vorstandsspitze zurückkehrt, geht gegen null: Als derzeit wichtigste Aufgaben sieht Vorstand Gerd Kalbitz die „Suche und Vorbereitung eines neuen, für die verantwortungsvolle Führungstätigkeit geeigneten Vorstandes“. Er selber wolle es perspektivisch nicht bleiben.

Von Steffi Robak

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