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Olevia Mertineit aus Hartha spricht über Flucht und Vertreibung

Heimat verloren Olevia Mertineit aus Hartha spricht über Flucht und Vertreibung

Olevia Mertineit aus Łódź in Polen hat vieles erlebt. Flucht, Vertreibung, Erniedrigung. Heute ist sie 82 Jahre alt und spricht von ihrer Vergangenheit.

Flucht und Vertreibung.

Quelle: picture alliance / akg-images

Hartha. Der Wind pfeift durch die Türen. Olevia Mertineit sitzt in ihrem Wohnzimmer, die gezeichneten Hände sind verschlossen. „Das freie hier draußen liebe ich so sehr“, sagt sie und zeigt auf die große freie Grünfläche vor ihrem Haus. Die Freiheit die sie heute hat, hatte die 82-jährige Frau als Kind und Jugendliche nicht. Sie hat einiges erlebt, nicht immer Gutes.

Geboren wurde Olevia Mertineit in Aleksandrów bei Łódź in Polen. An ihre Zeit in Łódź kann sich Mertineit noch gut erinnern. Ihr Vater stammte vom Dorf. „Wenn wir zu meiner Tante wollten, mussten wir durch das Ghetto. Die Menschen hatten alle einen gelben Stern auf der Brust und auf dem Rücken. Wir sahen, wie sie geprügelt wurden. Es war furchtbar.“ 1939 verließen sie und ihre Familie zum ersten Mal ihre Heimat, Mertineit war zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt. In der Nähe von Stuttgart, in Bad Urach, kamen sie unter. Dort lebte die 82-Jährige gern. „Dann kam Hitler nach Polen. Meine Mutter wollte unbedingt zurück nach Hause, obwohl es uns dort so gut ging. Also sind wir wieder zurück.“

Zurück in Polen: Der Hass einiger polnischer Bürger auf Deutsche war zu dieser Zeit, nach Mertineits Aussagen, sehr groß. Ihre Tante hörte, wie eine Frau im Treppenhaus sagte: „Der Fliege an der Wand kann ich nichts tun, aber das deutsche Kind in der Wiege würde ich nicht verschont lassen.’“ Mertineits Tante kam nach dieser Aussage zur Familie und sagte: „Nichts wie weg von hier“. Nach dieser Aussage wurde klar: „Der Hass ist so groß, dass sie keine Unterschiede mehr gemacht hätten, auch wenn wir gut klar kamen“, sagt die Frau, die heute in Hartha lebt.

Also hieß es wieder: Abschied und Neuanfang. Diesmal in Kürbitz bei Plauen. Zwei Jahre konnte die Familie dort leben. Weil sie dort zu viele Flüchtlinge auf einem Haufen waren, kamen sie nach Bad Elster im Vogtland. „Dort hatten wir eine wunderschöne Wohnung, es gab viele Villen. Wir konnten schön leben und wohnen. Doch leider nur eineinhalb Jahre. Dann kamen die Familien der russischen Offiziere“. Innerhalb von drei Tagen mussten sie aus ihrer Wohnung. Die Familie wurde in Viehwaggons untergebracht und war vier Tage unterwegs. 19545 kamen sie dann nach Königswartha, in ein großes Flüchtlingslager - für sechs Wochen. Die Zeit prägte sie sehr, es war ein Tiefpunkt für sie. Vom Lager aus musste sie mit ihrem Cousin und ihrer Cousine betteln gehen, mit Beutel um den Hals. „Wir waren clever. Es war eine katholische Gegend. Wenn die Tür aufging, gingen wir sofort auf die Knie und falteten die Hände.“ Einmal fiel eine Schmalzschnitte ins Wasser: „Ach das macht euch doch nichts. Ihr nehmt die doch trotzdem“, hieß es. Es war erniedrigend für die stolze Frau, die für ihre kleinen Geschwister Essen erbettelte. „Der Mensch kann viel, wenn er muss“, sagt sie bestimmt.

Von dort aus wurden sie wieder aufgeteilt und kamen in ein Lager in Waldheim. Dort blieben sie einige Wochen: „Ordnungsliebend wie ich bin, hab ich schon als Kind immer gekehrt. Fenster auf, raus. Und unten kam der Lagerleiter vorbei. Das war natürlich eine peinliche Sache. Dann bin ich unter das Bett gekrochen, weil ich Angst hatte“.

Das Schloss Ehrenberg bei Waldheim war die nächste Adresse. Für die 82-Jährige war es schön dort. Sie genoss die Freiheit - bis das Schloss im Jahr 1948 abgerissen wurde. Sie war sehr gut in der Schule, eine der Besten. Dann kam die Familie nach Steina: „Ich war wieder ein kleines Nichts.“

Dort lebten sie auf einem Bauerngut. Die Leute schrien damals: „Wir nehmen keine Flüchtlinge. Flüchtlingsgelumpe. Macht euch dorthin, wo ihr hergekommen seid. Ich habe das alles in meinen jungen Jahren miterlebt. Es war grauenvoll.“ Es ging soweit, dass die Familie die Toilette neben dem Haus nicht benutzen durfte. Sie mussten über den ganzen Hof, zur Arbeitertoilette. „Heute sage ich mir: „Waren die noch normal?“

Durch den neuen Job der Mutter änderte sich die Situation, das schlechte Gefühl blieb: Sie bekamen ein weiteres Zimmer, die Toilette durfte auch benutzt werden.

„In dem großen Zimmer stand ein wunderschöner Kachelofen und an der Außenwand waren Fensterläden. Als sie uns das Zimmer geben mussten, hatten sie den Kachelofen rausgerissen und auch die Fensterläden. Das war der pure Wahnsinn.

Von Maria Sandig

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