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Orgel aus abgerissener Taborkirche jetzt in Börtewitz

Festgottesdienst Orgel aus abgerissener Taborkirche jetzt in Börtewitz

Der Abriss der Heuersdorfer Taborkirche für den Braunkohletagebau im Mitteldeutschen Braukohlerevier hat seit dem jüngsten Festgottesdienst in der Kirche von Börtewitz bei Leisnig eine tröstliche Note: Die Bärmig-Orgel aus Heuersdorf wurde am Sonntag in Börtewitz neu geweiht. In dem Instrument klingt noch ein Register aus der vormaligen Börtewitzer Albert-Schmeisser-Orgel mit.

Diese Frauen, fast alle im Ortskirchenvorstand, engagierten sich für die neue Orgel in der Börtewitzer Kirche (von links): Claudia Rückert, Jutta Jentzsch, Undine Lehmann, Gudrun Mehnert, Kantorin Sigrid Schiel, Ute Lehmann und Organistin Carmen Schüler.

Quelle: Sven Bartsch

Börtewitz/Heuersdorf. Die Orgel aus der 2009 abgerissenen Taborkirche der Gemeinde Heuersdorf-Großhermsdorf hat in der Börtewitzer Kirche ein neues zu Hause. Die Königin der Instrumente aus dem für den Tagebau im Mitteldeutschen Braunkohlerevier abgebaggerten Ort ist seit dem Festgottesdienst zum zweiten Adventssonntag wieder geweiht. Erstmals erklingt das 1867 gebaute Instrument vom Werdauer Orgelbauer Johann Gotthilf Bärmig wieder öffentlich.

Pfarrerin Jutta Gildehaus, die die Gemeinde Sornzig neben ihrem Dienst als Waldheimer Gefängnispfarrerin betreut, sagt in ihrer Predigt, die Orgel als Mittlerin für die Begegnung mit Gott sei ein Beweis für die besondere Lebendigkeit dieser Gemeinde.

Wagemutig Kauf angebahnt

Damit spricht die Pfarrerin die Bemühungen des Ortskirchenvorstandes um eine neue Orgel an. Die Mitglieder haben mit viel Wagemut bereits den Kauf einer Orgel aus privater Hand in die Wege geleitet, weil die ursprünglich in Börtewitz gespielte Schmeisser-Orgel laut Kantorin Sigrid Schiel zuletzt nicht mehr bespielbar ist. „An ihr konnte man als Organist verzweifeln.“ Nach den Worten von Undine Lehmann vom Kirchenvorstand habe die vormalige Pfarrerin Ulrike Weyer die Bemühungen um eine neue Orgel sehr unterstützt. Als die Kirchgemeinde für deren Kauf mit der Bitte um finanzielle Unterstützung ans Landeskirchenamt herantritt, kommt von dort das Signal: Es existiere noch eine Orgel, die finde in Börtewitz sicher gute Verwendung.

Orgeltisch und Prospekt übrig

Anschließend ist monatelange Arbeit für den Umbau der Empore nötig. Dies beginnt im März 2015 mit dem Ausbau des alten Instruments. Vom Fußboden bis hin zur Elektrik wird alles erneuert. Das Vorhaben begleiten neben der Kantorin und Mathias Steude vom Leisniger Atelier für Konservierung Höhne und Steude auch Baupfleger Jens-Peter Mader, der Orgelsachverständige Bernhard Müller sowie eine Reihe tatkräftiger Helfer und Unterstützer aus der Gemeinde. Orgeltisch und Prospekt der früheren Börtewitzer Orgel sind für Weiterverwendung beziehungsweise Verkauf eingelagert. Ihre Orgelpfeifen können erworben werden. Der Erlös aus den dafür eingenommenen Spenden wird für die Finanzierung des neuen Innenanstriches der Kirche im kommenden Jahr benötigt.

Lange keine Verwendung

Das Heuersdorfer Instrument nehmen die Orgelbauer Gerd-Christian und Thomas Bochmann in Kohren-Salis nach dem Ausbau aus der Taborkirche 2009 in ihrer Obhut. „Es fand sich lange kein neuer Aufstellungsort“, so Thomas Bochmann. Am Sonntag erzählt er nach dem Gottesdienst im Börtewitz, dass sogar das jüngste Hochwasser, das fast die Orgelwerkstatt erreicht, das Instrument beinahe gefährdet. Mit dem Fachbeauftragten für das Orgelwesen bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Tobias Haase, verständigt man sich, dass das Instrument abgeholt wird.

Feier in der Winterkirche

Bevor es in Börtewitz wieder erklingen kann, nehmen es die Kohren-Sahliser Orgelbauer erneut unter ihre Fittiche für die Restaurierung. Von den 60 000 Euro der Gesamtkosten für Um- und Einbau in die Börtewitzer Kirche entfällt etwa die Hälfte auf direkte Arbeiten an der Orgel, die andere Hälfte auf die Holz- und weitere Handwerkerarbeiten. Den größten Teil der Kosten trägt das Landeskirchenamt. Die Kirchgemeinde muss sich beteiligen.

Börtewitz gehört zum Kirchspiel Sornzig im Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz. Unter den Besuchern des Gottesdienstes ist deshalb Superintendent Arnold Liebers, „nicht nur wegen der Mitfreude und der Neugier, sondern auch wegen des hoffentlich guten Kaffees danach“, sagt er augenzwinkernd. Damit sich die Gäste im Anschluss an den Gottesdienst noch in der Winterkirche zum Gespräch zusammenfinden können, hat der Kirchenvorstand sämtliche Kräfte zum Kuchenbacken, Suppe- und Kaffeekochen aktiviert. Liebers wird nicht enttäuscht.

Schmerzhaftes Erinnern

In seinem Grußwort übermittelt er der Kirchgemeinde und den Gottesdienstbesuchern Segenswünsche zur Orgelweihe: „Das tue ich insofern besonders gern und auch mit einer gewissen österlichen Freude - mitten im Advent - weil ich, als ehemaliger Bad Lausicker Pfarrer und Mitglied im Kirchenbezirksvorstand des ehemaligen Kirchenbezirkes Borna, miterlebt habe, wie die Kirchgemeinde Heuersdorf-Großhermsdorf gewissermaßen ihre Heimat durch den Braunkohlebergbau verloren hat.“ In schmerzhafter Weise erinnere er sich an die Bilder, wie das Dorf langsam verschwand, wie die letzten Gottesdienste in der Emmauskirche und in der Taborkirche gefeiert wurden und beide Kirchen schließlich ihres Dienstes im Dorf enthoben waren.

Ostergrußwort im Advent

Die romanische, bauhistorisch wertvolle Emmauskirche überlebte die Devastierung – so der Fachbegriff für den gezielten Leerzug eines zuvor bewohnten Gebietes. Ihr Baukörper wurde in einem spektakulären Umzug per Tieflader nach Borna an den dortigen Martin-Luther-Platz neben die Marienkirche versetzt, als Gedenk- und Gebetsort für alle Orte, die um Borna durch den Braunkohleabbau devastiert wurden. „Da war die Kirche, wie einst das wandernde alttestamentliche Gottesvolk, in Bewegung“, so Liebers.

Die Taborkirche teilt das Schicksal mit dem ganzen Dorf, sie wurde entwidmet und abgerissen. Ihr Dachreiter schmückt heute die Begegnungsstätte in einem Wohngebiet in Regis-Breitingen, wo jetzt viele Heuersdorfer wohnen. Dass die Orgel in Börtewitz gewissermaßen weiterlebe, ist für Liebers eine so große Freude, dass er mitten im Advent sein Großwort mit dem Wochenspruch für den vierten Sonntag nach Ostern beschließt: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.”

 

Von Steffi Robak

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