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Ostraus Bürgermeisterin Gisela Reibig im DAZ-Interview

Ostraus Bürgermeisterin Gisela Reibig im DAZ-Interview

Gisela Reibigs letzter Tag im Amt ist der 8. April. Zwei Tage später übergibt Ostraus Bürgermeisterin den Staffelstab an ihren Amtsnachfolger Dirk Schilling.

Ostrau.

 

Über Höhen und Tiefen, emotional Bewegendes und das "dicke Fell" einer Gemeindechefin sprach die DAZ mit ihr kurz vor dem Zapfenstreich.

Frage: Frau Reibig, Sie waren ab 1987 für sieben Jahre Bürgermeisterin von Jahna-Pulsitz, ab 1994 Beigeordnete in der Ostrauer Gemeindeverwaltung, vorübergehend Amtsverweserin und sind schließlich 1998 zur Bürgermeisterin von Ostrau gewählt worden. Nach dieser Zeit im Amt - was werden Sie am meisten vermissen?

Gisela Reibig: 14 Jahre Bürgermeisterin in Ostrau sind eine lange Zeit. Ich werde einiges vermissen: Die Regelmäßigkeit der Arbeit in der Verwaltung und die Arbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die gesamte Arbeit mit den Menschen - aber das wird ja nicht ganz wegfallen. Ich werde den Kontakt halten. Wissen Sie, es gab abends manchmal Veranstaltungen, da wollte man am liebsten gar nicht hingehen und manchmal konnte man doch etwas verändern und es kam etwas Positives dabei heraus. Das sind Momente, die werden fehlen. Und ja, der Stress. Natürlich auch die schönen Seiten der Arbeit: die Erfolge, wenn wieder eine Straße oder eine Kita fertiggestellt wurden und dann dieses Leuchten in den Augen der Kinder auftaucht. Der Gemeinderat hat immer versucht, etwas zu bewegen und voranzubringen. Das war das Positive für mich.

Besonders schön waren auch gemeinsame Unternehmungen im Rahmen der Ausflüge der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im ehemaligen Landkreis Döbeln: Dort habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Bei Sorgen und Nöten fand sich ein Ansprechpartner für den gegenseitigen Austausch. Ein Dank gilt diesen ehemaligen Bürgermeisterkollegen. Es sind so etwas wie Freundschaften darüber hinaus entstanden. Ehepartner haben dort auch bemerken können, wie vielschichtig die Tätigkeit in der Gemeinde ist. Außerdem hat die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Landkreis Meißen in der Lommatzscher Pflege und im Koordinierungskreis im Rahmen der Leader-Förderung einen neuen Antrieb gegeben.

Was ich nicht vermissen werde, ist der Ärger mit einigen Gemeinderäten seit 2009.

Welche großen Herausforderungen gab es in Ihrer Amtszeit zu meistern?

Herausforderungen hat es fast immer gegeben. Es gab immer die Bestrebung, den Finanzhaushalt durch Fördermittel zu entlasten. Anträge dafür sind mittlerweile so vielgestaltig, dass man kaum alle abfassen kann. Irgendwann hat mir jemand gesagt: Du baust doch nur, wenn du Fördermittel bekommst.

Schwierig war die Phase der Eingemeindung 1999 von den Gemeinden Kiebitz, Noschkowitz und Schrebitz. Schrebitz hatte einen ganz anderen historischen Hintergrund, war eher mit Mügeln verbunden. Die Dorfentwicklungsprogramme von Noschkowitz und Schrebitz mussten umgesetzt werden: Die Schlossstraße in Noschkowitz, die Dorfstraße in Sömnitz und das Schrebitzer Feuerwehrgebäude wurden zum Beispiel grundhaft ausgebaut beziehungsweise saniert. Da gab es manchmal die Angst oder den Vorwurf von anderen Orten: "Wir sind schlechter gestellt als diese Ortschaften". Aber die finanziellen Möglichkeiten in der Gemeinde ließen nicht alle Wünsche der Bürger erfüllen. Das hat mich manchmal sehr stark beschäftigt.

Haben Sie sich als Bürgermeisterin mit der Zeit ein "dickeres Fell" zugelegt?

Man entwickelt einen anderen Gesamtblick: Ich kann mir privat auch nicht alles kaufen, wenn ich kein Geld habe. Ich habe sicher Wünsche, kann aber nicht alle realisieren. 1990 haben wir das Problem der demografischen Entwicklung nicht vorhergesehen. Wenn ich daran denke, wie viel Wohnbaufläche in den Orten ausgewiesen wurde und jetzt teilweise noch immer ungenutzt ist. Sorgen macht mir die familiäre Entwicklung - es gibt immer weniger Kinder. Manchmal muss man für bestimmte Entscheidungen Emotionen einfach unterdrücken. Ich selbst komme ja aus dem sozialen Bereich, war früher Kinderkrankenschwester, das ist dann nicht immer so einfach. Da gibt es Dinge, die tun auch schon mal weh.

Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie das Amt noch einmal übernehmen?

Das ist ja eine Gewissensfrage! Also, wenn ich jünger wäre, wenn mir die Bürger, wie damals nochmals auf diese Art ihr Vertrauen aussprechen würden - dann ja.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich glaube, es ist gelungen, dass die einzelnen Ortschaften ihr eigenes Gesicht und ihre Eigenheiten bewahren konnten. Es besteht eine gewisse Individualität der Ortsteile, beispielsweise hat sich Kiebitz mit dem Maibaumstellen etabliert. Stolz bin ich auf die beiden schönen Kindereinrichtungen in der Gemeinde. Natürlich bin ich auch sehr froh, dass es gelungen ist, Fördergelder für den Neubau der Grundschule zu bekommen. Wenn das Landratsamt den Haushalt der Gemeinde genehmigt, können wir weitere Aufträge für den Schulneubau vergeben und unseren Wunsch, die Grundschule in relativ kurzer Zeit zu bauen, realisieren.

Besonders gefreut hat mich das Engagement und die Bereitschaft zur Hilfe beim Hochwasser 2002. Ostrau war ja nicht so schlimm getroffen, dafür wurden Hilfseinsätze in der Kreisstadt unterstützt: Da waren junge Ostrauer, auch eine schwangere Frau dabei, die ohne zu fragen, geholfen haben. Das hat mich stark berührt und war ein besonders einschneidendes Erlebnis.

Als sehr positiv empfand ich auch die Gründung des Gewerbeverbandes. Schön, wie alle Gewerke an einem Strang ziehen. Da muss man den Initiatoren und Firmen aus der Gemeinde und der Umgebung auch Firmen aus der Gemeinde und der Umgebung auch einmal Danke sagen.

Als Bürgermeisterin sind Sie immer nah am Bürger - bei Hochzeiten, Einweihungen, Vereinsfesten oder Firmenjubiläen - gibt es eine Episode an die Sie sich besonders gern erinnern? Was war nicht so angenehm?

Emotional sehr belastend war für mich das Hochwasser im Frühjahr 2006: Auf den noch gefrorenen Boden fiel sehr starker Regen. In der Ortslage Jahna liefen die Keller voll, Grundstückseigentümer hatten Schäden zu vermelden, die Kita stand voll Wasser. Ähnlich bewegt hat mich in meiner Amtszeit ein Wohnhausbrand in Zschochau. Zum Glück ist dort niemand ums Leben gekommen. Vielleicht noch einschneidender war das Erlebnis mit der Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die wurde bei Straßenbauarbeiten in der Karl-Marx-Straße entdeckt. Heiko Ramm, Mitarbeiter der Firma LFT aus Münchhof, hat sie mit der Baggerschaufel unter der Leitung der Polizei und des Kampfmittelbeseitigungsdienstes angehoben. Zuvor mussten die Anwohner ihre Häuser verlassen.

Sehr genau erinnere ich mich an ein Firmenjubiläum der Firma Meffert- Farben in Ostrau. Zwei Tage vor der Feierlichkeit musste ich ins Krankenhaus: Mein Blinddarm wurde entfernt. Ich musste fehlen, das war sehr schade. Bei Feierlichkeiten wie Straßenfesten ist man als Bürgermeisterin nah dran an den Menschen. Das ist gut, denn oft gab es zu solchen Gelegenheiten ein direktes Feedback von den Bürgern. Sie haben ihre Probleme oft einfach angesprochen.

Eine besondere Episode gibt es natürlich auch: Die Familie Reinicke feierte Eiserne Hochzeit. Damals kamen Glückwunschschreiben vom Bund und Land normalerweise in die Gemeindeverwaltung, wir haben es dann weitergeleitet. Das Papier aber kam und kam nicht. So dass ich selbst zu Reinickes bin und mich erkundigen wollte. Dort waren die Glückwünsche aber schon angekommen. Herr Reinicke hatte die Tür geöffnet und gesagt: "Ich wusste, dass Sie heute kommen." "Wieso?" "Na, wir haben da ein Schreiben bekommen und das können doch nur Sie gemeldet haben, woher sollten die Ämter das sonst wissen?" Es war halt von allem etwas dabei.

Mit dem Blick zurück - würden Sie heute etwas anders machen?

Man kann immer etwas anders machen. Dort eine Straße weniger bauen, dafür ein Grundstück mehr entwickeln. Letztendlich muss man sagen, die Situation ist eben so gewesen und man hat dementsprechend entschieden. Letztendlich hat ein Gemeinderat diese Entscheidungen getroffen und nicht ich allein.

Was wünschen Sie Ihrem Amtsnachfolger Dirk Schilling?

Ich wünsche ihm viel Kraft und Zuversicht und dass es gelingt, die Bevölkerung mitzunehmen. Dirk Schilling hat ein sehr gutes Wahlergebnis eingefahren. Ich hoffe, dass die Leute weiterhin hinter ihm stehen.

Wie sehen Ihre letzten Tage im Amt aus?

Bis zum 8. April laufen die ganz normalen Bürgermeistergeschäfte weiter. Ich werde auch am 10. April zur Amtseinführung meines Nachfolgers bei der Gemeinderatssitzung dabei sein. Ansonsten haben wir hier in der Gemeindeverwaltung ein paar Zimmer gemalert und verändert. Mein Büro ist in einen anderen Raum umgezogen, das der neue Bürgermeister künftig nutzen wird.

Werden Sie der Kommunalpolitik in irgendeiner Form treu bleiben?

In gewisser Weise ja. Ich wohne in dieser Gemeinde und werde als Bürgerin das Geschehen weiterhin verfolgen. Alles was entschieden wird, geschieht auch mir. Ich bin über die Vereinsarbeit als Mitglied im Kinderförderverein, im Heimatverein Jahna und im Förderverein Lommatzscher Pflege einbezogen. Allerdings kann ich mich dem jetzt intensiver widmen. Darüber hinaus wird geprüft, ob ich weiterhin Vorsitzende des Koordinierungskreises Lommatzscher Pflege bis 2013 sein darf. Ich würde das gern machen.

Was haben Sie für sich persönlich nach Ihrer Amtszeit geplant? Haben Sie jetzt mehr Zeit, wenn ja, was machen Sie damit?

Ich stricke sehr gern. Bisher hat die Zeit für Mützen, Handschuhe und Schals gereicht. Vielleicht erweitere ich das Repertoire etwas - auch wenn die Kinder sagen: Es kratzt. Ich werde unser Grundstück ausgiebiger nutzen und mich den beiden Enkeln, die in Bayern zu Hause sind, mehr widmen.

Wird Ihre Schnapsglassammlung weiter wachsen?

Ach ja, die Gläsersammlung: Da kommen sicher in nächster Zeit noch einige dazu, denn mein Mann und ich reisen gern. Sobald ich wieder hergestellt bin, werden wir das wieder ausdehnen. Letztens ist sogar ein zweites Regal dazugekommen, um die Souvenirgläser unterzubekommen. Aber wie viele es momentan sind, habe ich nicht noch einmal gezählt...

In einem Interview haben Sie einmal erwähnt, sehr gern und sehr viel Rad zu fahren - ist das immer noch so oder müssen Sie gesundheitlich eher zurück treten?

Nein, ich fahre immer noch sehr gern und viel Rad. Wir haben sogar einen Fahrradanhänger am Auto und fahren gezielt Radwege an. Es gibt auch sehr schöne in der Umgebung.

Was wünschen Sie sich für sich persönlich?

Gesundheit ist ein Gut, das man bewahren soll. Denn wenn man gesund ist, kann man viel machen. Das ist, was ich allen und mir wünsche. Außerdem wünsche ich mir die nötige Ruhe und Gelassenheit, um Abstand zu dieser intensiven Arbeit zu bekommen. Für die Bürger wünsche ich mir mehr Gemeinschaftlichkeit: dass der Nachbar mit den Nachbarn ins Gespräch kommt. Wir können viel bewegen, wenn wir miteinander reden und aufeinander aufpassen.

Ihre letzten Worte in diesem Gespräch sind ...

Vielleicht mein Motto. Es findet sich in ein paar Zeilen von Rita Süßmuth wieder: "Es gilt, das zu verändern, was wir verändern können. Aber wir müssen auch mit dem leben, was wir nicht ändern können."

Interview: Natasha G. Allner

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