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Döbeln In Ehrenberg Talent entdecken, das einem niemand zutraut
Region Döbeln In Ehrenberg Talent entdecken, das einem niemand zutraut
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10:03 19.05.2018
Aufführung „Carissimo Pinocchio“ im Schauspielhaus Chemnitz, unter anderem für und mit hörbehinderten Menschen. Quelle: Ulla Heinicker
Ehrenberg

Wie kommt ein Venezianer auf ein sächsisches Rittergut? Performance-Kunst will er machen, mit vielen anderen Menschen. Seit mehr als zehn Jahren lebt Pier Giorgio Furlan in Ehrenberg in der Gemeinde Kriebstein, Landkreis Mittelsachsen. Zu Pfingsten, am Sonntag und Montag, öffnet er Tür und Tor des dortigen Rittergutes zur Aktion Kunst:offen.

Einfach still oder glücklich

Stimmengewirr auf der Ritterguts-Terrasse. Das ist nicht selten in Ehrenberg, allerdings: Gastgeber Pier Giorgio Furlan ist nicht zu hören - ein seltenes Erlebnis. Sonst erhebt sich die Stimme des italienischen Performance-Künstlers zu derartigen Anlässen oft über der Menge. Heute bleiben seine Regieanweisungen aus. Pier Giorgio Furlan ist zufrieden. Oder auch: Glücklich.

Wandlungsfähig von Biest bis Casanova

Soeben erfüllte sich sein größter Geburtstagswunsch: „Ich habe getanzt!“, lacht er. Maskiert als Minotaurus durchschritt er mit weit ausladender, kraftvoller Gestik das selbst angelegte Labyrinth im Gutshof – eine von mehreren kleinen Aufführungen für seine Gäste. Er tut das für sie an seinem Ehrentag, gibt sowohl den Casonova als auch das Biest.

Pier Giorgio Furlan, an seinem 65. Geburtstag in der Rolle des Giacomo Casanova. Auf dem Rittergut Ehrenberg gibt er mit Unterstützung weiterer Künstler mehrere kleine Aufführungen für die Gäste. Quelle: Ulla Heinicker

2019 vielleicht Aufführung im Opernhaus

Der Wandlungsfähige spielt vor der Kulisse der Schlossruine – auf dem Areal des Rittergutes, das seit mehr als einem Jahrzehnt seine Wohnort, seine Heimat ist. Mit Wegebegleitern und Mitstreiten feiert er seinen 65. Geburtstag. Ein Grund zum Zurückschauen? Furlan schaut vor allem nach vorn. Es deutet sich die Erfüllung eines weiteren Wunsches an, obwohl er daran kaum zu glauben wagt: Sein nächstes Performance-Projekt bringt er vielleicht auf die Bühne vom Opernhaus Chemnitz.

Als 13-Jähriger lieber Theater als Fußballplatz

Für den Opernfan ist das eine großartige Perspektive. Schon als 13-14Jähriger zieht es den gebürtigen Venezianer eher zu Opernaufführungen statt auf den Fußballplatz, wie seine älteren Brüder. Da verdrehen Gleichaltrige schon mal die Augen, angesichts dieses nach ihrer Meinung fragwürdigen Hobbys.

Lebendiges Stück Integration: Mit Pier Giorgio Furlan studieren Beschäftigte der Roßweiner Werkstätten für behinderte Menschen ein Stück ein. Quelle: Sven Bartsch

Menschen ohne und mit Handicap dabei

„Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, einmal mit einer eigenen Aufführung in einem Opernhaus aufzutreten“, freut er sich auf die Herausforderung, einerseits für sich selbst, aber auch für seine Mitstreiter. Nicht wenige der Menschen, mit denen er seine Performances einstudiert, bestreiten ihren Alltag mit den Einschränkungen eines körperlichen oder seelischen Handicaps. Unter anderem arbeitet er zusammen mit Menschen aus den Roßweiner Werkstätten für behinderte Menschen Sachsen des Diakonischen Werkes Döbeln.

In Ehrenberg begrabene Träume

In Deutschland lebt Pier Giorgio Furlan seit mehr als 30 Jahren, seit etwas mehr als zehn Jahren auf dem Rittergut in Ehrenberg. Einige Träume der Anfangsjahre rücken in dieser Zeit in weite Ferne. Das alte Schloss, in kühnen Plänen zur Sanierung vorgesehen, werde eine Ruine bleiben. Vom Scheunengebäude rechts neben dem als Wohnhaus dienenden Kutscherhaus musste das Dach nach mehreren Sturmschäden abgenommen werden.

Scheune ohne Dach neue Freiluftspielstätte

Verloren gibt Furlan das Gebäude damit nicht: Die Bruchsteinmauern sind sauber. Der Künstler stellt sie sich vor als Freilichtkulisse für Theateraufführungen, mit den Mauern als Projektionsfläche der farbigen Lichtkulissen. Geht etwas nicht so, wie er es sich vorstellt, ist das nicht das Ende.

Rechts vom Kutscherhaus: Die Scheune mit abgenommenen Dach. Die Hecke davor ist ein Labyrinth. Quelle: Ulla Heinicker

Lebensmotto: Weitermachen

„Dann muss sich auf anderem Wege etwas entwickeln. Auch wenn etwas scheinbar nicht gelingen will: Man muss weiter machen. Es ergeben sich dann andere Möglichkeiten. Das muss man dann auch zulassen können.“ Das Lebensmotto begleitet den Italiener mindestens seit er in Deutschland lebt.

Unverwechselbarer Stil

Den Venezianer zieht es nach dem Architekturstudium nach Berlin. Da hat er schon längst die Kunst als berufliches Betätigungsfeld entdeckt, befasst sich mit Animationstheater, arbeitet in Berlin mit professionellen Schauspielern. Furlan verfeinert seine Symbiose aus darstellender Kunst, Ausdruckstanz sowie Schauspiel zu seinem unverwechselbaren Stil.

Kunst des venezianischen Masken-Karnevals präsent

Die Kunst, das Handwerk, die Attitüde des venezianischen Masken-Karnevals ist auch in Furlans Arbeit nach wie vor unverkennbar. Ohne das gesprochene Wort auf der Bühne gewinnen die Darbietungen aus Gesten, Musik, Licht- und Farbprojektionen ihre eigene Dynamik. Das gelingt nicht zuletzt dadurch, weil die Mitwirkenden - zum größten Teil Laien - ihre Kostüme und Masken selbst entwerfen und anfertigen.

Betagte und pflegebedürftige Menschen, wie hier im Pflegeheim Berta Börner Roßwein, machen mit dem Modellieren der Masken völlig neue kreative Erfahrungen. Quelle: Wolfgang Sens

Die Dinge brauchen Raum, sich zu entwickeln

Dies erfordert ein hohes Maß an Geduld von einem Mann, der gemeinhin wenig Geduld aufzubringen bereit ist: Zu akzeptieren, dass nicht immer alles wird, wie er es sich vorstellt. Die Dinge brauchen stattdessen ihren Raum, sich zu entwickeln in den Bahnen, wie der jeweils mitwirkende Mensch dazu fähig und in der Lage ist.

Im Laufe der Jahre geduldiger geworden

„Das ist ein anhaltender Lernprozess, da sich die personelle Zusammensetzung der Darsteller jährlich ändert“, sagt Furlan und behauptet von sich, mit den Jahren durchaus geduldiger geworden zu sein.

Immer Architekt geblieben

Auch wenn er mehr Bekanntheit als Perfomance-Künstler erzielt, sei er in all den Jahren Architekt geblieben, nicht zuletzt auf dem Rittergut Ehrenberg. Dort wird auch der Förderkreis Centro Arte Monte Onore gegründet, dessen Mitglieder und ehrenamtlich Mitwirkende maßgeblich hinter der Projektarbeit stehen. Atelier und Werkstätten entstehen im Verwalterhaus, Näh- und Fundusräume, die Galerie Girasole. Furlan wohnt im Kutscherhaus, das für den Literatursalon oder für Sprach- und Kochkurse offen steht. Dieses Konzept kann nicht jeder so leicht für sich annehmen: das eigene Wohnzimmer für eine manchmal breite Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, damit sich andere Menschen ihrer Muse hingeben können.

Pier Giorgio Furlan im Verwalterhaus vom Rittergut Ehrenberg. Dort befinden sich Werkstätten, Fundusräume sowie die Galerie Girasole. Quelle: Wolfgang Sens

Räumliche und kreative Perspektiven

Furlan eröffnet damit nicht allein in räumlicher Hinsicht Perspektiven, sondern fungiert ebenso als Impulsgeber für andere, den Künstler und Genießer in sich zu entdecken. Es bringt Freude, die eigenen Kreationen mit anderen zu teilen, so sein Credo.

Räumliche und kreative Perspektiven

Daraus resultiert ein weiterer seiner Wünsche: „Die öffentliche Unterstützung für alle Projekte möge immer ausreichen für die beteiligten Menschen, die an ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit Freude haben.“ Er meint damit: Die dafür verantwortlichen Institutionen mögen diese Art Performance-Kunst als Feld breiter Entfaltungsmöglichkeiten wahr nehmen und ihre Förderwürdigkeit erkennen.

Von Steffi Robak

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