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Refugium – Zuflucht für Mensch und Pflanze

Skulpturengarten Ehrenberg Refugium – Zuflucht für Mensch und Pflanze

„Wichtig ist der Moment, wenn man zum ersten Mal einen Baum pflanzt – ganz gleich wo, man tut es für sich selbst. Man verwurzelt sich.“ Jens Ossada hat das getan: im Refugium Ehrenberg. Hier verbindet sich Kunst mit einer ressourcenschonenden Lebensweise durch bewusstes Wiederverwerten. Der Skulpturengarten steht Besuchern offen.

Das Refugium Ehrenberg von Jens Ossada ist für Mensch und Pflanze ein Zufluchtsort.

Quelle: Sven Bartsch

Ehrenberg. „Wir leben auf einer Kugel. Da kann es keinen Müll geben.“ So umreißt Jens Ossada ein Lebenskonzept, das er für sein Refugium zur Maxime erhob. Hinter einer Reihe üppiggrünenden Buschwerks entlang der Dorfstraße von Ehrenberg lädt das Areal zum Verweilen im dortigen Skulpturengarten ein.

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Die Skulpturen des Künstlers Jens Ossada fügen sich in das Areal der umgestalteten Streuobstwiese ebenso organisch ein wie die zwanzig alten Obstbäume.

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Ein Refugium ist gemäß Übersetzung aus dem Lateinischen ein Zufluchtsort. Der aus dem sächsischen Mittweida stammende Künstler gestaltete Grundstück und Häuser nach dem Prinzip des „Upcycling“ – ein Konzept des Wiederverwertens. Er differenziert zwischen „Müll“ und „Abfall“: Abfall ist für ihn etwas, das beispielsweise beim Bearbeiten eines Werk- oder Kunststücks eben abfällt. „Es ist vielleicht übrig, jedoch noch verwertbar. Anders als Müll: Der ist wertlos, zu nichts mehr nütze.“

Sinnvoll wieder verwenden

Wiederverwertung bedeutet in Ossadas Sinne, das Wegwerfen zu vermeiden. Das gilt für die Ernährung, Kleidung, das Wohnumfeld. Ursprüngliches Baumaterial, das bei der Sanierung des alten Bauernhofes ab- und anfiel, findet sich im öffentlich zugänglichen Skulpturengarten wieder: Frühere Fassadenteile, Ziegel, Dachpfannen, Tonrohre stecken in einer idyllisch bewachsenen, betont windschief hingemauerten Wand mit integrierten Kunstwerken aus Metall.

http://www.ossada.de/

Sitzbänke im Grünen stehen auf Teppichen ausgedienter Dachschiefer. Das dunkle Material speichert im Sommer tagsüber Sonnenwärme, strahlt sie abends ab, wenn jemand länger im Freien sitzen möchte. Von Mai bis Oktober öffnet Ossada den Skulpturengarten 9 bis 20 Uhr. Wer hinein möchte, parkt vorm Tor, klingelt, zahlt ein paar Euro für seine Tageskarte, spaziert im Garten oder setzt sich mit einem Kissen in eine der lauschigen Ecken. Wer möchte, bringt sich etwas für ein Picknick mit. Zu entdecken gibt es viel. Derzeit blüht der Hollunder in Weiß und Rot, die Rambler-Rosen duften…

Ort des Ankommens

Im Refugium ist alles eins: Kunst, Natur, Mensch – der Besucher ebenso wie jener Mensch, der sich als Künstler nur „ossada“ nennt. 39 Jahre alt, war er jahrelang in der Welt unterwegs, wohnt heute mit Frau und Kind auf dem Grundstück, welches den Skulpturengarten beherbergt. Ein Rückzugs- und Zufluchtsort ist es unter anderem für einige Pflanzen: Sie mussten Bauprojekten weichen und wären vernichtet worden, hätte Ossada sie nicht ins Refugium aufgenommen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein Ort des Ankommens.

Den heutigen Garten fand Ossada nicht als freie Fläche vor. Den Bauernhof trennte eine Streuobstwiese von der mitten durch den Ort führenden Straße. Die 20 Obstbäume behielten ihren angestammten Platz, sind in die Gestaltung organisch einbezogen. Der Besucher begegnet als erstes einem großen alten Apfelbaum. Der scheint bedrohlich nach links zu kippen, balanciert das gleichsam mit einem schweren, nach rechts ragenden Ast aus. Manchmal müssen die Dinge wachsen können, wie sie wollen, um besonders zu werden. Der Mensch sollte dieses Werden-wollen behutsam begleiten, mit dem nötigen Augenmerk den nötigen Raum lassen – davon erzählen im Refugium nicht nur die alten Obstbäume, sondern auch die Skulpturen.

Kunst erspüren und erfassen

Metall, Stein, Stahl, sind dort zu Kunstwerken gegossen. So entstand die Serie „New Babel“ in Schichtenguss, aus reinen Materialien, ohne Beschichtung, aus Aluminium und in Nassguss-Technik: Was der professionelle Gießer vermeidet, entdeckt Ossada als Experimentierfeld: Raue Oberflächen, hervorgerufen durch im Gießprozess beigegebene Wasser- und andere Materialeinschlüsse. In Beton vergoss er bereits Säcke voller Sand oder Eisbrocken. Man sieht das den Werken an, kann es erfühlen. Es ist erlaubt, die Objekte im Skulpturengarten zu berühren, die Beschaffenheit der Oberflächen zu erspüren. Bei Führungen mit Schwerbehinderten lädt Ossada ein zum Erspüren, Erfassen der Objekte.

Jens Ossada wuchs in Mittweida auf, wurde vor rund 20 Jahren bekannt durch die ersten Veranstaltungen von „Kunst am Wasser“ in Kriebstein. Damals schuf er mit der Kettensäge einige Holzskulpturen, die heute das Ufer der Talsperre säumen. Vom Holz hat er sich entfernt. Es schränke zu sehr ein, denn der Bearbeiter müsse es so nehmen, wie der Baum einst gewachsen ist.

Uralte Art des Lernens

Wer Zertifikate, Zeugnisse, Diplome, Kategorien benötigt, um einen Künstler einstufen zu können, der ist bei Ossada falsch. Der sagt: „Kunst hat mit dem Kunstbetrieb nichts zu tun. Dort geht es darum, wer wo und bei wem studiert hat. Das ist nicht Kunst, sondern Marketing.“

Das Medizin-Studium gab er zugunsten der Kunst auf. Von der Art des Lernens, die mit einem abgestempelten Zettel in der Hand endet, hielt Ossada nie viel, bildete sich lieber auf die alte Art weiter: „Man sucht sich einen Lehrer und fragt, ob man bei ihm lernen darf. Das uralte Prinzip liegt auch der Tradition der wandernden Handwerksgesellen zugrunde. Und die meisten Menschen, die etwas gut können, vermitteln gern ihr Wissen weiter an jemanden, der etwas lernen möchte.“ Das Gießen von Metall und Beton erlernte er auf eigene Initiative in einer Gießerei, deren Eigentümer ihm das ermöglichte.

Das Werden-wollen des Künstlers „ossada“ begann mit einem Beenden, das in ein Suchen mündete: Nach dem Studium lebte und arbeitete er knapp zehn Jahre lang in verschiedenen deutschen Großstädten, bereiste drei Jahre mit einem Atelierboot die Gewässer Westeuropas, lebte in Kommunen und im Penthouse, versuchte sich in Stuttgart im Spießer-Dasein als Gruppenleiter einer Werbeagentur.

Das Wo ist nicht von Belang

Dass er nach Sachsen zurück kam, sei Zufall gewesen, er hätte sich überall anders niederlassen können: „Ab einem bestimmten Punkt ist das Wo nicht mehr von Belang. Was ich suche, finde ich nicht in der Ferne. Als mir klar wurde: Alles was ich tue, tue ich für mich, ganz gleich an welchem Ort – da bot sich die Möglichkeit, in Ehrenberg das Grundstück zu kaufen.“ Das Refugium Ehrenberg ist kein Zufluchtsort im Sinne des Sich-verbergens. Es ist ein einladender Ort. Jens Ossada vermittelt seine Art zu leben, zu denken und zu arbeiten auf verschiedene Art: Unter anderem gibt er Workshops und Kurse im plastischen Gestalten oder Recycling-Kunst in Schulen sowie Kindergärten.

Von Steffi Robak

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