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Region Döbeln: Hebammen vor finanziellen Problemen

Region Döbeln: Hebammen vor finanziellen Problemen

Der zunehmende Kostendruck zwingt erste Hebammen in Sachsen, ihren Beruf aufzugeben. Ganz so dramatisch sieht es in der Region Döbeln bislang nicht aus.

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Brigitte Prokop während eines abendlichen Geburtsvorbereitungskurses in ihrer Praxis. Auf die Uhr darf sie nicht schauen, denn freiberufliche Hebammen können von einem Acht-Stunden-Tag allenfalls träumen. Urlaub ist kaum drin, weil sich schwer eine Vertretung finden lässt. Ausgaben steigen, während die Einnahmen stabil bleiben.

Quelle: W. Sens

Region Döbeln. Über die Jahre hinweg erhöhte sich die Haftpflichtversicherung, die Hebammen zahlen müssen. Jüngst stieg sie um satte 15 Prozent. Unter anderem ein Grund für die Freiberuflerin Carola Haschke aus Großweitzschen, Konsequenzen zu ziehen.

Eine ihrer beiden Beschäftigten hatte bislang als Beleghebamme im Leisniger Helios-Krankenhaus gearbeitet. Das bedeutet, sie war nicht in der Klinik angestellt, weshalb die Praxis Haschke die volle Haftpflichtsumme für sie tragen musste.

"Noch im vergangenen Jahr hatte unsere Kollegin 51 Kindern in Leisnig ans Licht der Welt verholfen", sagt Carola Haschke. Damit sei es seit dem 1. Januar vorbei. Ihre Praxis biete nur noch die Vor- und Nachsorge an, aber keine Geburtshilfe mehr. Für die Vor- und Nachsorge muss ein weitaus niedrigerer Satz der Haftpflichtversicherung gezahlt werden, der allerdings auch stetig steigt.

Ein zweiter Grund, das Leistungsspektrum einzuschränken, war für Carola Haschke der Weggang einer Mitarbeiterin im September vergangenen Jahres. "Jetzt sind wir nur noch zwei Kolleginnen, weshalb wir mehr zu tun haben", sagt Haschke, die noch keinen Ersatz gefunden hat. "Es ist kaum möglich, junge Menschen für die Tätigkeit als Hebamme im ländlichen Raum zu bewegen. Hier muss man an Wochenenden und Feiertagen arbeiten, bei Schnee und Regen raus. Oft auch in der Nacht, wenn ein Anruf kommt. Das ist nicht gerade lukrativ."

Drei Wochen vor und zwei Wochen nach der Geburt befinden sich Hebammen in ständiger Rufbereitschaft. "Wir haben eine hohe Verantwortung für Mutter und Kind, und das für einen Stundenlohn von 7,50 Euro brutto", erklärt Brigitte Prokop, ebenfalls freiberufliche Hebamme in der Region Döbeln. Um Haftpflicht- und Rentenversicherung, Krankenkasse, Raummiete für ihre Praxen, Autokosten und vieles mehr abdecken zu können, sei es mit einem Acht-Stunden-Tag nicht getan.

Für Grit Kretschmer-Zimmer, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes, kein Wunder, dass sich manche Freiberufler das nicht mehr leisten können und ganz aufgeben. Immerhin kann die Haftpflichtversicherung für die Geburtshilfe mittlerweile leicht die 1000-Euro-Grenze pro Quartal übersteigen. "Viele Kolleginnen konzentrieren sich inzwischen auf die Vor- und Nachsorge und haben die Geburtshilfe abgegeben. Damit stehen für Belegentbindungen, Hausgeburten und Geburten in außerklinischen Einrichtungen immer weniger Fachkräfte zur Verfügung. Das ist ein langsames Sterben."

Zu DDR-Zeiten waren alle Hebammen fest angestellt. Doch es werden immer weniger, die diese Sicherheit genießen können. Diana Fischer aus Leisnig hat wenigstens eine halbe Stelle am Helios-Krankenhaus in ihrer Stadt und leistet dort Geburtshilfe. Dafür wird sie, wie sie sagt, von der Klinik haftpflichtversichert. Pro Geburt erhält sie von den Krankenkassen 285 Euro.

Nur für ihren freiberuflichen Arbeitsanteil in der Vor- und Nachsorge muss sie die niedrigeren Haftpflicht-Beiträge zahlen. "Die sind zwar auch mit der Zeit gestiegen, aber die rund 450 Euro pro Jahr kann ich noch stemmen", sagt sie.

Den Versicherungsunternehmen will Grit Kretschmar-Zimmer vom Hebammenverband nicht den Schwarzen Peter zuschieben. "Im gesamten medizinischen Bereich steigen die Schadenssummen, denn heute gehen Betroffene häufiger den Klageweg", erläutert sie. "Wird ein Kind während der Geburt geschädigt, wird ausgerechnet, wie viel es über sein Leben lang mehr kostet. Diese Summe dient dann als Grundlage für das, was die Versicherung zahlen muss." Selbst für große Gesellschaften inzwischen ein Problem, weshalb es Hebammen schwer hätten, überhaupt noch jemanden zu finden, der sie versichert.

Grit Kretschmar-Zimmer fordert deshalb eine politische Lösung. Am einfachsten wäre es nach ihrer Meinung, einen steuerfinanzierten Fond einzurichten, aus dem alle Schadensfälle beglichen werden könnten. Doch Hoffnung macht sie sich nicht, dies durchsetzen zu können. "Wir sind ein sehr kleiner Verband ohne Lobby", bedauert sie.

Deshalb stehen die Chancen auch hinsichtlich ihres zweiten Wunsches eher schlecht. "Ein Handwerksmeister kann Preise erhöhen, wenn seine Kosten steigen. Aber bei uns bleiben die Einkünfte seit langem stabil. Die Gebühren, die wir von den Krankenkassen erhalten, müssten um 30 Prozent heraufgesetzt werden, um die Mehrbelastungen auszugleichen", sagt sie.

Politisches Handeln zeichnet sich derzeit nicht ab. Damit wird es immer weniger Hebammen geben, die freiberuflich die Geburtshilfe zu Hause oder in außerklinischen Einrichtungen anbieten. Das heißt, so Kretschmar-Zimmer, die Decke werde ausgedünnt und Frauen hätten keine Wahl mehr, wo sie entbinden können. Im Gegenzug komme auf die fest angestellten Hebammen mehr Arbeit zu. Der vereinbarte Schlüssel sehe vor, dass jede von ihnen pro Jahr 118 Kinder zur Welt verhilft. "Das ist schon viel, wenn man die Vor- und Nachsorge mit betrachtet", meint die Verbandschefin. "Heute sind wir aber schon bei 140 Geburten pro Hebamme angekommen. Kein schönes Arbeiten, wenn man so von Frau zu Frau springt." Frank Pfeifer

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