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Döbeln Der Ritter von Leisnig mit dem netten Lächeln
Region Döbeln Der Ritter von Leisnig mit dem netten Lächeln
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19:16 11.04.2018
Ritter Ilya siegt mit einem gewinnenden Lächeln statt mit Waffengewalt. Bei Burgführungen erklärt er, wie Kinder im Mittelalter auf der Burg Mildenstein lebten. Quelle: Fotos (3): Gerhard Dörner
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Leisnig.

Ritter Ilya auf der Burg Mildenstein ist keiner, der einem so schnell ein Ohr abhaut. Schließlich wünscht er sich, dass man ihm zuhört. Deshalb begegnet der 37-jährige Leipziger den Burgbesuchern mit einem offenen, gewinnenden Lächeln. Auf dem Burghof von Leisnig schaut er in erwartungsvolle Kindergesichter. Den bevorstehenden Rundgang möchte der freiberufliche Museumspädagoge ebenso spannend wie unterhaltsam gestalten.

Wie sich ein gutmütiger Ritter Respekt verschafft

Zunächst begrüßt Ilya Kirillov die quirligen Gäste mit lauter Stimme: „Guten Tag, ihr Nichtsnutze!“ Sofort zieht Ruhe ein. So verschafft sich ein Ritter also Respekt. Dabei hat Kirillov nicht mal ein Schwert, schon gar keine Rüstung. Die kommen erst später ins Spiel. In der grünen Tunika und mit einem dunklen wollenen Umhang scheint der gutmütige Ritter aus dem Märchen zu kommen.

Auf der Burg Mildenstein in Leisnig wird vermittelt, wie Fürstenkinder im Mittelalter lebten. Quelle: Burg Mildenstein

Aus Sankt Petersburg nach Mildenstein

Der gebürtige Sankt Petersburger spricht zudem in diesem bezaubernden, scheinbar nicht von dieser Welt stammenden Akzent, heißt die Neuankömmlinge als „Ritter und Ritterinnen, Prinzen und Prinzessinnen“ willkommen, lädt sie ein in eine vergangene, wieder lebendig werdende Epoche. Kirillov hilft den alten Zeiten beim Lebendig-werden: „Ich möchte ein Gesamtbild präsentieren, das zwar bunt ist, aber nicht märchenhaft, stattdessen realitätsnah.“ Realitätsnah ist zum Beispiel: Wer in einem Turm wie dem Leisniger Bergfried wohnt, muss nur viermal im Jahr baden.

Ohne Krieg ist der Ritter arm dran

Über den Ritter Ohneland alias Detlef Ringsleben, mit weißem Bart, eigentümlichem dunkelblauen Mantel und Fellweste, macht sich der viel jüngere Ilya erst einmal lustig. Mit Blick auf dessen Schnabelschuhe sagt er: „Schaut mal, nur Angeber durften früher so spitze Schuhe tragen.“ Unter den Rittern sind im Mittelalter nicht wenige tatsächlich arm. Nur wer in Diensten erfolgreicher Kriegsherren steht, kann sich von der Beute etwas leisten. Dafür muss das blutige Handwerk bei diversen Fehden gut laufen. Je anhaltender der Frieden, um so ärmer der Ritter.

Auf Holzpferden, wie hier „Lieselotte“ , wurden kleine Jungen zu Rittern ausgebildet. Auf Mildenstein können Kinder bei speziellen Führungen das Ringelstechen auf dem Holzpferd üben. Quelle: Gerhard Dörner

Pferde für Schulkinder zu teuer

Damit ein gepanzerter Reiter zu einem ordentlichen Vermögen kommt, wird er bereits als sechsjähriger Junge in diesem Handwerk ausgebildet. Dafür steht auf Mildenstein das Holzpferd Lieselotte brav hinter der Tür zum Herrenhaus. „Richtige Pferde sind für die Ausbildung von Kindern zu teuer“, erklärt Ritter Ilya. Lieselotte ist also nicht zum Spielen da, sondern für die Ausbildung. Die Schulanfänger des Mittelalters lernen mit ihr, sich ritterlich im Sattel zu halten.

Schon Kinder sollten Krieger werden

Wer im Sommer die Ritterführungen für Kinder besucht, kann auf Lieselotte üben. Beim Ringelstechen muss der Reiter mit der Lanzenspitze durch einen geflochtenen Reif treffen, während das Pferd auf seinen Holzrädern über das Hofpflaster holpert. Fakt ist: In einem Alter, in dem heute Kinder zum ersten Mal ihren Ranzen zur Schule tragen, werden vor 500 Jahren die Jungen zu Kriegern erzogen.

Erst mit 21 erwachsen - das war schon früher so

Das heißt: trainieren, trainieren, trainieren, bei nur zwei Mahlzeiten täglich, größtenteils bestehend aus Haferbrei und Brot. Die Ausbildung zum Ritter habe bis zu 15 Jahren beansprucht – „genauso lange, wie wir heute zur Schule gehen. Dass ein Mensch heute mit 21 Jahren als erwachsen gilt, ist das Erbe aus dieser alten Zeit“, ist Kirillov überzeugt.

Auf der Burg kann mitten im Haus auf einem Feuer gekocht werden. Quelle: Sven Bartsch

Heute seltsam: alte Küchengeräte

Als Ritter Ilya steigt er mit den Kindern in die obere Etage vom Herrenhaus, in die große Schwarzküche. Unterm riesigen Abzug lodert ein Feuerchen. Kirillov erklärt die Handhabung von Küchengeräten, die heute keiner mehr kennt. Den Menschen von damals halfen sie bei Verrichtungen, die heute per Knopfdruck funktionieren. „Die Zeiten waren anders, die Aufgaben die selben“, sagt er.

Leisnig, Burg für fürstlichen Nachwuchs

Auf der nächsten Etage gehen den Kindern die Augen über. Hier wird deutlich: Die Burg fungierte in der Mitte des 15. Jahrhunderts als eigenständiger Hof für die acht Kinder von Friedrich II., dem Sanftmütigen und dessen Ehefrau Margaretha von Österreich. Friedrich II. war damals Kurfürst von Sachsen, Markgraf von Meißen und Landgraf von Thüringen.

So leben Kinder bei Hofe

Im Herrenhaus fühlen sich die Besucher kurz wieder im Computerzeitalter: Per Fingerwisch am Touchscreen wird die Geschichte des Herrenhauses erzählt – also wie es ist, als Fürstenkind, im Alter von zwei bis elf Jahren, hier zu wohnen. Heute ist es der modernste Teil des Burgmuseums. In der Mitte des 15. Jahrhunderts fungiert die Burg Leisnig als Kinderstube für die Sprösslinge der kurfürstlichen Familie.

Jungen aufs Holzpferd, Mädchen in den Garten

Etwa die doppelte Anzahl Bediensteter kommt dazu, von der Kinderfrau über Küchenpersonal und Verwalter bis zum Geistlichen. Es ist ein alles andere als müßiger Alltag: Die Jungen werden in Ritterkämpfen ausgebildet, während die Mädchen zum Arbeiten im Garten angehalten werden.

Jüngster Bruder verstirbt als Säugling

Klingt nicht wie entspannte Sommerferien. Die Frühlings- und Sommermonate ab April 1447 verbringen die vier Töchter und vier Söhne von Friedrich dem Sanftmütigen und seiner Frau in der Burg Leisnig – ohne ihre Mutter. Diese sendet lediglich Briefe sowie hin und wieder Geschenke. Ihr jüngster Sohn Alexander verstirbt als Säugling, da ist die Mutter Margaretha weit weg. Auch das gehört zum Leben der Fürstenkinder.

Auf der Mildenstein können Gäste Schuhe probieren, wie sie im Mittelalter getragen wurden. Quelle: Gerhard Dörner

Schuhe gehen immer

Im Nachbarraum wird es wieder unterhaltsam: mit Kleidern und Schuhen. Alles wird anprobiert. Ritter Ilya ermutigt die Kinder. Sie bemerken: Ein Alltagsgewand ist selbst an einem Herrscherhof eher schlicht. Die Schuhe haben es vielen angetan. In mehreren Größen vorhanden, schlüpfen die Kinder hinein, schnallen hölzerne sogenannte Trippen darunter und wackeln damit über den Kopfsteinpflasterfußweg.

Warum der Löffel abgegeben wird

Hier gibt es viel auszuprobieren. Es geht entspannt zu, etwas lauter. Ritter Ilya erklärt, warum die Trinkgläser Buckel haben und woher die Redewendung vom Löffel-abgeben kommt. Ein Löffel, kostbares Esswerkzeug, wird nach dem Tode an jemanden vererbt, also: weiter- oder abgegeben.

Studierter Ritter mit Diplom

Natürlich möchte der Akademiker Kirillov gern viel von seinem Wissen weitergeben. Nach seinem Philosophiestudium in Sankt Petersburg, das bereits Kunstgeschichte, Religionswissenschaften und Politologie enthält, kommt Kirillov 2009 nach Deutschland.

Am Mittelalter schon immer interessiert

Hier studiert er weiter in Konstanz am Bodensee, befasst sich mit Slawistik. An mittelalterlicher Geschichte sei er immer interessiert gewesen, sagt er. Eine Zeit lang arbeitet er als Burgenführer auf der Meersburg am Bodensee, habe sich dort entschieden, dass er bei seiner Arbeit den Kontakt mit den Besuchern will.

Für Zuhörer Zusammenhänge erklären

„Man trifft auf verschiedene Charaktere. Dafür möchte ich offen sein. So lange es Spaß macht, mache ich das. Etwas Schauspielerei ist dabei“, lacht er. „Es ist spannend und man weiß nie, wie die Gruppe funktioniert. Ich möchte die Besucher interessieren für historische Zusammenhänge, die bis in die heutige Zeit reichen. Ist die Stimmung mal nicht so locker, entspanne ich die Atmosphäre.“

Jede Epoche mit eigenen Regeln

Das sei bei Kindern manchmal eine größere Herausforderung als bei Erwachsenen. Wann immer jemand über die Zeit der Ritter etwas erfahren möchte, der kann Ritter Ilya für eine der Führungen auf Mildenstein buchen. „Ein gutes Rezept ist wahrscheinlich, die Gäste nicht mit Wissen zu überhäufen.“ Was wurde früher mit der Hand angefertigt, wofür man heute elektrische Geräte nutzt? Wer konnte sich finanziell was leisten? Wer durfte welche Kleider tragen? „Jede Zeit hat eigene gesellschaftliche Regeln.“

Wer hilft dem jungen Mann gepolsterten Gambeson in die Rüstung? Das dauert rund 20 Minuten Quelle: Burg Mildenstein

In zwanzig Minuten voll im Blech

Über die Wohnkultur im Mittelalter erzählen die riesigen Rittersäle auf dem Mildenstein. Nach dem Anschauen der Waffen und Rüstungen erreicht die Führung ihren Höhepunkt: Eine Ritterrüstung liegt zum Probieren bereit. Dann wird ein braver Bursche gewählt, dazu ein paar Knappen, die ihm helfen, in etwa zwanzig Minuten die Rüstung anzulegen.

Rüstung, die Superbewaffnung

Ritter Ilya hält alle anderen mit Geschichten bei Laune, bis der Junge in der etwa zehn Kilogramm schwere Rüstung dasteht. „Diese praktische Erfahrung können die Kinder ruhig einmal machen. So eine Rüstung war zur damaligen Zeit eine Superbewaffnung. Nur vom Pferd fallen durfte der Mann nicht.“

Dem Tod geweiht: Im Stich gelassen

So erzählt Ritter Ilya, was es mit der Redewendung „jemandem im Stich lassen“ auf sich hat. Fällt ein Ritter im Kampf vom Pferd, ist er unbeweglich am Boden liegend ein hervorragendes Ziel für die Stichwaffe eines feindlichen Kämpfers. Die Knappen müssen den Ritter schnell auf die Beine stellen. Andernfalls – ist er im Stich gelassen.

Auch Mädchen tragen gern eiserne Panzerung

Dann kommt auf Mildenstein die Probe aufs Exempel: Der Junge in der Rüstung liegt auf dem Boden, die anderen sollen ihn aufheben. „Das kann man mit Kindern gut spielen, denn das ist eine enorme Aufgabe“, weiß der Museumspädagoge. „Man sollte ja meinen, das ist nur was für Jungen. Die Mädchen wollen auch mal Rüstung tragen, sind dann total stolz. Im Mittelalter waren Mädchen aus vielem ausgeschlossen“, erzählt Ritter Ilya, und er weiß genau: Die heutigen Mädchen lassen sich das nicht gefallen. „Ich freu mich, wenn sie sich trauen, danach zu fragen. Da können die Jungen ruhig komisch schauen.“

Von Steffi Robak

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