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Döbeln Rittergut Ehrenberg: Flüchtlinge machen Kunst
Region Döbeln Rittergut Ehrenberg: Flüchtlinge machen Kunst
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11:40 22.07.2016
Bei einem interkulturellen Kunstprojekt auf Rittergut Ehrenberg trafen Flüchtlinge aus Roßwein auf ein deutsch-polnisches Filmteam. Quelle: Gerhard Dörner
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Ehrenberg/Roßwein

In der Region Döbeln leben Menschen, die lehnen Asylbewerber ab und glauben den Medien kein Wort, die sie im Nazijargon als „Lügenpresse“ beschimpfen. In Lodz, das liegt in Polen, leben junge Akademiker, die glauben den polnischen Staatsmedien kein Wort, weil diese immer schlecht über Flüchtlinge berichten. Die rechtskonservative polnische Regierung steht ja bekanntlich der Flüchtlingsfrage etwas hartleibig gegenüber.

Auf dem Rittergut Ehrenberg sind drei polnische Stundenten der Filmakademie Lodz gerade mit Flüchtlingen konfrontiert. Dort veranstaltet Hausherr Pier Giorgo Furlan einen Kunst-Workshop mit Asylbewerbern aus Roßwein. Die polnischen Studenten filmen und fotografieren das gemeinsam mit ihren deutschen Kommilitonen von der Fachhochschule Mittweida.

Kommentar: Kunstprojekt schärft den Blick

Auf das „Lügenpresse“-Geschrei braucht man bei positiver Berichterstattung über das Flüchtlingsthema nicht zu warten. Das kommt prompt und unreflektiert. Dabei wäre es mal interessant zu erfahren, wie diese „Lügenpresse“-Pöbler reagieren würden, wenn sie täglich tatsächlich staatlich gelenkten Medien ausgesetzt wären, die sie mit „Wahrheiten“ beglücken, die so gar nicht mit der Realität übereinstimmen. Wahrscheinlich wären sie aber ganz glücklich in Polen (wahlweise auch Ungarn), weil diese Länder ja angeblich alles richtig machen mit ihrer Flüchtlingspolitik. Und staatlich gelenkte Medien, die überwiegend negativ über Geflüchtete berichten, würden diese Leute wahrscheinlich nicht als „Lügenpresse“ bezeichnen.

Die Massenschlägerei in der Roßweiner Asylunterkunft ist eine Tatsache. Die hat keiner verschwiegen. Genauso ist es aber eine Tatsache, dass dort nicht nur gewaltbereite und kriminelle Ausländer leben, wie es manche suggerieren. Angesichts dessen, wie friedlich und kooperativ sich gestern Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft auf dem Rittergut Ehrenberg ihrem Kunstprojekt widmeten, wie fleißig und kreativ sie dabei ans Werk gingen, entsteht ein völlig anderes Bild von den Menschen im Roßweiner Heim, als das, wie es die rechten „...wehrt-sich“-Seiten zeichnen. Das gilt es ebenfalls wahrzunehmen. Es ist gut und notwendig, dass es dieses deutsch-polnische Projekt in Ehrenberg gibt. Es öffnet die Augen und schärft den Blick für die Vielfalt der Farbtöne innerhalb der Flüchtlingsthematik. Dirk Wurzel

„Meine Studenten haben wahrscheinlich noch nie soviel geweint in ihrem Leben“, sagt Prof. Marek Pozniak. Sie waren hier mit den ganz realen Schicksalen, den Traumata konfrontiert, die Krieg und Flucht auslösen können. Wovon sie in den polnischen Staatsmedien aber nichts erfahren. „Ich schaue schon gar keine Nachrichten mehr. Da wird man nur mit der bösen Seite konfrontiert“, sagt Kasia M. Sosnowska. Ihre Kommilitonin Martyna Strzeloczyk sagt, dass sie den polnischen Medien kein Wort glaube. Sie ist froh, dass sie in Ehrenberg den Flüchtlingen begegnen durfte. Bei dem Kunstprojekt lernte sie eine syrische Familie kennen, deren Angehörige unterschiedlichen Religionen angehörten – Christentum und Islam unter einem Dach. „In Polen wird der Islam sehr negativ dargestellt“, sagt Martyna. Tomasz Wysocki, der dritte im Bunde, hat die Arbeit mit den Flüchtlingen wohl am meisten mitgenommen, wie Prof. Pozniak erzählt. Von Tomasz stammt ein Bild, dass den Menschen aus Syrien, dem Kosovo und Afghanistan als Inspiration diente für ihr eigenes Kunstwerk. „Es heißt: Das Floß der Medusa und stammt von Théodore Géricault. Es passt thematisch sehr zum Thema Flucht“, sagt Pier Giorgo Furlan. Das Bild zeigt Lebendige und Tote auf einem kleinen Floß in schwerer See. Es liegt nahe, dass dieses Motiv Assoziationen zu den Bildern der Flüchtlinge weckt, die in zu kleinen Booten übers Mittelmeer schippern.

Lage im Land ist unerträglich

So wie Dima, die aus Syrien geflohen ist und in einem kleinen Plasteboot übers Meer kam. Seit sieben Monaten ist die 25-Jährige in Deutschland und lebt im Roßweiner Flüchtlingsheim. Auf die Frage, woher sie kommt, antwortet die junge Frau wie aus der Pistole geschossen und auf deutsch: „Aus Roßwein.“ Die Stadt findet sie schön, aber zu klein. „Ich bin aus Damaskus, das ist so groß, wie Berlin“, erzählt Dima. Dort studierte sie Chemie – musste dies aber abbrechen. Dima hofft, irgendwann in Deutschland studieren zu können. Derzeit wartet sie auf ihre Anerkennung und darauf, endlich den Integrationskurs samt Sprachunterricht besuchen zu dürfen. „Mit Kunst habe ich es nicht so“, sagt Dima. Also macht sie sich anderweitig nützlich. Und auch unentbehrlich. Zum Beispiel als Übersetzerin, denn neben Deutsch spricht sie auch Englisch und natürlich ihre Muttersprache Arabisch. Ihre Heimmitbewohner bauen ein Floß und bemalen dieses Sinnbild der Flucht bunt.

Es sind diese Begegnungen, die die jungen Polen mit nach Hause nehmen werden. Nicht nur als Erinnerungen im Kopf, sondern auch als bewegte Bilder und Großformatfotos. „Wir planen eine Ausstellung in Polen. Wir müssen das öffentlich machen“, sagt Prof. Pozniak. Für ihn ist die Lage im Land unerträglich. „Die Regierung arbeitet mit der Kirche sehr eng zusammen, die eigentlich Liebe verbreiten müsste. Aber es ist es Hass, was sie verbreitet.“ Seine Studenten schildern die Lage im Nachbarland auf ironische Weise: Für alle stelle sich die Frage, wieso diese Regierung an der Macht ist, weil man keinen kennt, der sie gewählt haben will.

Es ist ein großes Füllhorn voller interessante Eindrücke, das am Ende im DAZ-Reporterauto mit nach Döbeln fährt.

Von Dirk Wurzel

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