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Döbeln Roßwein: Roland Theißig ist der letzte Böttcher der Region
Region Döbeln Roßwein: Roland Theißig ist der letzte Böttcher der Region
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22:41 27.01.2012

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"Ich wollte das nicht", sagt Roland Theißig heute, wenn er auf seine Lehrzeit in der Böttcherwerkstatt des Vaters spricht. "Zuerst wollte ich lieber Schmied werden, doch nach der Scheidung meiner Eltern fuhr ich einmal im Monat zu meinem Vater und der war nun einmal Böttcher", erzählt der 66-Jährige. "Einen wirklichen Einfluss hatte man darauf nicht."

Der damals 15-Jährige beginnt nach der achten Schulklasse die Böttcherlehre. 1963 ist sie beendet. "Da hatte ich den Beruf lieb gewonnen", erinnert er sich. Aber: "Die Werkstatt des Vaters wurde mir zu klein. Ich wollte mehr vom Beruf erfahren. Wir machten ja nur Geschirr, Wannen und Jauchefässer."

Theißig heuert bei der Böttcherei Götze in Dresden an. Dort lernt er den Fass- und Bottichbau kennen, stellt Weinfässer für bulgarische und rumänische Tropfen her, wird Böttcher mit Leib und Seele. Nur einmal, während seiner dreijährigen Armeezeit, zu der er während seiner Arbeit in Dresden abberufen wird, kommt er vom gelernten Beruf ab. "Da wollte ich zu den Jagdfliegern. Aber wegen meines schlechten Gebisses wurde ich nicht genommen. Dafür bot man mir an, Hubschrauberpilot zu werden. Aber zu den Hornissen wollte ich nicht", sagt er mit einem knurrigen Lachen.

Bis 1971 bleibt er bei Götze in Dresden, hat inzwischen eine Familie gegründet. 1972 macht er seinen Oberschulabschluss an der Volkshochschule. Wegen des knappen Wohnraums nutzt der junge Vater die Chance und zieht ins Haus seiner Tante in Mittweida. Das Problem: Für Böttcher gibt es in der Umgebung keine Arbeit und der Weg nach Dresden ist zu weit. Er wechselt zur Wäscheunion nach Mittweida als Heizer. In einem Abendstudium in Chemnitz lässt er sich zum Ingenieurökonom ausbilden. "Groß hinsetzen und lernen konnte ich zu Hause nicht, aber bis auf die russischen Fachtexte ging es. Da hatte ich nur 'ne vier", sagt er und lächelt wieder.

Die Anstrengungen zahlen sich aus. 1988 wird der gelernte Böttcher technischer Leiter im Werk 8 der Mittweidaer Wäscheunion. Nebenher betreibt er eine kleine Werkstatt, in der er Verbundfenster und Türen baut - ein wertvolles Gut zu DDR-Zeiten. "Das hatte ich noch beim Vater gelernt", erklärt Theißig.

Aus dem Hobby wird 1989 schon wieder ein neuer Beruf. Kurz vor der Wende tritt er aus der Wäscheunion aus und wird in kürzester Zeit für einen Fensterhersteller zum Verkaufsleiter Westsachsen. 1991 macht sich Theißig selbstständig. Weil ihm der Gewerbeschein in Mittweida verweigert wird, zieht Theißig kurzerhand ins frühere Haus des Vaters nach Roßwein. Die Firma wächst und schrumpft wieder. Zuletzt arbeitet er allein.

2005, mit 60 Jahren, ist Schluss - und zugleich Neustart. "Ich habe mir immer gesagt, wenn du mal Zeit hast, holst du die alten Werkzeuge vom Vater wieder heraus." Gesagt, getan. Eine Böttcherbank baut Theißig selbst nach, eine Schnittbank treibt er auf. Die Hämmer, Bandsäge und Fräse hat er noch. Für Freunde und Bekannte beginnt Theißig kleine Pflanzkübel und Fässer zu bauen. Auch ovale Pflanzwannen stellt er her. "Da musste ich erst einmal wieder in Übung kommen", erzählt er. "Das Böttcherhandwerk hat sich verändert, aber ich habe mich nicht verändert." Mit großen, rauen Händen zeigt er, wie mit einem hölzernen Fugenmodell der Radius des späteren Gefäßes bestimmt wird. Per Hand schlägt er Metallringe auf die Fässer. Dabei ist Fass nicht gleich Fass. "Bier brauchte mehr Bauch als Wein, weil die Fässer beim Transport vom Wagen geworfen wurden und mehr aushalten, je bauchiger sie sind", erklärt Theißig. Eiche sei am besten wegen der wenigen Astlöcher und des geraden Wuchses.

Der Kontakt zur Familie Götze in Dresden, die immer noch Böttcherei betreiben, ist nie abgerissen. "Auf Floh- und Weihnachtsmärkten stelle ich nur deren Waren aus. Aber zur Schau zeige ich, wie früher Fässer gemacht wurden", sagt der Pensionär. So auch beim letzten Kunstpaket in der alten Post in Roßwein, wo er zu den Stammgästen zählt.

Zwei, drei Böttcher wurden bundesweit bis 2010 jährlich ausgebildet. Heute werden die wenigen Lehrlinge in Niederösterreich mit geschult. "Dort herrscht eine andere Mentalität, hier stirbt das Handwerk aus", sagt er, aber ohne große Verbitterung. Es ist wie es ist, schwingt in Blick und Stimme mit - und zumindest er hält das Handwerk in der Region am leben.

Sebastian Fink

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