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„Sänger von Waldheim“ wieder auf freiem Fuß

Justiz „Sänger von Waldheim“ wieder auf freiem Fuß

Sechs Wochen war Ruhe in Waldheim. Solange saß der 40-jährige Waldheimer in Sitzungshaft, der mit Mandolinenspiel und gesangähnlichen Wortäußerungen einigen seiner Mitmenschen auf die Nerven fällt. Nun ist er wieder auf freiem Fuß. Das Amtsgericht Döbeln ist für den Mann nicht mehr zuständig.

Am Amtsgericht Döbeln endete der Körperverletzungs-Prozess gegen den Sänger von Waldheim am Montag ohne Urteil.

Quelle: picture alliance / dpa

Waldheim. Der Sänger von Waldheim hat seinen Paragrafen. Paragraf 20 Strafgesetzbuch um genau zu sein. Er gilt somit als nicht schuldfähig. Zu dieser Einschätzung kam Dr. Kerstin Buchholz, forensische Psychiaterin am Landeskrankenhaus Arnsdorf. Sie hatte das Gericht als Sachverständige bestellt, um den Geisteszustand des Angeklagten einzuschätzen, dem zweimalige gefährliche Körperverletzung und eine „einfache“ Körperverletzung zur Last liegen.

„Er lebt in einem Wahngebäude, hat kognitive Störungen, optische und haptische Halluzinationen – er spürt Menschen, die real gar nicht da sind“, sagte die Psychiaterin. Sie diagnostizierte bei dem Sänger eine paranoide Schizophrenie. Der 40-Jährige kommentierte das im Gericht mit den Worten „Das ist keine Erkrankung, sondern eine Gesundung.“ Er sei wieder Kind geworden und will seine Mitmenschen mit Lachen beglücken. Ihn stören Menschen, die mit ernsten Minen herumlaufen. Die seien angeblich vom „System“ geschickt, um ihn fertig zu machen. „Ich habe mich nur gewehrt“, sagte er zu den Tatvorwürfen, zwei Waldheimer mit seinem Musikinstrument geschlagen zu haben und einer Waldheimerin einen Ellenbogen-Kick verpasst zu haben, so dass die Frau zu Boden stürzte, mit dem Kopf auf der Straße aufschlug und eine Gehirnerschütterung davon trug.

Musikinstrument als Schlagwaffe

„Er hat sich mit meinem Kater unterhalten, der immer auf der Straße rumlungert. Ich wollte ins Haus, bat ihn, zur Seite zu gehen. Er reagierte nicht und ich wollte ihn etwas zur Seite schieben“, sagte die Frau. Dieses sanfte Schieben muss der Sänger wohl als Angriff empfunden haben. Ein anderer Zeuge hatte den Angeklagten am 2. Weihnachtsfeiertag gegen Mittag bitten wollen, sein Mandolinenspiel und Gesinge – manchen gilt das als Krach – wenigstens zu Weihnachten mal sein zu lassen. „Ich hatte das schon zwei, dreimal so gemacht. Da ist er weggegangen“, sagte der 55-Jährige. Als er den Sänger dieses Mal zum leiser treten bewegen wollte, habe ihn dieser sofort mit seiner Mandoline geschlagen. Zwei Wochen lang hatte der Mann Kopfschmerzen von den Schlägen. Ein 43-jähriger Waldheimer bekam ebenfalls Hiebe mit dem Musikinstrument, als er den „Sänger“ zur Rede stellen wollte – wegen dessen fortdauernden Pöbeleien im öffentlichen Raum.

Kommentar: Sänger stellt Geduld und Toleranz auf harte Probe

Für manche Waldheimer dürfte es reichlich unbefriedigend sein, wie das Amtsgericht Döbeln in Sachen „Sänger von Waldheim“ entschieden hat: Dass der als Krakeeler bekannte 40-Jährige nun bis zu seinem nächsten Prozess am Landgericht Chemnitz auf freiem Fuß ist und sein Verhalten fortsetzen kann, dass viele als pure Belästigung empfinden. Die Justiz erweckt in dieser Sache den Anschein, als könne sie die Bürger nicht vor einem potenziell gefährlichen Unruhestifter schützen. Fakt ist aber, wer psychisch so schwer angeschlagen ist, dass er Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden kann, hat keine Schuld, wenn seine Handlungen Straftaten darstellen. Das steht seit mehr als 140 Jahren im Strafgesetzbuch und gilt noch immer. Richterin Marion Zöllner hat nichts anderes getan, als sich an geltendes Recht zu halten, so wie man es von ihr als Richterin erwartet. Einzig bei der Tatsache, den Sänger bis zur nächsten Verhandlung am Landgericht Chemnitz – das hat über dessen Unterbringung im Maßregelvollzug zu entscheiden – gibt Anlass zur Sorge. Hoffentlich passiert nichts weiter.

Man nur raten, den Sänger zu ignorieren. Wer es kann, sollte ihm mit einem Lächeln begegnen und den Mann in seiner Welt leben lassen, in der er (wahrscheinlich krankheitsbedingt) lebt. Nur so lässt sich verhindern, dass es Konflikte mit ihm gibt, die böse eskalieren können. Diese Gefahr schwebt wie ein Damoklesschwert über dem 40-Jährigen und den Menschen, die mit ihm zu tun bekommen, wenn er seine Art von Musik praktiziert, sich so gibt, wie er es tut. Es mag vielen stinken, dass er wieder auf freiem Fuß ist, aber bitte ärgern Sie in nicht. Auch wenn er Geduld und Toleranz auf eine harte Probe stellt. Dirk Wurzel

„In seiner Welt erlebt er es als Angriff, wenn andere sein Verhalten nicht gut finden“, sagte Dr. Buchholz. Über den Grund seiner Krankheit kann sie nur mutmaßen. Möglich ist, dass dies ein Drogenmissbrauch verursacht hat. Im Vorstrafenregister des Mannes, der unter anderem wegen Raubes in der JVA Waldheim gesessen hat, finden sich laut der Gutachterin auch Verurteilungen wegen Drogenstraftaten.

Für Richterin Zöllner drängte sich die Frage auf, wie gefährlich für sich und andere der Sänger ist. Schließlich hing von der Antwort auf die Frage ab, ob der „Sänger“ freizusprechen ist, weil schuldunfähig aber nicht gefährlich, oder eben doch gefährlich, was eine erneute Hauptverhandlung notwendig macht. Allerdings darf eine Strafrichterin nicht entscheiden, ob jemand in den Maßregelvollzug eingewiesen wird, sondern das Landgericht.

„Chemnitz, übernehmen Sie!“

„Er ist zunächst mal selbstgefährdend“, sagte die Psychiaterin. Durch sein verhalten, das ist der DAZ bekannt, hat er in der Vergangenheit bereits selbst mal den Frack voll bekommen. „Von ihm alleine geht keine Gewalt aus. Nur wenn man ihm in einer Weise entgegentritt, die er als Angriff empfindet.“ Heißt auf gut deutsch: Am besten ignorieren, den Sänger. „Geschultes Personal kann mit dem Angeklagten umgehen. Aber man kann doch nicht die ganze Stadt Waldheim belehren und man kann auch nicht von jedem Waldheimer erwarten, dass er mit dem Angeklagten umgehen kann. Die Toleranz, wie sich psychisch Kranke in der Öffentlichkeit benehmen, ist eher gesunken“, sagte die Sachverständige.

Für Richterin Zöllner reichten deren Angaben, um den Sänger für gefährlich in dem Sinne zu halten, dass von ihm weitere Straftaten ausgehen. Darum verwies sie die Anklage zur weiteren Verhandlung ans Landgericht Chemnitz. Sie verzichtete allerdings darauf, den Angeklagten bis zu diesem Prozess vorübergehend in der Psychiatrie unterzubringen, wie es die Strafprozessordnung genau in solchen Fällen erlaubt. So spazierte der 40-Jährige samt Mandoline als freier Mann aus dem Amtsgericht Döbeln. Dorthin hatten ihn Wachtmeister der JVA Zwickau in Handschellen gebracht, weil der „Sänger“ seine bisherigen Gerichtstermine geschwänzt und Richterin Zöllner Sitzungshaft angeordnet hatte.

Von Dirk Wurzel

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