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Döbeln Spendenziel erreicht: Döbelner Formularlotse ist eine Runde weiter
Region Döbeln Spendenziel erreicht: Döbelner Formularlotse ist eine Runde weiter
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18:48 13.07.2018
In Deutschland funktioniert nichts, ohne Formulare. Mit ihren rudimentären Sprachkenntnissen stoßen Geflüchtete da schnell an ihre Grenzen. Das Döbelner Projekt „Formularlotse“ soll nun deutschlandweit Lösungen anbieten und Abhilfe schaffen. Quelle: Willkommen in Döbeln
Döbeln

Es ist geschafft. Der Formularlotse des Bündnisses „Willkommen in Döbeln“ hat bei der Crowdfunding-Kampagne des Deutschen Integrationspreises einen furiosen Schlussspurt hingelegt. Nach schweißtreibenden und kräftezehrenden vier Wochen haben die Frauen und Männer hinter der Idee, das Ziel erreicht, 10 000 Euro Spenden für ihr Projekt einzuwerben.

Drei Tage vor Ende der Kampagne dachte Hartmut Fuchs, der Leiter des Döbelner Willkommensbündnisses, der Kampf um die Spendengelder sei verloren. Da standen gerade mal reichlich 6000 Euro auf der Spendenuhr. Noch einmal wurden alle Kräfte aktiviert. Am Abend vor dem Ende der Kampagne bei dieser Schwarm- oder Gruppenfinanzierung war das Ziel mit 10022 Euro gerade erreicht. Bis zum Ende hatten deutschlandweit 255 Einzelspender insgesamt 271 Spenden zwischen 5 und 2000 Euro beigesteuert. Und so kamen für den Formularlotsen aus Döbeln genau 10 791 Euro in den vier Wochen zusammen. Das Geld kam aus ganz Deutschland, zum überwiegenden Teil von außerhalb Sachsens, da der Freistaat in Sachen Willkommenskultur kein sehr guten Ruf hat.

Formulare, Formulare – schon wir Deutschen verzweifeln oft an unserer gründlichen Bürokratie. Quelle: Willkommen in Döbeln

Vor allem mit Interviews, Videos und spannenden Informationen im Internet und bei Facebook punktete das Döbelner Willkommensbündnis bei den potenziellen Förderern. Besonders für Flüchtlingsschicksale erklärten überzeugend, warum ein Formularlotse gebraucht wird.

Nach sechs Monaten Integrationskurs und mit B1 bestandener Deutschprüfung kommen die geflüchteten im Alltagsleben an. Sie haben mit Behörden, Terminen und Formularen zu tun. Es geht um alltägliche Probleme, etwa Fragen der Ausbildung, Arbeit, Wohnung und Kinderbetreuung. Dokumente bereitzuhalten und Formulare ausfüllen zu können, ist in Deutschland lebensnotwendig. Mit Schicksalen von in Döbeln lebenden Geflüchteten machten die Formularlotsen das anschaulich. So halfen die wöchentliche Migrationsberatung des Willkommensbündnisses einem Iraker. Er war mit seiner Frau und seinen sechs Kinder im Nordirak vor den mordenden IS-Banden geflüchtet, hatte Frau und Kinder in einem Flüchtlingslager hinter der syrischen Grenze in Sicherheit gebracht und hatte sich 2015 allein übers Mittelmeer nach Deutschland durchgeschlagen. Zweieinhalb Jahre später konnte er endlich seine Familie legal nachholen. Was er nicht wusste, die Visa für Frau und Kinder liefen nach drei Monaten automatisch ab. Er hätte neue Aufenthaltsgenehmigungen beantragen müssen. Als er das erfährt, ist die Familie bereits illegal. Um nun eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, brauchen Frau und Kinder eine Wohnadresse. Dafür braucht der Vermieter aber eine Aufenthaltsgenehmigung. Mit seinen in Crashkursen erworbenen Deutschkenntnissen dreht sich der Iraker in der deutschen Bürokratie und ihren Formularen in völlig unverständlichem Deutsch im Kreis. Die Formularlotsen konnten ihm helfen.

Zum Döbelner Projekt gehört auch ein Formularcheck und ein Formularachiv als Plattform im Internet. Quelle: Willkommen in Döbeln

Ebenso einem 24-Jährigen Syrer. Der anerkannte Flüchtling will dem Land, was ihn aufnahm, nicht auf der Tasche liegen. Er hat Abitur und Elektrikerausbildung. Doch die einzige Arbeit, die er angeboten bekommt, ist ein Job auf Abruf bei einer Reinigungsfirma mit mal 20 und mal weniger Stunden pro Woche. Weil der Lohn nicht zum Leben reicht, bekommt er als Aufstocker noch Hartz-IV-Leistungen. Doch weil sein monatliches Gehalt stark schwankt, muss er jeden zweiten Monat einen neuen Hartz-IV-Antrag stellen. „Daran verzweifelt schon der Durchschnittsdeutsche. Doch wie geht es jemandem, der gerade erst diese neue Sprache mit einem fremden und von der Schreibweise völlig neuen Schriftbild lernt“, erklärt Hartmut Fuchs.

Insgesamt vier solcher exemplarischen Schicksale von Geflüchteten in Döbeln in kleinen Videobeiträgen gehörten zur erfolgreich abgeschlossene Spendenkampagne. Die wiederum war nur der erste Teil der Ausschreibung zum Deutschen Integrationspreis. Mit dem möchte die gemeinnützige Hertie-Stiftung überzeugende Projekte zur Integration fördern, sie bei der Umsetzung begleiten und auszeichnen. Dafür wird das erfolgreiche Crowdfunding später mit dem Stiftungspreisgeld kombiniert.

Für die Finanzierung von Projekten und das Preisgeld stellt die Hertie-Stiftung über 200 000 Euro bereit. Der Deutsche Integrationspreis besteht aus zwei Teilen: Zunächst sammelten alle teilnehmenden Projekte im Crowdfunding-Wettbewerb auf der Internet-Plattform Startnext Geld. 27 von 35 am Wettbewerb teilnehmenden Projekten haben sind dank der eingeworbenen 10 000 Euro weiter im Rennen. Im Oktober wird schließlich ein Jurypreis vergeben, bei dem an die sechs Finalisten 20 000 Euro, 30 000 Euro oder 50 000 Euro vergeben werden. „Unser Ziel ist es jetzt unter die Top sechs in der nächsten Runde zu kommen“, so Hartmut Fuchs vom Döbelner Willkommensbündnis.

Hier gehts zur Internetseite des Formularlotsen.

Kommentar: Eine Idee gegen Mauern aus Papier

Der unaufgeräumte Schreibtisch zuhause ist kein wirklich schönes Bild. Aber die Vorstellung, dass alle wichtigen Dokumente, von Kindergeldantrag, Schulanmeldung bis Mietvertrag darauf plötzlich auf arabisch verfasst sind, ist Albtraum. Schon durchschnittliche deutsche Formulare muss man mindestens drei Mal gelesen haben, um annähernd sie zu verstehen. Diesen Albtraum erleben jene Geflüchteten, die einen Status bekommen haben, und bleiben dürfen, als nächste Hürde. Manchmal drehen sich Menschen mit den verschiedenen Formularen deutscher bürokratischer Gründlichkeit völlig im Kreis. Wer von den Geflüchteten etwa arbeiten möchte, um dem Gastland nicht auf der Tasche zu liegen, stößt an Mauern aus Papier. Diese Mauern kennen wir Deutschen aus allen Lebensbereichen. Wir sind es gewohnt, dass es für jeden Scheiss ein Formular gibt.

Die Integration von Geflüchteten hält neue Aufgaben für unsere Zivilgesellschaft bereit. Dass die etwa 100 Mitbegründer und die rund 30 Aktiven im bürgerlichen Döbelner Willkommensbündnis dieses Problem als neue Aufgabe begreifen, es anpacken und mit dem Formularlotsen eine Idee mit bundesweiter Unterstützung zum Projekt machen, hat nicht nur Ehre sondern auch Stiftungsgeld verdient, damit Integration nicht an Mauern aus Papier scheitert.

th.sparrer@lvz.de

Von Thomas Sparrer

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