Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Start der neuen Serie: Zu Besuch im idyllischen Zschochau

DAZ-Dorfporträt Start der neuen Serie: Zu Besuch im idyllischen Zschochau

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Nester, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Zum Auftakt rollte das DAZ-Mobil in das beschauliche Zschochau.

Kennt die Geschichte des Ortes in und aufwendig: Pfarrer Reinhard Mehnert.

Quelle: Sven Bartsch

Zschochau. „Kikeriki“. Der Schrei ist so durchdringend, dass er selbst die Dudelmusik aus dem Autoradio übertönt. Ein Hahnenschrei, mehr Dorfatmosphäre geht nicht. Ein paar Meter weiter gackern die zugehörigen Hühner. Willkommen in Zschochau. Wer in das kleine, idyllisch in einem Tal gelegene Dorf, hineinrollt, merkt sofort, er ist auf dem Land. Handynetz? Fehlanzeige. Empfang hat man nur unweit der Kirche, die praktischerweise auf einem Hügel steht, weithin sichtbar.

Dort oben wartet schon Reinhard Mehnert. Der Ostrauer Pfarrer – grauer Vollbart, kurze Jeanshose – begleitet die Gläubigen, die zur Kirchgemeinde Jahnatal gehören, seit 32 Jahren. „Ich bin mit vielen hier alt geworden.“ Ein Großteil der Zschochauer genießt die Rente. Wie viele leidet auch dieses Dorf unter der Abwanderung der Jungen. Alle vier Wochen lädt Mehnert sonntags zum Gottesdienst in die evangelische Kirche, die 170 Besuchern Platz bietet. „Wir würden fast das ganze Dorf hier reinkriegen“, sagt er, lacht und kramt den Türschlüssel heraus.

cc518a28-6f78-11e6-8b14-7f4f794fd5bf

190 Einwohner hat der kleine Ort Zschochau in der Nähe von Ostrau. Ein idyllisch gelegenes Dörfchen mit verfallenem Rittergut, einem verschlammten Dorfteich und Menschen, die füreinander da sind.

Zur Bildergalerie

1866 bauten die Zschochauer ihre Kirche, die vermutlich auf einer alten slawischen Ringburg steht, nach einem verheerenden Dorfbrand wieder auf. Anfang der 1990er-Jahre wurde sie komplett saniert und sieht bis heute von außen und innen sehr gepflegt aus. Die Einrichtung ist zum größten Teil im Original erhalten, inklusive der Rittergutslogen und der Orgel von Franz-Emil Keller aus Ostrau. Im Winter wird der alte gusseiserne Ofen – ein echtes Schmuckstück – angeheizt.

Das Leben im Ort ist zum Erliegen gekommen

Dass Mehnert heute in Zschochau ist, bleibt nicht unbemerkt. Kurt Winkler wohnt nur einen Katzensprung von der Kirche entfernt und begrüßt den Pfarrer wie einen alten Bekannten. 1939 flüchtete der 77-Jährige aus Schlesien in den kleinen Ort, arbeitete später im Stahlwerk in Riesa. Winkler gefällt es in Zschochau, bis heute. „Hier sind alle verwandt oder verschwägert“, sagt er. Das Dorf ähnele einer großen Familie.

Schade sei nur, dass das Leben im Ort beinahe zum Erliegen gekommen sei. Die Kaufhalle, die Handwerkerbetriebe, die beiden Gaststätten, die Schmiede, die Brauerei, die Post, die Schule – alles ist inzwischen dicht. Nur ein Geflügelzüchter und ein Landwirt halten sich noch. „Zschochau ist fast nur noch ein Wohndorf“, sagt auch Reinhard Mehnert. Fragt man den Pfarrer, wie er den Ort in einem Wort beschreiben würde, sagt er: „Niedergang“.

Die Bevölkerung von Zschochau

Zschochau, das zur Gemeinde Ostrau gehört, wird 1185 als Herrensitz erstmals urkundlich erwähnt. Sein Name ist mit großer Wahrscheinlichkeit sorbischen Ursprungs. 1834 leben 526 Menschen im Dorf, nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1946 sind es bereits über 1000 – darunter viele Flüchtlinge aus Schlesien. 1990 hat Zschochau noch knapp 700 Bewohner. Nach und nach ziehen immer mehr Menschen weg. Heute hat der kleine Ort nur noch 192 Einwohner.

Bäcker, Fleischer und ein Fischauto rollen zwar wöchentlich ins Dorf, doch wer im Supermarkt einkaufen will, muss ins fünf Kilometer entfernte Ostrau fahren. Hartmut Zieger packt gerade seine Einkäufe aus dem Kofferraum. „Leerfahrten gibt es nicht“, sagt der 59-Jährige, der staunt, dass seinem Heimatort soviel Beachtung geschenkt wird. „Hier verirrt sich sonst nie einer her.“ Zieger wohnt mit seiner Frau direkt unterhalb der Kirche, über ihm ruhen die Verstorbenen auf dem Friedhof. „Ich brauche keinen Blitzableiter“, scherzt er. Das ehemalige Straßenwärterhaus bewohnt Zieger in 3. Generation, schon sein Großvater und sein Vater verbrachten als Sattler beziehungsweise Bauer ihr Leben hier. Zieger ist der erste, der für den Beruf pendeln muss. Der Techniker arbeitet in der Nähe von Mittweida.

Hartmut Zieger lebt in 3

Hartmut Zieger lebt in 3. Generation im ehemaligem Straßenwärterhaus in Zschochau.

Quelle: Sven Bartsch

Seine Kinder wohnen inzwischen bei München, Hartmut Zieger aber wollte hier nie weg. Dabei hatte die Gemeinde sein Elternhaus schon zum Abriss freigegeben. Der gelernte Heizungsbauer machte es wieder fit, ließ Wasserleitungen verlegen, neue Fenster und eine Heizung einbauen. Heute genießt er die Ruhe im Ort. Zschochau hat praktisch keinen Durchgangsverkehr. „Hier tanke ich auf für die nächste Woche.“

Dorfteich ist Ärgernis im Dorf

Eine kleine Garten-Oase hat sich auch Karl-Heinz Puhle angelegt. Gurken und Tomaten ranken in einem grünen Gewächshaus, direkt neben seiner Garage. Hier entspannt sich der Trockenbauer nach einer stressigen Arbeitswoche. Seit 16 Jahren fährt der gebürtige Zschochauer auf Montage in den Süden. Wenn er am Donnerstagabend nach fünf Stunden Autobahnfahrt wieder in sein Heimatdorf rollt, genießt Puhle die Abgeschiedenheit des kleinen Ortes. Nur eines stört ihn: der verschlammte Dorfteich. „Wird Zeit, dass er gemacht wird“, sagt der 60-Jährige und deutet mit dem Kopf Richtung Dorfmitte.

Karl-Heinz Puhle fährt auf Montage und ist nur am Wochenende in Zschochau

Karl-Heinz Puhle fährt auf Montage und ist nur am Wochenende in Zschochau.

Quelle: Sven Bartsch

Der Feuerlöschteich ist das Reizthema im Ort. Ein paar Enten dümpeln gemütlich auf dem sumpfigen Gewässer herum. Bei einem Hausbrand 2007 konnte die Feuerwehr nicht löschen, weil nicht ausreichend Wasser vorhanden war. „Wenn es mal wieder brennt, ist das eine Katastrophe“, warnt Pfarrer Mehnert. „In dem Teich ist nur noch der blanke Schlamm drin“, meckert auch Tino Thierbach, der direkt daneben wohnt. Der 47-Jährige arbeitet als Hausmeister in der Gemeinde Ostrau. An seinem Haus wird gerade das Dach neu gedeckt. Der Teich sei der einzige Schandfleck im Ort, erklärt er. Doch Besserung ist in Sicht: Das Gewässer wird gerade wieder ausgebaggert.

Kennt  Zschochau seit 32 Jahren

Kennt Zschochau seit 32 Jahren: Pfarrer Reinhard Mehnert.

Quelle: Sven Bartsch

Weiter geht der Spaziergang mit dem Pfarrer einmal quer durchs Dorf, vorbei an der ehemaligen Schule, die heute bewohnt ist, vorbei am alten Rittergut, das immer mehr verfällt, vorbei an der Bushaltestelle und dem Feuerwehrhäuschen, auf dessen Giebel die Zahl „1958“ prangt. „Da wurde es gebaut“, erinnert sich Christian Weimert, der damals selbst mit Hand anlegte. „Ich bin ein ganz alter Zschocher“, sagt der 79-Jährige und verschluckt dabei das „au“ ganz selbstverständlich.

Weimert führte die Dachdeckerdynastie seiner Familie weiter, übernahm den Betrieb 1968. Nach dem Zweiten Weltkrieg war vieles in der Gegend kaputt, „Jeder Dachziegel wurde dreimal benutzt“, erinnert er sich. „Mit Hängen und Würgen“ brachte er die Firma durch die Wendezeit, später ging er einige Male pleite, weil Kunden nicht zahlten. Seit 2006 ist er im Ruhestand. „Wenn wir dich nicht dazu gedrängt hätten, würdest du immer noch auf dem Dach herumkrauchen“, bescheinigt ihm seine Tochter Silke Schuricht und lächelt dabei. Die 43-Jährige arbeitet in einer Lohndienstleistungsfirma in Döbeln, mit ihrem Mann zog sie 1999 wieder in ihr Heimatdorf zurück. Ihre Freunde blieben in der Stadt.

Kaffeekränzchen bei den Nachbarn im Garten

Christian Weimert und seine Tochter stehen jetzt im Garten der Nachbarn, die zum Kaffeekränzchen einladen. Vor 46 Jahren haben Marlene und Reinhard Müller geheiratet. Der Landwirt und die Fertigungstechnologin sind mit ihren 68 und 70 Jahren beide in Rente, die Kinder leben in den alten Bundesländern. Marlene Müller gießt starken Kaffee in kleine weiße Tassen. Jetzt drängen sich alle um den Gartentisch auf einer schattigen Terrasse und wollen erzählen, vor allem von früher. Fotoalben werden herausgekramt, in denen Schwarz-Weiß-Aufnahmen kleben. Sie zeigen lachende Gesichter, Momentaufnahmen von der 800-Jahrfeier des Dorfes 1985 – dem letzten großen Höhepunkt in Zschochau.

Familie Müller und Familie Weimert beim Kaffeetrinken im Garten

Familie Müller und Familie Weimert beim Kaffeetrinken im Garten.

Quelle: Sven Bartsch

„Die Jugend ist fort“, sagt Christian Weimert.

„Jetzt im Alter ist Zschochau doch sehr abgelegen“, sagt Marlene Müller.

„Das gesamte kulturelle Leben ist zusammengebrochen“, sagt Reinhard Müller.

Und doch haben die Bewohner auch Gutes über ihren Ort zu berichten. Der Kontakt zu den Nachbarn sei eng, so Christian Weimert. Freitagabend trinke man oft ein Bierchen zusammen. Marlene Müller sagt, dass der schöne Platz im Ort das Eichholz-Wäldchen im Frühjahr sei, wenn dort die Schneeglöckchen, Märzenbecher und Winterlinge blühen. Irgendwann schmettert Christian Weimert mit tiefer Stimme ein Liedchen, er war früher im Gesangsverein.

Gerda Sorge ist eine der ältesten Bewohnerinnen des Ortes

Zum Schluss noch ein Abstecher zu einem echten Urgestein des Dorfes. In einem großen Haus am Ortsrand wohnt Gerda Sorge, die ihre 85 Lebensjahre in Zschochau verbracht hat. Die alte Dame sitzt auf einer Bank in der Einfahrt des Hauses und blinzelt in die Sonne. Ein Schmetterling setzt sich für einen Moment auf ihre bunte Kittelschürze. Mit ruhiger Stimme erzählt sie von früher, von ihrer Kindheit im Dorf.

Ein echtes Dorf-Urgestein

Ein echtes Dorf-Urgestein: die 85-jährige Gerda Sorge.

Quelle: Sven Bartsch

Die Familie war arm, der Vater starb früh, die Mutter zog die fünf Kinder allein groß. Nach der Schule mussten ihre Geschwister und sie den Bauern auf dem Feld helfen. Eine Stunde Rüben ziehen für einen Groschen. Doch Sorge erinnert sich auch an Murmel- und Ballspiele mit den Freunden, an legendäre Tanzfeste. „Unser ganzes Dorf war eine Familie“, sagt sie. „Ich hatte eine schöne Jugend.“ Zum Arbeiten fuhr die junge Gerda in eine Spinnerei nach Riesa, dann heiratete sie, bekam mit 20 das erste von vier Kindern. Fortan blieb sie zu Hause, kümmerte sich um die Schweine, Hühner, Enten und Ziegen. So viele Erinnerungen verbindet Gerda Sorge mit ihrem Wohnhaus, sie will auf keinen Fall in ein Pflegeheim.

Ihr Mann ist inzwischen gestorben, ein Sohn lebt noch mit im Haus, ist für seine Mutter da. Auch aus der Nachbarschaft schaut fast täglich jemand vorbei. Gerda Sorge ist nicht allein, sie lebt in Zschochau.

Von Gina Apitz

Zschochau 51.1976652 13.195521
Zschochau
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Döbeln
DAZ-Reporter auf Tour

Die Redaktion der Döbelner Allgemeinen Zeitung (DAZ) ist jetzt noch mobiler unterwegs: Mit dem DAZ-Reporterauto fährt täglich ein Kollege im rollenden Büro durch den Altkreis Döbeln. Mit dem Reporter-Mobil will die Redaktion noch näher an ihre Leser heranrücken - und künftig von überall aus schnell und aktuell berichten.

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig geht in die nächste Runde. Alle Infos finden Sie hier! mehr

  • LVZ-Fahrradfest
    Logo LVZ-Fahrradfest

    LVZ-Fahrradfest 2016: Sehen Sie hier einen Rückblick mit vielen Fotos von allen Starts, Videos und mehr. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2016

    Sport frei!, heißt es auch 2016 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Belantis - Infos und Events
    Belantis - Infos und Events

    Belantis - das AbenteuerReich im Herzen Mitteldeutschlands. Hier gibt es Neuigkeiten und alle Infos zu den Events! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und weitere asisi-Projekte in Dresden, Berlin und anderen Städ... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr