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Superintendent Liebers im DAZ-Interview: "Die Kirche im Dorf verschwindet zuletzt"

Superintendent Liebers im DAZ-Interview: "Die Kirche im Dorf verschwindet zuletzt"

Seit anderthalb Jahren ist Superintendent Arnold Liebers Nachfolger von Albrecht Schmidt als Superintendent im Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz.

Region Döbeln.

 

 

 

 

Frage: Herr Superintendent, Sie sind zu Fuß. Wie kommt's?

Arnold Liebers: Ich bedanke mich beim Landratsamt für seine unbegreifliche und maßlose Güte, für das Geschenk eines autofreien Monats. Zugleich sichere ich Arbeitsplätze bei der Bahn und kann zehn Tage für eine Fortbildung nutzen. Ich möchte aber nicht als Verkehrsrowdy dastehen, sondern betonen, dass ich in ernsthafter Wahrnehmung meines Dienstes unterwegs war. Man sollte sich halt nicht so viel aufhalsen und meinen, alles durch zügiges Fahren herausholen zu können. Aber selbst der Papst soll ja mal ohne Gurt gefahren sein.

Die Katholiken haben mit dem Papst eine zentrale Figur, die die Massen anzieht und die Menschen bewegt. Sind Sie da ein bisschen neidisch?

Nein. Denn wo Licht ist, da ist auch viel Schatten. Ich meine damit nicht die Persönlichkeit des Papstes. Ein Mensch in so einem Amt wird auch zur Zielscheibe, und wie ich finde, manchmal ungerechtfertigt.

Über das Papstamt als solches möchte ich mich nicht äußern. Aber unabhängig von den Strukturen der katholischen Kirche: Ich schätze den Theologen Ratzinger für seine große intellektuelle Redlichkeit und seine enorme Bildung. In theologischen Dingen spricht er eine ganz klare Sprache. Ratzinger ist im positiven Sinne konservativ. Bei seinem Deutschland-Besuch und seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sowie in Freiburg hat er die ganz zentralen Grundfragen unserer Gesellschaft angesprochen: Wo ist für die Gesellschaft in Deutschland und in Kerneuropa, der ethische und der kulturelle Wurzelgrund, der uns trägt?

Das Bewusstsein, wo wir herkommen, fehlt. Das macht die Leute bei relativer materieller Sicherheit innerlich orientierungslos. Und wenn sie orientierungslos sind, bekommen sie Angst. Das hat verschiedene Auswirkungen: Aggression, Gewalt und Zerstörungswut oder depressives Verhalten. Viele schlimme Erscheinungen, die in den Medien publiziert werden, haben mit dem Verlust unserer Wurzeln zu tun.

Welche Erscheinungen meinen Sie?

Die Leute werden mit seichtem Zeug abgelenkt, mit Stars und Sternchen, mit flacher Unterhaltung. Marginalien werden hochgespielt, es gibt eine gewisse Skandalträchtigkeit.

Zurzeit wird über Bundespräsident Christian Wulff diskutiert.

Man darf nicht vergessen: Es sind am Ende normale Menschen, die dieses Amt bekleiden. Der arme Kerl ist einfach zu jung für so ein Amt. Wenn jemand Bundespräsident wird, dann sollte dessen berufliche Karriere vorbei sein. Er sollte über einen ausgeprägten Erfahrungsschatz, eine große Reife verfügen und sagen können: Ich will und ich muss nichts mehr werden. So wie Gustav Heinemann oder Roman Herzog. Das kann auch von übertriebenem Pathos befreien, so etwas mag ich überhaupt nicht.

Welchen Pathos meinen Sie?

Ich mag keine Dampfplauderer, die sich - gesegnet mit einer gewissen Ahnungslosigkeit - zu allem äußern. Gustav Heinemann hat auf die Frage, ob er Deutschland liebe, einmal sinngemäß gesagt: Ich liebe nicht Deutschland, ich liebe meine Frau. Und Roman Herzog ist ein gebildeter Mann, der immer ein gewisses Maß an Selbstironie gezeigt und sich wirklich nur zu wesentlichen Dingen überzeugend geäußert hat. Das empfinde ich als angenehm.

Aber brauchen wir im Sinne dieser ehemaligen Präsidenten, also im positiven Sinne, nicht eine starke Persönlichkeit, die über gewisse Zweifel erhaben ist. Und kann nicht auch die Kirche die Lücke füllen, die es da gibt?

Kirche und Religion wurden gerade in Ostdeutschland während zweier Diktaturen niedergemacht. Das können Sie nicht so ohne weiteres mal ganz schnell wieder kompensieren. Ansonsten habe ich es nicht so mit Leitfiguren. Die Kirche ist zwar eine der großen Organisationen des Landes, aber als Institution ist ihr Ansehen eher durchwachsen.Ganz wichtig sind gute Drähte vor Ort. Bei allem, was mit Kommunikation, mit Augenhöhe zu tun hat, steht die Kirche ganz gut da. Nach meiner Erfahrung erleben die Pfarrer und Pfarrerinnen vor Ort meist eine ganz gute Akzeptanz.

Sie sind seit Juni 2010 im Amt. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Eine gute. Zunächst ist der Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz eine abwechslungsreiche Landschaft - von der Heide in Nordsachsen, bis kurz vor Oederan, bis ins Vorgebirge. Wenn ich an meinen ersten Winter hier denke: Das war wie Sächsisch-Sibirien. Da hätten nur noch die Wölfe heulen müssen. Vor allem in den flachen Gebieten um Oschatz, da hat es so geweht, dass man nicht mehr wusste, wo man ist. Aber im Ernst: Ich habe viele interessante, engagierte Leute, sehr aktive Kirchengemeinden kennengelernt. Mit Blick auf die Mitarbeitenden habe ich die zweite Runde meiner Jahresgespräche hinter mir. Es ist außerdem schon vieles Gutes dagewesen, woran man anknüpfen konnte. Ich erlebe das gemeinsame Ziel, an einem Strang zu ziehen. Eine schöne erste Etappe haben wir mit dem Buch über die Kirchen im Bezirk abgeschlossen, das wir Ende vergangenen Jahres veröffentlicht haben.

Kennen Sie alle Kirchgemeinden?

Ja, ich habe von Juni bis Oktober 2010 alle 23 Pfarrstellen besucht, mit Pfarrern und Kirchvorständen gesprochen. Das war ziemlich straff, aber es war mir wichtig, so schnell wie möglich Land und Leute kennenzulernen. Meine erste Visitation als Superintendent habe ich auch bereits abgeschlossen. Ich war 14 Tage in Hainichen vor Ort, bin mit den Mitarbeitenden vor Ort ins Gespräch gekommen. Dabei hat mich die Visitationsgruppe unterstützt. Ihr gehören unsere Bezirkskatechetin, der Kirchenmusikdirektor, ein Mitarbeiter aus der Jugendarbeit unseres Kirchenbezirkes, eine Pfarrerin und ein Mitarbeiter der Diakonie an. Solche Visitationen erfordern eine längere Vorbereitung und sind auch insgesamt aufwändig.

Wozu sind Visitationen da, und wo sind Sie das nächste Mal?

Es geht darum, gute Anfänge, die es in den Kirchgemeinden gibt, weiterzuentwickeln oder auch neue Impulse zu setzen. Im Frühjahr bin ich in Sornzig, im Herbst in Bockendorf, Pappendorf, Langenstriegis. Außerdem ist damit auch eine Art großer Tüv im gesamten Verwaltungsbereich der betreffenden Kirchgemeinde verbunden.

Die Kirche leidet mit der Region unter dem Bevölkerungsschwund. Müssen bald Kirchen in kleineren Orten schließen?

Nicht zwingend. Wir brauchen einen gewissen Paradigmenwechsel, wir sind keine Volkskirche mehr. Wir müssen neu reflektieren: Was ist Kirche heute? Dabei geht es nicht in erster Linie um Strukturen. Ich bezeichne die Vergrößerung der Kirchenstrukturen, die wir derzeit erleben, als strukturelle Makromelie, also Riesenwuchs. Das ist keine gute Entwicklung.

Im Großen geht es ja wieder ein wenig in eine andere Richtung. Lange Zeit haben alle nur von Globalisierung geredet. Jetzt fällt das ein wenig in sich zusammen, man merkt, dass die großen wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Strukturen nicht mehr händelbar sind. Wir dürfen wieder von Beheimatung, von Heimatgefühl und kleinen Lebenskreisen sprechen, ohne dafür ausgelacht zu werden. Das schafft Authentizität und Identität. Dazu gehört die Kirche oder ein anderes markantes Gebäude im Dorf. Es gibt gute Beispiele dafür, dass sich Menschen zusammentun, um ihre Kirche zu erhalten. In Großpötzschau bei Leipzig zum Beispiel wurde ein Förderverein gegründet und eine fast verfallene Kirche wieder auf Vordermann gebracht. Auch in unserem Bezirk gibt es gute Beispiele für sehr aktive Fördervereine. Deswegen bin ich sicher: Die Kirche im Dorf wird als letztes verschwinden. Sie ist Identifikationspunkt- und -ort. Nicht unbedingt nur im religiösen Sinne, sondern eben auch im Sinne von Beheimatet-sein. Aber damit einher geht auch die Frage nach Religiösem, nach dem Über-sich-hinaus-Fragen, nach den Wurzeln, die Leben ermöglichen und erhalten.

Wie hat sich der Kirchenbezirk seit seiner Gründung 2001 entwickelt?

Wir haben uns auf einen sehr großen Bezirk einstellen müssen - von der Lommatzscher Pflege bis Grimma, von der Heide bis ins Vorgebirge. Es gibt keine durchgängige Identität. Deswegen legen wir großen Wert auf starke Regionen, die ihre eigene Identität erhalten und entwickeln können. Aber wir haben auch gemeinsame Stränge geschaffen - durch die kirchliche Jugendarbeit, die Kirchenmusik und die Gemeindepädagogik.

Wie ist die Mitgliederentwicklung?

Es gibt keine dezidierten Austritte, die erfolgen vor allem auf die natürlichste Weise, nämlich dass Menschen sterben. Wir liegen jetzt bei rund 25 000 Mitgliedern im Bezirk.

Wie rüstet sich der Kirchenbezirk Leisnig-Oschatz für die Zukunft?

Wir werden bis 2014 eine halbe Pfarrstelle einsparen müssen. Ich denke, dass wir das mit flexiblen Regelungen hinbekommen. Wir werden die Gemeindepädagogen wahrscheinlich nicht mehr in den Gemeinden anstellen, sondern beim Kirchenbezirk, um sie flexibler einsetzen zu können. Bei der Kirchenmusik müssen wir sehen, wie wir mit unserer Personaldecke auch den ländlichen Raum versorgen können. Wir werden da noch mehr mit Ehrenamtlichen arbeiten müssen. Generell: Die Kirche darf nicht dem Zeitgeist hinterherjagen, um sich Anerkennung zu verschaffen. Sie muss auf Konservatives hinweisen, konservativ im Sinne von "Bewahrenswertem".

Interview: Björn Meine

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