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Thorsten Gruner: Leiter der Döbelner Blinden-Gruppe und Erstliga-Fußballer

Thorsten Gruner: Leiter der Döbelner Blinden-Gruppe und Erstliga-Fußballer

Roßwein. "Behinderung ist keine Krankheit." Thorsten Gruner möchte diesen Satz in die Köpfe der Menschen pflanzen. Der Roßweiner lebt ihn vor, erfüllt mit Alltagsaufgaben und Hobbys.

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Thorsten Gruner mit seinem Blindenführhund Rocky und einem Fußball, in dessen Innerem sich Schellen befinden. Die Abnutzungsspuren zeigen, dass er mit ihm kickt. Er spielt in der einzigen ostdeutschen Bundesliga-Mannschaft des Blindenfußballs.

Quelle: Sven Bartsch

Dabei hat er etwas durchgemacht, was Sehende keinem Anderen wünschen würden. Nur sechs Monate dauerte es vom hellen Tageslicht bis zum ewigen Dunkel, vom ungetrübten Blick bis zum Blindsein. Ein schwerer Schlag, den Thorsten Gruner zunächst als ungerecht empfand, den er mittlerweile aber akzeptiert.

"In der Ferne sah ich einiges verschwommen", beschreibt er die Anfänge im Jahr 2001. "Ich dachte, ich brauche eine Brille, und ging zur Augenärztin. Sie sagte mir, dass ich blind würde, weil sich die Netzhaut ablöst. Ich war in diesem Moment wie vor den Kopf gestoßen."

Die wahrscheinliche Ursache des Augenschadens lag ein ganzes Stück zurück. Anfang der 1980er Jahre schaute Thorsten Gruner in Chemnitz, wo er aufgewachsen war, ungeschützt in ein Schweißgerät. "Die Verblitzung war so stark, dass ich drei Wochen lang alles nur noch schemenhaft erkennen konnte", schildert er. Dann war alles wieder gut. Zumindest scheinbar. Jedenfalls gab es keinen Grund, über ein eventuelles Blindsein nachzudenken.

Überhaupt stand das Thema Behinderung für den jungen Mann nicht zur Debatte. "Wenn ich Blinde sah, blieb ich stehen und ließ sie vorbei, ohne den Kontakt zu ihnen zu suchen. Mit ihrem Zustand habe ich mich nicht auseinandergesetzt", gibt er aufrichtig zu. "Ich habe über das Problem Behinderung hinweg geguckt. Im Nachhinein sage ich, ich wollte es nicht sehen."

Thorsten Gruner wurde Technischer Zeichner, später Konstrukteur beim Volkseigenen Betrieb Numerik in Chemnitz. Mit der Wiedervereinigung übernahm Siemens den Betrieb und entließ fast alle. "Ich bin kein Mensch, der bewegungslos zu Hause sitzen kann", erklärt Gruner. "Also suchte ich mir Ausweichtätigkeiten im Sicherheitsdienst und Ladenbau."

Auf Dauer, das war ihm klar, konnte das so nicht weitergehen. Er wollte wieder eine feste Linie, sattelte um auf etwas ganz Neues. 1998 war er staatlich geprüfter Altenpfleger. Die Richtung lag ihm nicht fern, schließlich arbeitete seine Frau in dieser Richtung, und seine Mutter hatte ein Feierabendheim geleitet. Bis 2001 konnte er den Beruf ausüben, anderen helfen. Dann wurde Hilfebedürftigkeit zu seinem ganz persönlichen Thema.

"Als ich nach der Diagnose aus der Augenarztpraxis kam, wollte ich fast schon in die nächste Kneipe gehen und den Ärger runterspülen", sagt er. Doch er entschied sich dagegen. "Ich bin nicht der Typ, der alles hinhaut. Es gibt immer eine Lösung. Ich war zwar manchmal verzweifelt, fragte mich, warum es gerade mich traf. Aber ich habe nicht resigniert."

Es war keine einfache Zeit zu bemerken, jeden Tag etwas weniger sehen zu können. "Vor kurzem erkannte ich im Fernsehen noch den Fußball, und jetzt nur noch, wenn er rollte. Dann wollte ich den Kaffeetopf in die Hand nehmen, griff aber daneben, weil ich die Entfernung zu ihm falsch einschätzte", beschreibt er Situationen.

Die Eltern und die Schwester unterstützten ihn seelisch und moralisch, forderten ihn aber auch auf, seinen Weg zu gehen. Etliche Freunde hingegen entfernten sich von ihm, die Ehe scheiterte. "Damals war das schmerzlich für mich. Aber man sollte da niemandem einen Vorwurf machen. Viele können nicht mit Menschen mit Behinderungen umgehen. In meiner Jugend war ich ja auch so."

Ein Verständnis, das aus der Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte erwachsen ist. Deshalb reagiert Thorsten Gruner nicht verbittert, sollten sich Zeitgenossen ihm gegenüber nicht ganz korrekt verhalten. Wenn er an der Straße steht, kommt es schon mal vor, dass jemand seinen Blindenführhund ungefragt am Bügel nimmt und die beiden über die Straße bringt, obwohl sie dort gar nicht hinwollen. "Ich schimpfe dann nicht, sondern bedanke mich", sagt der 46-Jährige. "Ansonsten würden diese Leute wahrscheinlich nie wieder anderen Menschen helfen. Besser wäre es aber, wenn wir Blinden erst gefragt würden, schließlich können wir hören. Außerdem sind unsere Hunde zwar gutmütig, aber trotzdem Hunde, die auch mal beißen können. Fremde sollten sie bei der Arbeit in Ruhe lassen."

Thorsten Gruner will niemanden verurteilen - weiß er doch selber, wie schwer es ist, mit dem Thema Behinderung umzugehen. Bis zuletzt gab er die Hoffnung nicht auf, doch noch einen Rest an Sehkraft zu behalten. Er konsultierte mehrere Augenärzte, unterzog sich einer Laserbehandlung und einer Operation. Vergebens.

"Im Nachhinein würde ich es nicht als schlecht bezeichnen, dass ich innerhalb eines halben Jahres blind wurde. So musste ich mich schneller auf eine veränderte Situation einstellen. Es gab eine neue Welt, die es zu ergründen galt und die genauso gut wie die andere ist." Bei diesen Worten lächelt er. "Ich suchte mir die positiven Seiten heraus. Zum Beispiel musste ich nicht mehr jeden grüßen. Und wer hat schon die Gelegenheit, sich am Arm einer jungen hübschen Frau einzuhängen, ohne eine geschmiert zu bekommen?"

Drei Jahre bürokratischer Kampf um die Erwerbsunfähigkeitsrente. Acht Gutachten, ob er wirklich blind ist. Das war die Seite des neuen Daseins, die ihn wirklich belastete. "Ich musste seitdem oft auf Ämter und in Praxen. Immer wieder passiert es, dass die Beamten oder Ärzte nicht mit mir, sondern mit meiner Begleitperson über mich reden wollen. Von wirklicher Integration sind wir noch weit entfernt."

Der junge Mann lernte, mit dem Langstock zu gehen und die Dinge des alltäglichen Lebens auszuführen. Seine Ohren, Nase, Hände wurden wichtiger, weil ein Sinn fehlte. Durch Zufall begegnete er Susanne Hasenwinkel, die er schon aus seiner Chemnitzer Kindheit kannte und die inzwischen in Döbeln wohnte. 2009 zog er zu ihr, und seit Mai vergangenen Jahres wohnen die zwei als Paar in Roßwein.

Sie arbeitet beim Pflegedienst Hummitzsch. "Aber sie ist nicht meine Betreuerin, auch wenn das einige meinen." Während sie dem Job nachgeht, macht er sich im Haushalt nützlich. Er kocht und putzt. Viele technische Hilfsmittel erleichtern ihm den Alltag. Ein Scanner sagt ihm beispielsweise, welche Farbe die Wäsche hat, die er gerade in die Maschine wirft.

Zur Familie gehört auch Rocky, der schwarze Vierbeiner. Nach allen Regeln der Kunst wird er verwöhnt. "Wenn man vom Langstock auf einen Blindenführhund umsteigt, ist das wie ein Wechsel vom Trabi zum Mercedes, was die Qualität des Fortkommens betrifft", sagt Thorsten Gruner. "Das Tier gibt mir die Möglichkeit, mobiler am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen."

Und das lässt der Roßweiner nicht an sich vorbeiziehen. Er besucht gern das Döbelner Theater, Konzerte und Kinos, die Geräte anbieten, über die Sehbehinderte eine Bildbeschreibung erhalten. Er spielt Gitarre und kickt im Chemnitzer Fußballclub. "Unsere Mannschaft ist die einzige ostdeutsche, die in der Bundesliga für Blinde vertreten ist. Über die Adresse cfc-blindenfussball.de sind wir sogar im Internet zu finden", bemerkt er nicht ohne Stolz. Das Regelwerk für den Sport ist ein wenig abgeändert. Und der Ball beinhaltet Schellen, so dass er gehört werden kann. "Wer einmal zuschauen möchte, kann gern am 17. März zu einem Freundschaftsturnier ins Chemnitzer Blindenzentrum SFZ kommen.

Freude am Leben ist Thorsten Gruner wichtig. Das Engagement genauso. Seit einem Jahr ist er der Vorsitzende der Ortsgruppe Döbeln des Freiberger Blindenverbandes. Als Mitglied im mittelsächsischen Behindertenbeirat wird er bald der Mittelsmann zwischen beiden Gremien sein. Für die ehrenamtliche Arbeit sitzt er nachmittags oft am Computer, den er dank Sprachprogramm allein bedienen kann. "Wenn es um die Barrierefreiheit geht, wird oft nur an Rollstuhlfahrer gedacht", weiß er. "Unser Verband will aber, dass auch das Leben der Blinden erleichtert wird." Wieder gibt er die Hoffnung nicht auf. Diesmal die Hoffnung, dass die Akzeptanz gegenüber den Menschen mit Behinderung wächst. Frank Pfeifer

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