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Döbeln Kaffeefahrt zu Kosmonauten-Matratzen in Roßwein wird zum Gerichtsfall
Region Döbeln Kaffeefahrt zu Kosmonauten-Matratzen in Roßwein wird zum Gerichtsfall
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22:08 07.04.2018
Um angeblichen Betrug mit weltraumgeprüften Wundermatratzen ging es in einem Prozess am Amtsgericht Döbeln. Quelle: Wolfgang Sens (LVZ/DAZ)
Roßwein/Döbeln

Reden kann er gut. Und viel zu erzählen hat er auch. Das bekam Staatsanwältin Lehmann am Freitag im Amtsgericht Döbeln zu spüren. Man konnte fast meinen, Wolfgang H. wollte der Juristin eine Matratzenauflage verkaufen. So wie den Teilnehmern mehrerer Verkaufsveranstaltungen in einem Gasthaus in einem Roßweiner Gasthaus im Winter und Herbst 2016.

Marktschreier oder Betrüger?

Deswegen saß der Mann aus Bremen nun im Amtsgericht auf der Anklagebank. „Er pries die Matratzen an, diese seien im Weltraum von Kosmonauten geprüft, man würde wie schwerelos darauf liegen“, last die Staatsanwältin aus dem Anklagesatz vor. Außerdem würden die Schaumstoffauflagen gegen eine ganze Reihe an Beschwerden helfen: Rücken, Gelenke, Prostata, Blase. Die Preise für die Teile waren natürlich happig. Über 3000 Euro zahlte zum Beispiel ein Ehepaar aus Dresden für zwei Matrazenauflagen und zwei Kissen. Vor Gericht galt es nun zu klären, ob Wolfgang H. seine Kundschaft dabei getäuscht hat oder ob er seine Waren lediglich „marktschreierisch angepriesen“ hat, wie es Rechtsanwalt Dr. Stefan Jenckel sagte, der Wolfgang H. verteidigte. Letzteres ist nicht strafbar. Jemanden zu täuschen und ihn so um Geld zu erleichtern, nennt das Strafgesetz Betrug.

Wortreiche Schilderungen

„So ein Humbug, Kosmonauten schlafen doch nicht auf Matratzen.“ So schilderte Strafrichter Janko Ehrlich, was er beim Durchlesen der Anklage dachte. „Eben“, sagte der Angeklagte. „Damit mache ich mich doch unglaubwürdig, wenn ich so etwas behaupte.“ Wortreich schilderte er auf die Frage der Staatsanwältin, wie hoch der Einkaufspreis für die Schaumstoffteile war, dass er sich als Kunde im Matratzengeschäft ausgegeben habe. Was er da von den Verkäufern hörte, habe er für seine eigene Verkaufstrategie übernommen. Für 400 Euro will er eine Matratzenauflage gekauft haben.

Mit Schifffahrt auf Kriebsteinsee geködert

Reichlich das Dreifache verlangte er dann in der „Goldenen Aue“. Das Dresdner Ehepaar kaufte für 3158 Euro zwei Kissen für 398 Euro und die beiden Matrazenauflagen für 2760 Euro. So schilderte es der 79-Jährige Mann. „Die Spitze war, dass wir auf einen Dampfer eingeladen wurden, den es gar nicht gibt“, sagte der Mann als Zeuge aus. Denn ohne das Versprechen einer Schiffstour auf der Kriebsteintalsperre hätte er mit seiner Frau die Reise in die Region Döbeln wohl nie angetreten. Aber statt Kaffee und Brötchen auf dem Kriebsteinsee gab es vier Stunden Matratzengeflüster im Roßweiner Restaurant. „Man sagte uns, die Schifffahrt würde wegen des schlechten Wetters ausfallen“, so der Zeuge. Das war am 29. Februar 2016. Also weit vor Ostern, dem üblichen Saisonbeginn der Kriebsteiner Schifffahrt. Der Dresdner konnte auch erklären, wie die Weltraumfahrer in die Verkaufsveranstaltungen gekommen sind und was diese mit den angeblichen Wundermatten zu tun haben. „Er schilderte es so, dass die Erfahrungen der Kosmonauten im Weltraum in die Konstruktion der Matratzen eingeflossen sind“, sagte der Senior. „Auch als Physiotherapeut hat er sich vorgestellt“, sagte der Dresdner. Er hätte die Teile auch gar nicht gekauft, wenn nicht so überzeugend geklungen hätte, was die Matratzen angeblich für Leiden lindern können. Ob es besser geworden sei, fragte die Staatsanwältin. „Überhaupt nicht“, bekam sie zur Antwort. Der Senior erstattete Anzeige als er nach eigenen Recherchen merkte, dass ihn Wolfgang H. viel zu viel Geld für die Matratzen abgeknöpft hatte. Er sollte bei einer weiteren Verkaufsveranstaltung sogar für die Polizei ermitteln, um den Namen des Verkaufsleiters festzustellen.

Gericht stellt Verfahren ein

„Sich als Physiotherapeut vorzustellen, ist hart an der Grenze“, sagte Richter Ehrlich. „Das ist aber keine geschützte Berufsbezeichnung“, konterte Wolfgang H.. Der hat sich laut eigenen Angaben aus dem Kaffeefahrt-Geschäft zurückgezogen, betreibt jetzt ein Café in Bremen. Das Amtsgericht Döbeln verließ er ohne Strafe. Trotzdem sie die Geschäfte mit den Matrazen „ganz schlimm“ findet, stimmte die Staatsanwältin Richter Ehrlichs Vorschlag zu, das Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Die ist nicht billig. So hat Wolfgang H. zwei Geschädigten jeweils 3158 Euro und 1250 Euro zurück zu zahlen. Außerdem soll der Kinderschutzbund Döbeln 500 Euro bekommen. Insgesamt also knapp 5000 Euro, damit sich die Justiz nicht mehr mit den Kosmonautenmatratzen beschäftigt.

Kommentar: Perfide Masche Kaffeefahrt

Lamadecken, Magnetfeldesotherik, Matratzen mit Weltraumtechnologie. Und am Ende kostet dieser Plunder einen Haufen Geld. Das, so scheint es, lassen sich vor allem ältere Menschen bereitwillig aus der Tasche ziehen. Selber schuld könnte man meinen. Aber so einfach ist das nicht. Es ist schon eine gehörige Portion Perfidie dabei, jemanden einen Schifffahrt auf der Kriebsteintalsperre zu versprechen, um dann vier Stunden lang stinknormale Matratzenauflagen als weltraumgeprüftes Wundermittel anzupreisen. Da ist es kein Wunder, wenn der eine oder andere auf den psychologisch geschickt agierenden Verkäufer hereinfällt. Es ist zwar schwer, dies rechtlich einzuordnen, weil es dabei auf den genauen Wortlaut der Verkaufsgespräche ankommt. Und wer weiß den noch bei Vorfällen, die zwei Jahre zurückliegen? Ob das im juristischen Sinn Betrug ist, lässt die Entscheidung des Amtsgerichtes Döbeln offen. Ohne Urteil gibt es keine Aussage über Schuld- oder Unschuld. Anderseits bekommen die Geschädigten ihr Geld zurück. Was bei einem langen Verfahren durch alle Instanzen fraglich wäre. Insofern ist es eine weise Entscheidung, das Verfahren einzustellen. Dirk Wurzel

Von Dirk Wurzel

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