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Döbeln Vom Gemüsehobel zur Socke
Region Döbeln Vom Gemüsehobel zur Socke
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09:03 17.03.2019
Monika Brozowski auf dem Wochenmarkt in Döbeln. Quelle: Lisa Schliep
Döbeln

 Eher zufällig rutschte Monika Brozowski hinter den Verkaufstisch. Schon zu Beginn ihres Marktlebens übertrumpfte sie die Verkaufszahlen eines Bekannten, den sie zunächst lediglich bei seinem Gemüsehobel-Geschäft vertrat. Das Verkaufen fiel ihr leicht. Den Handel mit der Küchenhilfe hängte sie nach einer Zeit an den Nagel, weil der Geruch von Porree, Kartoffeln und Co. „irgendwann nicht mehr zu ertragen war“. Danach brachte sie, um die Wendezeit herum, Taschen an die Frau.

Seit fast 30 Jahren auf dem Döbelner Markt

Heute steht die 72-Jährige mit ihrem Strumpfparadies in der Muldestadt – seit fast 30 Jahren. Kästen über und über mit Socken jeglicher Form und Farbe. Groß, klein, dick, dünn. Auch Strumpfhosen und Leggins verkauft die Wienerin, die ihre Ware selbst stapelweise im hauseigenen Kleiderschrank hortet. Vor allem die Strumpfhosen haben es ihr angetan. Zwar trägt sie selbst kaum Kleider oder Röcke, um das Beinkleid auszuführen, doch die zahlreichen Modelle nicht zu haben, ist auch keine Option.

Monika Brozowski hat auch Strumpfhosen im Angebot. Quelle: Lisa Schliep

Die 72-Jährige sitzt oft ein wenig versteckt hinter ihrem großzügigen Verkaufswagen. Stöbert ein Kunde durch ihr Angebot, springt sie energisch auf und schaltet unverzüglich den Verkaufsmodus an. Aber ohne sich aufzudrängen. Nichts liegt ihr ferner, als den Leuten etwas aufzuschwatzen. „Mag ich ja selbst nicht, wenn man nicht in Ruhe schauen kann.“ Meistens kramt sie auf Anfrage nach passenden Größen oder gewünschtem Material in den Lagen aus Wolle und Nylon. Dabei steht sie meist auf Zehenspitzen, um über den breiten Tisch zu reichen. Brozowski ist eine kleine, zarte Person, die anzupacken weiß. Schließlich macht sie ihren Job schon fast ein halbes Leben, Gemüsehobel- und Taschen-Exkurs exklusive. Das Sockenparadies hat sie zusammen mit ihrem Mann aufgezogen. Oder besser: übernommen. Als die beiden sich zur Wendezeit entschlossen, das Business einer bekannten Marktkollegin zu übernehmen, verkaufte er noch Lederjacken und sie besagte Damen-Accessoires. Das Händler-Gen gleich doppelt da, entschlossen sie sich, alles an Expertise zu bündeln und was Eigenes aufzuziehen. „Wir kauften den Hänger und den restlichen Warenbestand und legten los.“ Mit Erfolg.

Später Start in die Saison

In diesem Jahr startete Brozowski erst spät in die Saison. Die erste volle Marktwoche im März war ihr erster Halt in Döbeln. Vor einiger Zeit erkrankte ihr Mann schwer, brauchte immer mehr Hilfe. Die Fahrten mit dem Hänger machte sie deshalb schon eine Weile alleine. Vor wenigen Wochen dann verstarb er. Dort weiterzumachen, wo beide jahrzehntelang zu Hause waren, ist für die 72-Jährige wichtige Trauerarbeit. Flucht nach vorne. Immer wieder lächelt die gebürtige Wienerin, wenn sie über das gemeinsame Lebenswerk spricht, winkt dann aber zügig ab, wenn sie glaubt, die Fassung zu verlieren. Ihr Mann kümmerte sich zu Lebzeiten um die Geschäftsbücher. „Ich wusste nicht mal das Passwort für den Computer, habe immer gesagt, dass ich zu alt bin, mich in die Technik einzufuchsen. Ich habe mich da immer auf ihn verlassen.“ Inzwischen hat sie ein eigenes Tablet und klickt sich Stück für Stück in die digitalen Weiten. Was muss, das muss.

Nach dem Tod ihres Mannes hält die Händlerin am gemeinsamen Lebenswerk fest. Quelle: Lisa Schliep

Wie lange sie das Geschäft alleine noch laufen lassen möchte? „Keine Ahnung.“ So recht vorstellen kann sie sich ein Leben ohne das Umherziehen nicht. Seit einiger Zeit vertreibt sie auch eigene Produkte. „Ich stricke sehr gerne und mache Babyschuhe“, erzählt sie und zupft ein Paar blau-weißer Minitreter auf dem Verkaufstisch zurecht. Der Rest baumelt am Dach ihres Regenschutzes an einer Art Mobile. Inzwischen sei die Nachfrage so groß, dass sie schon Aufträge entgegennimmt. Auch wenn Leute bei ihr Strümpfe oder Strumpfhosen ordern, nimmt sie das auf und kümmert sich. Bisher selten vergebens. „Die kommen eigentlich fast immer. Kann man sich drauf verlassen.“ Selbst die obligatorischen Zögerer, die den Kauf bei einer Runde um den Markt noch einmal überdenken wollen, tanzen meistens wieder an.

Es sind gleich zwei Socken-Weisheiten, die Brozowski mit auf den Weg zu geben weiß. Erstens: Socke ist nicht gleich Socke. Und zweitens: Socken sind wie Unterwäsche, die müssen was aushalten. „Bei mir gibt es also nicht fünf Paar für fünf Euro. Da kauft man dann woanders.“ Preisdiskussionen aussichtslos. Damit sie für die nächste Diskussion gewappnet ist, hat sie einmal bei der Discounter-Konkurrenz gekauft. „Um mal zu zeigen, wo der Unterschied ist.“ Alles, was bei ihr liegt, hängt oder steht wird im Freistaat produziert. Überwiegend Ware aus Dresden und Chemnitz. Vom Baby- bis zum „enormen“ Herrenstrumpf in Größe 52/54 findet sich mit solider Ordnung alles.

Die gebürtige Wienerin kümmert sich auch um kleine Größen. Quelle: Lisa Schliep

Eigentlich ist die 72-Jährige Friseurmeisterin. Lange hat sie in dem Beruf gearbeitet. Heute kann sie sich nur noch schwerlich vorstellen, wie es gewesen wäre, hätte sie Föhn und Bürste nicht gegen Strümpfe getauscht. Was die beiden Berufe aber gemein haben, sagt Brozowski, ist der Kontakt mit Menschen. „Auch wenn du als Friseurin noch viel mehr Kummerkasten bist.“ Auf dem Markt ist es eher das Gegenseitige, was sie schätzt.

Die DAZ-Marktserie:

Wer sind die Händler auf den Wochenmärkten in der Region? In der Reihe zum „Marktplatz Döbeln“ stellen wir diese vor.

Bryan Brückner: „Das Geschäft mit der Wurst und dem Eis“

Jana Braksiek: „Statt Blumen ist es Fleisch geworden“

Martin Groth: „Ich habe die Welt als Feld für meine Arbeit“

Von Lisa Schliep

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