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Vom einsamen Sterben in Döbeln

Vom einsamen Sterben in Döbeln

Jeden Morgen um acht habe der alte Mann seine Zeitung geholt. Danach hätte man die Uhr stellen können, erinnern sich die Bewohner des Mietshauses in Döbeln-Ost.

Döbeln. Der alte Mann lag wahrscheinlich 14 Tage in der Wohnung, bevor jemand bemerkte, dass er nicht wie jeden Morgen seine Zeitung vom Briefkasten holte. "Die Leute sind mit sich selbst beschäftigt und interessieren sich oft nicht für den Nachbarn. Und so leben immer mehr Leute ohne jegliche soziale Beziehungen. Keiner interessiert sich für sie. Keiner vermisst sie. Das ist traurig", sagt Steffi Tauber. Das sieht auch ihr Chef, Ordnungsamtsleiter Jürgen Müller, so: "Wir leben in sozialen Gemeinschaften. Doch immer mehr Mitmenschen bleiben außen vor. Die Kinder sind berufsbedingt in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die Eltern bleiben allein und manchmal einsam. Deshalb ist es um so wichtiger, dass Mitmenschen, Nachbarn und Freunde aufeinander achten", ist Jürgen Müller überzeugt. "Es ist besser, einmal zu viel anzurufen oder nachzufragen, als zu spät zu kommen", findet Steffi Tauber. Mit einem Schlüsseldienst, in Begleitung eines Polizisten und einem dritten Zeugen aus dem Haus betritt sie die Wohnung. Sie bestellt den Notarzt, lässt den Tod fest- und den Totenschein ausstellen. Ein Bestatter holt die Leiche ab. Jetzt beginnt die Arbeit des Ordnungsamtes: Acht Tage haben Steffi Tauber und ihre Kollegen jetzt Zeit, Angehörige ausfindig zu machen oder beim Nachlassgericht nach einem Testament, dem niedergeschriebenen letzten Willen oder einer Vollmacht zu suchen. Dann muss der Tote eingeäschert und bestattet werden. Über Meldeämter, das Standesamt, die Geburtenregister wird nach Kindern, Enkeln und anderen Verwandten gesucht, die sich um die Bestattung des Toten kümmern könnten. Findet sich niemand, dann wird noch einmal mit einem Gerichtsbeschluss und wieder mit Zeugen in der Wohnung nach Unterlagen gesucht, die beim Bestatten helfen.

"Den letzten Willen des Verstorbenen setzen wir um, sofern er nachvollziehbar ist und aus dem Nachlass bezahlt werden kann. Jeder Mensch bekommt eine angemessene Bestattung. Aber wo keine Mittel da sind, zahlt der Steuerzahler natürlich kein prunkvolles Ehrenbegräbnis", sagt Steffi Tauber. Findet sich bei dem Toten niemand, der sich um seine Beerdigung kümmert, gibt es keinen Nachlass und keinen letzten Willen - dann sorgt Steffi Tauber mit Hilfe der Stadtkasse für eine würdevolle Sozialbestattung. "Dazu gehört ein Sozialsarg mit Inneneinrichtung. Wir lassen dem Toten ein paar schöne private Sachen anziehen. Im Krematorium wird er verbrannt und in einer kostengünstigen Urne in einer Gemeinschaftsgrabanlage beigesetzt." Kostenpunkt für die Stadtkasse: etwa 1200 Euro. Sozialbestattungen sind immer Urnenbeisetzungen. Es sei denn, religiöse Gründe sprechen dagegen. Etwa wenn der Tote nachweislich Katholik war. Auch ein im Döbelner Asylbewerberheim verstorbener Moslem wurde nicht verbrannt. "Verstorbene müssen nach islamischem Brauch innerhalb von 24 Stunden bestattet werden. Das ist in Deutschland meist nicht möglich. In dem Fall kam der Tote erst in die Gerichtsmedizin", erinnert sich Steffi Tauber. Der Sarg des muslimischen Verstorbenen wurde gen Mekka ausgerichtet. Eine Bestattung nur in einem Tuch war wegen der in Deutschland geltenden Sargpflicht nicht möglich.

"Was irgendwie machbar ist, tun wir auch. Denn die Würde eines Menschen zählt auch nach dem Tod", sagt Steffi Tauber mit fester Stimme. Oft sind sie und ein Mitarbeiter des Krematoriums in Döbeln die einzigen, die dem Toten die letzte Ehre erweisen.

Was sich aber nach dem einsamen Tod mancher Menschen im Nachhinein im Ordnungsamt abspielt, hat oft mit Würde nichts zu tun. Von den ausfindig gemachten Verwandten hören Steffi Tauber und ihre Kollegen manche Familientragödie. Dass die Angehörigen auch noch für den ungeliebten Verwandten die Bestattung bezahlen sollen, sorgt für richtig Krach. Doch für kaputte Familienverhältnisse kann der Steuerzahler nichts. Wohl aber sagt das Bestattungsgesetz ganz klar, dass Eltern, Kinder, Geschwister, Neffen und Nichten, Verwandte ersten, zweiten und dritten Grades für die Bestattung aufkommen müssen, ob sie wollen oder nicht. "Das gibt häufig böses Blut. Wenn ich manches, was ich hier im Amt erlebt habe, in einem Film gesehen hätte - ich hätte es für unglaublich gehalten", erzählt Steffi Tauber.

Bei insgesamt sieben der 21 einsamen Todesfälle in diesem Jahr wurden die Bestattungskosten von der Stadt Döbeln vorfinanziert. In sechs Fällen bekam die Stadt die Kosten aus dem Nachlass des Verstorbenen ersetzt. Manchmal werden Vermögenswerte verwertet. In jedem Fall kommen die Auslagen der Stadt bei der Verteilung an erster Stelle vor anderen Gläubigern oder eventuellen Erben. Gerade hat Steffi Tauber die Bestattungskosten eines im mittleren Alter verstorbenen Mannes vollstrecken lassen. "Die Verwandten hatten ihn als Säufer abgestempelt, wollten mit ihm und auch mit seiner Beerdigung nichts zu tun haben", schildert die Frau vom Ordnungsamt. Nur ein Freund, der ihn auch im Krankenhaus besucht hatte, erwies ihm bei der Sozialbestattung die letzte Ehre. Der Verstorbene hatte in Armut gelebt. Doch das Nachlassgericht stieß schließlich auf ein Konto mit einem stattlichen Geldvermögen. "Beim Erben vergaßen die Angehörigen dann, dass sie den Verwandten nicht mal beerdigen wollten", sagt Steffi Tauber kopfschüttelnd. Für sie ist das ein klares Beispiel dafür, dass jeder zu Lebzeiten Vorsorge für seine Bestattung und seinen Nachlass treffen sollte - und sei es damit nicht die Falschen erben. Vor allem bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften, spielen sich da manchmal Dramen ab, weil die Ex-Partner im Namen der erbberechtigten Kinder den Nachlass beanspruchen, während langjährige Lebenspartner leer ausgehen und obendrein bei nichts mitzureden haben.

Die Frau vom Ordnungsamt weiß aber auch, dass es Menschen gibt, die einfach schon zu Lebzeiten zu wenig haben, um auch noch für ihr Sterben vorzusorgen. Durch Zeiten von Arbeitslosigkeit in den Berufsbiografien vieler nun ins Rentenalter kommender Menschen und auch durch Scheidungen steigt die Altersarmut. Steffi Tauber berichtet von einem Mann, der eine Altersrente von gerade 540 Euro bekam. "Wovon sollte er noch was beiseite legen. Hinzukommt, dass Anträge etwa für die Aufstockung der kleinen Renten oder Wohngeld für die meisten Menschen extrem kompliziert sind und besonders bei alleinlebenden Älteren deshalb gar nicht erst gestellt werden."

Thomas Sparrer

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