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Gericht will „Sänger von Waldheim“ bis zum Prozess in Haft nehmen

Amtsgericht Döbeln Gericht will „Sänger von Waldheim“ bis zum Prozess in Haft nehmen

Die Gerichtsverhandlung gegen einen 40-jährigen Waldheimer, der in der Öffentlichkeit unvermittelt fremde Menschen anschreit, geht in die nächste Runde. Angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung, blieb er dem zweiten Verhandlungstermin im Döbelner Amtsgericht fern. Zwei Männer und eine Frau soll er tätlich angegriffen haben.

Im Döbelner Amtsgericht läuft der Prozess gegen einen Waldheimer, der drei Menschen tätlich angegriffen haben soll.

Quelle: W. Sens

Waldheim . Der Angeklagte: Ein 40-Jähriger Waldheimer, bekannt dafür, dass er seit Monaten seine Mitbürger auf offener Straße unvermittelt anschreit. Er sollte sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. Bekannt geworden ist er als „Sänger von Waldheim“.

Drei Zeugen waren geladen, denen gegenüber der Mann handgreiflich geworden sein soll, darunter eine Frau. Weitere Zuhörer wollten das Geschehen verfolgen. Der Angeklagte erschien nicht – bereits zum zweiten Mal. Marion Zöllner, Richterin am Amtsgericht Döbeln, wollte ihn durch Polizeibeamte vorführen lassen. Und obwohl er sonst im Waldheimer Stadtgebiet omnipräsent zu sein scheint, war er nicht auffindbar. Die Richterin erließ gegen den Mann einen Sitzungshaftbefehl. Das bedeutet: Wird er von der Polizei aufgegriffen, sitzt er bis zum nächsten Verhandlungstermin ein.

„Du wirst der Verlierer sein!“

Die Waldheimer im Gerichtssaal machen keinen Hehl daraus: Sie wollen ihre Ruhe. Die Zeugen (Namen der Redaktion bekannt) sind frustriert. Einer spricht seine Befürchtung aus: Dass ihn der Angeklagte jetzt verstärkt terrorisieren werde. „Er hat mich schon angebrüllt: Du wirst der Verlierer sein!“ Obermarktbewohner würden sich nicht mehr auf die Straße wagen, wenn er da ist. Danach könne man die Uhr stellen. Andere Anwesende bestätigen das. Kurz nach 12 Uhr Mittag sei er da, halte sich bis etwa 15 Uhr dort auf, um Anwohner, Passanten und Besucher vom Einscafé anzuschreien oder anderweitig seiner Umwelt unaufgefordert seine persönlichen Befindlichkeiten kund zu tun. Morgens habe er sich auf die zur Arbeit gehenden Rathausmitarbeiter eingeschossen. Am Dienstag, am langen Behördentag, bleibt er länger und passt die Leute auf dem Heimweg ab.

Anbrüllen mit Methode

Die Zeiten, als der Störenfried seine ungereimten Pöbeleien selbst auf der Mandoline begleitete, sind vorbei. Das tat er nicht nur in Waldheim, sondern auch in Mittweida und Döbeln. Wer schon selbst Zielobjekt dieses Anbrüllens war, weiß: Es hat Methode. Der Krakeeler stellt sich an neuralgische Punkte, wo die Menschen an ihm vorbei müssen und schlecht ausweichen können. In Waldheim wählt er das Kaufland und die dortige Kreuzung. Wer mit dem Auto aus der Stadt kommend nach links Richtung Leisnig abbiegen will und an der Ampel wartet, wird vom Fußweg aus lautstark behelligt, bei geschlossener Autoscheibe um so lauter.

„Manches ist hart an der Grenze“

Bürgermeister Steffen Ernst (FDP) bestätigt: Seine Mitarbeiter wiesen ihn auf den als Unruhestifter empfundenen Mitbürger mehrfach hin. „Manches ist hart an der Grenze“, formuliert Ernst vorsichtig. Mahnbescheide beispielsweise kämen mit schriftlichen, mehr oder weniger unverhohlenen Drohungen ins Rathaus zurück. Ob etwas davon strafrechtliche Relevanz hat, könne er schwer einschätzen, sagt der Bürgermeister. Jedenfalls sei über einen Rechtsanwalt beim Amtsgericht eine Sammelklage eingereicht. „Das alltägliche friedliche Zusammenleben in unserer Stadt ist durch den Mann jedenfalls beeinträchtig durch die Art, wie er hier verbal den Markt für sich beansprucht.“

Wandel den Waldheimern unerklärlich

Die Waldheimer machen sich Gedanken über den Mann. Da er aus Waldheim kommt, ist er bekannt: als umgänglicher Jugendlicher, leistungsstarker Mitschüler oder Mitbürger, der seine Angelegenheiten selbst zu regeln in der Lage ist. Auf sein zuletzt immer aggressiveres Auftreten können sie sich keinen Reim machen. Im aktuellen Gerichtsverfahren geht es unter anderem darum, ob er möglicherweise wegen einer eventuellen psychischen Störung schuldunfähig ist.

Das Gericht hat dem Angeklagten den Rechtsanwalt Carsten Forberger beigeordnet. Der Verteidiger bekam den Angeklagten bisher nicht zu Gesicht. Gegenüber der DAZ sagt Forberger: „Aus Sicht der Waldheimer ist der Ärger über den Mann verständlich. Er nervt sie. Die Frage ist: Was müssen die Waldheimer aushalten?“ Trotzdem habe der Mann das Recht auf eine Verhandlung ohne jegliche Vorbehalte. „Bei einem Strafprozess wird nicht allein abgeurteilt. Es geht auch darum, einen Weg zu finden, wie der Verurteilte wieder richtig in die Spur kommen kann.“

Psychische Störung nur schwer vortäuschbar

Eine zum Gerichtstermin ebenfalls anwesende Psychiaterin (Name der Redaktion bekannt) soll ein Gutachten über den Angeklagten erstellen. Gesehen hat sie ihn ebenfalls noch nicht, kennt jedoch seinen Schriftverkehr. Allein daraus sei nicht zu schließen, ob eine eventuelle Störung vorliegt oder nicht. Dass generell jemand eine psychische Beeinträchtigung so gut vorspielen könne, dass er wegen Schuldunfähigkeit um eine Verurteilung herum kommt, bezweifelt die Sachverständige: Derjenige müsse außergewöhnlich intelligent und fachlich versiert sein. „Vormachen kann man da nichts.“ Sie hofft, den Angeklagten während seiner Sitzungshaft vor der nächsten Verhandlung Anfang Juli persönlich sprechen zu können.

Jüngster Vorfall: Polizisten verhöhnt

Seinen jüngsten öffentlichen Auftritt hatte der Mann am Sonnabend in seiner Heimatstadt: Auf dem Marktplatz, in der Nähe einer Veranstaltung einer politischen Gruppierung, verhöhnte er die zum Schutz der Veranstaltung abgestellten Polizeibeamten mit Worten und Gesten. Ein per Handy aufgezeichnetes Video geisterte durchs Internet. Steffen Ernst dazu: „So etwas schädigt das Image unserer Stadt.“ Sollte nun gutachterlich die Schuldunfähigkeit des Mannes festgestellt werden, kann das den Freispruch zur Folge haben. Damit ist Waldheim den Störenfried noch lange nicht los. Es bedeutet nur: Er ist dann ein freier Mann. Es heißt nicht, dass er automatisch in eine Klinik eingewiesen wird.

Von Steffi Robak

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