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„Wir können uns nicht vorstellen, was diese Kinder erlebt haben“

Interview mit Chefarzt der Kinderklinik Leisnig „Wir können uns nicht vorstellen, was diese Kinder erlebt haben“

Als im November 2015 die ersten Flüchtlinge in der Döbelner Erstaufnahmeeinrichtung ankamen, stellte Dr. Hassan Issa, Chefarzt der Helios-Kinder-Klinik Leisnig, die Weichen für die medizinische Versorgung der Kinder. 100 Tage später spricht er im DAZ-Interview über diese Arbeit.

Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Döbeln.

Quelle: Sven Bartsch

Region Döbeln. Als im November 2015 die ersten Flüchtlinge in der Döbelner Erstaufnahmeeinrichtung ankamen, stellte Dr. Hassan Issa, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der HELIOS Klinik Leisnig, die Weichen für die medizinische Versorgung der Kinder. 100 Tage später berichtet er im Interview mit dieser Zeitung von traumatisierten Kindern, der Versorgung des viel zu früh geborenen Mohamad und dem Bemühen der Leisniger Ärzte, das Vertrauen der geflüchteten Familien zu erlangen.

Frage: Dr. Issa, Sie haben sich unmittelbar nach Ankunft der Flüchtlinge um die medizinische Versorgung der Kinder bemüht. Warum war Ihr persönliches Engagement nötig?

Dr. Hassan Issa: Wer an die ersten Tage zurückdenkt, wird sich erinnern, dass der Aufbau der Erstaufnahmeeinrichtung alle vor große organisatorische Herausforderungen gestellt hat. In solch einer Situation mit den Kompetenzen unserer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und der niedergelassenen Kinderärzte die medizinische Betreuung der Kinder zu organisieren, war eine spontane humanitäre Entscheidung.

Haben Ärzteteams im Camp Sprechstunden angeboten?

Nein. Die Bundeswehr hat unsere Klinik zweimal täglich angesteuert, am Morgen die kranken Kinder in Begleitung von Dolmetschern nach Leisnig gefahren und die, die wir nicht stationär behandeln mussten, am Nachmittag wieder ins Camp gebracht. Die Nachsorge übernahmen die niedergelassenen Ärzte. Inzwischen hat der Flüchtlingszustrom abgenommen, ist die Bundeswehr wieder abgezogen. Jetzt bringt das DRK die Kinder und Jugendlichen, die eine stationäre medizinische Versorgung brauchen.

Es wurde befürchtet, dass Flüchtlinge Krankheiten wie Kinderlähmung, Tuberkulose, Hepatitis oder regionale multiresistente Keime wie MERS mitbringen beziehungsweise unter den Bedingungen in den Camps neue Seuchen ausbrechen. Welche Krankheiten konnten sie tatsächlich diagnostizieren?

All diese Befürchtungen haben sich hier bei uns zum Glück nicht bewahrheitet. Wir stellten bei den Kindern das auch in unseren Breiten übliche bunte Spektrum pädiatrischer Erkankungen fest, also beispielsweise Lungenentzündungen, Magen-Darm-Infekte, Meningitis und saisonal bedingt Rota-, Noro- und RS-Viren.

Waren die Kinder von der Flucht gezeichnet?

Das nicht. Die meisten waren trotz ihrer wochenlangen, strapaziösen Flucht in einem guten körperlichen Zustand. Aber fast alle leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Der seit fünf Jahren andauernde Krieg, ständige Bombardements, Gewalt, Tote, Blut – all das erlebten diese Kinder. Einige von ihnen haben Geschwister oder Elternteile verloren, nicht nur in der Ägäis. Wir Europäer können uns nicht vorstellen, was diese Kinder erlebt haben. Unsere beiden Psychologinnen standen den kleinen Patienten in unserer Klinik eng zur Seite.

Die Leisniger Kinderklinik verfügt über 32 Betten, darunter zehn intensivmedizinische neonatologische Betten. Sind Sie an Ihre Kapazitätsgrenzen geraten?

Nein, zu keiner Zeit. Wir hatten mit den Flüchtlingen täglich etwa fünf Patienten mehr. Unser 14-köpfiges Ärzteteam sichert ja grundsätzlich eine doppelte Dienstarztbesetzung ab, um für Ambulanz, Station, ITS und Kreißsaal jederzeit verfügbar zu sein. Zudem hatten sich all unsere Kinderärzte und Schwesten bereiterklärt, zusätzliche Dienste zu übernehmen, um eventuelle Mehrbelastungen abzufedern.

In Leisnig kamen im vergangenen Jahr 516 Kinder zur Welt. Waren darunter auch Flüchtlinge?

Ja natürlich. Eine kleine Kurdin war das erste Kind syrischer Eltern, das in Leisnig geboren wurde. Einige Kinder wurden auch auf der Flucht geboren und von uns hier ärztlich erstversorgt. Kurz vor Weihnachten gebar eine syrische Frau ihr Kind schon in der 34. Woche. Zum Glück sind wir mit drei Neonatologen und modernster Perinataltechnik auf solche Fälle vorbereitet, haben im letzten Jahr 125 Frühchen und kranke Neugeborene ins Leben begleitet. Und so war natürlich auch der kleine Momahad – er wog 1890 Gramm und musste einige Tag beatmet werden – bei uns in den besten Händen.

Konnten die Familien in den Mutter-Kind-Zimmern der Klinik zur Ruhe kommen?

Ein wenig. Aber es fällt ihnen schwer. Sie sind zwar nicht mehr auf der Flucht, aber trotzdem noch nicht angekommen. Sie fragen sich, ob sie bleiben dürfen, wohin sie kommen und was wohl aus ihnen wird. Es war nicht einfach, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und ihnen klar zu machen, dass sie ganz entspannt sein können und Ärzte in Deutschland Partner auf Augenhöhe sind. Aus ihren Herkunftsländern kennen sie extrem hierarchische Strukturen auch aus der Medizin und sind entsprechend schüchtern und zurückgezogen. Aber mit der Zeit ist es uns gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Ihre Sprachkenntnisse haben Brücken geschlagen. Wie kommt es, dass Sie arabisch sprechen?

Meine Vorfahren stammen aus Ägypten. Mein Vater wurde in Kairo geboren und kam als Student in den 50er-Jahren nach Deutschland, hat hier Medizin studiert und als Arzt gearbeitet. Ich wurde in Wien geboren, bin in Deutschland aufgewachsen, habe mit meiner Familie zwei Jahre in Kairo gelebt und dort mit zehn Jahren arabisch gelernt.

Von Kathrin Gerlach

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