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Döbeln Zehn Jahre nach der Flut spricht Behördenchef Axel Bobbe von zunehmender Hochwasservergesslichkeit
Region Döbeln Zehn Jahre nach der Flut spricht Behördenchef Axel Bobbe von zunehmender Hochwasservergesslichkeit
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21:07 09.08.2012

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Was seit 2002 passiert ist

Der gebrochene Deich am Grunersportpark wurde erneuert. Seit 2004 gibt es für die gesamte Freiberger Mulde ein bestätigtes Hochwasserschutzkonzept. Auch der Döbelner Hochwasserschutz für geschätzte 40 Millionen Euro ist insgesamt genehmigt. In praktischen Modellversuchen der Bauhausuniversität in Schleusingen wurde die Verbreiterung der Flutmulde und der Neubau des Schloßbergwehres praktisch überprüft. Die erste Muster-Flutmauer steht fertig an der Döbelner Ritterstraße. Mit nahezu allen Grundstücksbesitzern der Innenstadt gibt es Verträge zum Bau der Flutschutzanlagen. Das Rückhaltebecken im Amselgrund wurde komplett erneuert.

Wie es weiter geht

Für die Verbreiterung des Mühlgrabens im Stadtteil Sörmitz gibt es von der Landesdirektion Chemnitz noch immer keine Entscheidung. Hier sollte der Bau längst gestartet sein.

In der Döbelner Innenstadt wird aktuell mit Bohrgeräten der Baugrund untersucht, für eine sichere Statik der Bohrpfähle auf denen die Hochwasserschutzmauern gegründet werden. "Ab nächstem Jahr wird es in Döbeln viel Bewegung geben", verspricht LTV-Chef Axel Bobbe. Die Verbreiterung der Flutmulde vom Busbahnhof bis zum Steigerhausplatz wird noch dieses Jahr ausgeschrieben. Baustart soll nach den erhöhten Frühjahrspegeln 2013 sein. Auch der Abriss des alten und der Neubau eines neuen, automatisierten Schlossbergwehres wird gerade durch ein im Wasserbau erfahrenes Hamburger Büro vorbereitet. Baubeginn ist 2013. Das Genehmigungsverfahren für den Neubau der Brücke Straße des Friedens liegt im Plan. Baustart ist auch hierfür 2013. "Größte Herausforderung in Döbeln ist für uns, alle Baumaßnahmen so zu gestalten, dass von ihnen selbst keine Hochwassergefahr ausgeht. Ein Dresdner Ingenieurbüro unterstützt uns bei der Planung der Bauabschnitte", so Axel Bobbe.

Die Klage

Die Klage eines einzelnen Hausbesitzers gegen den Hochwasserschutz hat auf den Baubeginn keine aufschiebende Wirkung. Es kann also trotzdem gebaut werden. "Es gibt Kontakte zum Kläger und seinem Anwalt. Es gibt gutachterliche Untersuchungen. Noch ist aber offen, ob die von uns erhoffte gütliche Einigung möglich ist", so der LTV-Chef.

Die LTV und ihr Personal

Seit 2002 hat die LTV an Elbe, Mulde und Weißer Elster satte 600 Millionen Euro investiert. Diese Größenordnung liegt in den nächsten Jahren noch einmal vor der Behörde. 250 bis 400 große und kleine Projekte betreut die Behörde von Rötha aus im Jahr. Nach der Flut wurden die Mitarbeiter für Bau, Finanzen und Liegenschaften in Rötha von 17 auf 70 aufgestockt. Mit allen Flussmeistern hatte die LTV vor 2002 insgesamt 70 Mitarbeiter. Heute sind es 180. Allerdings ist es schwer, alle Stellen mit Wasserbau- und Tiefbauingenieuren zu besetzen. Da nach 2002 viele Stellen mit auf drei und fünf Jahre befristeten Verträgen besetzt wurden, warb die freie Wirtschaft in den letzten Jahren viele Ingenieure mit attraktiveren, unbefristeten Angeboten ab. Ein großes Problem für die LTV und ihren riesigen Aufgabenberg. "Für Döbeln haben wir ein gutes Team aus vier Bauingenieuren, die sich um alle Abschnitte kümmern und topfit sind", so Bobbe.

Die Lehren der Flut

"Wir waren von der Größe und der Schnelligkeit der Flutkatastrophe 2002 überrascht und im Muldegebiet teils überfordert, weil die Welle so schnell kam", gesteht der Behördenchef. "Heute haben wir vernünftige Arbeitsgrundlagen und wissen genau, was ein Pegelwert in Nossen für die folgenden Städte und Gemeinden bedeutet. Die Katastrophenabwehr kann sich damit anders einstellen als 2002." Die Schnelligkeit der Mulde zwinge zu festem Flutschutz. Beweglicher Hochwasserschutz wie am Rhein sei undenkbar. "In Dresden gibt es zwei bis drei Tage Vorwarnzeit. Da kann man noch handeln. In Grimma beträgt die Vorwarnzeit einen halben Tag. In Döbeln und Roßwein reden wir von höchstens zwei bis drei Stunden. Das ist zu knapp für mobile Hochwasserschutzwände wie in Köln", sagt Bobbe.

Der Ärger der Flutschützer

Was den Behördenleiter heute ärgert, sind die vielen Hobby-Hochwasser-Experten. "Die erklären unsere gestandenen Fachleute, die über jahrelange Erfahrungen verfügen, für dumm und wissen viel besser, wie Hochwasserschutz mit einfachen Mitteln gehen soll", ärgert sich Bobbe. Er habe nichts gegen gute Anregungen, wie damals in Döbeln die zur Verbreiterung der Flutmulde und damit niedrigere Schutzmauern. Doch konstruktiv und sachlich müsse es sein.

Die schlimmen Erlebnisse der Flut verblassen aber zunehmend. Es trete eine Hochwasservergesslichkeit auf. Gegenüber 2003 nehme die Akzeptanz für die Umsetzung von Hochwasserschutz ab. Es werde mehr diskutiert und gestritten. Die Aggressivität steigt. Verfahren dauern damit länger. "Wir haben beim Hochwasserschutz keine Zeit, uns jahrelang um des Kaisers Bart zu streiten. Dann setze ich Kraft, Zeit und Geld lieber an anderer Stelle ein." Argumente, wie "dem Fluss mehr Raum geben, statt Mauern zu bauen", bringen Axel Bobbe auf die Palme. Dem Fluss Raum geben, das geht hinter Bad Düben wieder, aber wo sollen wir die Ausbreitungsräume für den Fluss in der Topographie des Erzgebirges denn hernehmen?"

Der Krieg um die beiden Rückhaltebecken an den Muldezuflüssen macht ihn wütend. Die Becken seien für Städte wie Döbeln und Roßwein enorm wichtig. Erst damit sei ein Schutz vor einem 100-jährigen Hochwasser möglich. Ohne die Becken müsste auf die geplanten Mauern von 1,30 bis 1,50 Meter tatsächlich noch ein Meter draufgepackt werden. "Ich würde mir wünschen, dass vom Hochwasser gefährdete Unternehmer und Bürger künftig auf den Tisch springen, wenn Pseudoexperten und Fundamentalgegner an solchen Fragen ihr Mütchen kühlen und damit Existenzen gefährden", so Axel Bobbe.

Der zehnte Jahrestag der Flut ist für ihn kein Tag mit Eventcharakter sondern einer für Demut und Ehrfurcht.

-Kommentar, S.13

Thomas Sparrer

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