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Döbeln Haare ab! Zehnjährige aus Döbeln spendet Zopf an Leipziger Uniklinik
Region Döbeln Haare ab! Zehnjährige aus Döbeln spendet Zopf an Leipziger Uniklinik
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13:26 23.02.2018
Rund einen halben Meter lang ist der Zopf, den Friseurin Ronja Schubert (l.) der zehnjährigen Ve Marquardt abgeschnitten hat. Quelle: Sven Bartsch
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Döbeln

Etwas zittrig sitzt die zehnjährige Ve auf dem Friseurstuhl im Salon Hairstyle by König in Döbeln. Noch reicht der hellbraun glänzende Pferdeschwanz, zum die Friseurin Ronja Schubert die langen Haare gebunden hat, bis weit über die Lehne des Sessels. Die Hände der Fünftklässlerin zittern ein wenig. Sorgsam beäugt sie sich im Spiegel – fast wie um sich selbst mit den langen Haaren einzuprägen, bevor sie endgültig abgeschnitten sind.

„Ich möchte sie bis hierher abschneiden“, sagt sie tapfer und hält die Hände flach ein paar Zentimeter unters Kinn. „Wir schneiden im Trockenen erstmal gerade ab“, erklärt Ronja Schubert. „Danach werden die Haare gewaschen und geschnitten. Möchtest du auch einen Pony?“, fragt sie und bekommt ein deutliches „NEIN!“ von Ve zur Antwort.

Cathleen Marquardt und Tochter Ve kurz vorm Friseurbesuch in Döbeln. Quelle: Sven Bartsch

Erster Pony mit der Küchenschere

„Mama hat mir früher mal einen Pony geschnitten – mit der Küchenschere“, erzählt sie und Mama Cathleen Marquardt, die ein paar Meter entfernt sitzt, lacht schuldbewusst. Ein Seitenscheitel soll es stattdessen sein, die braunen Haare nur noch bis auf die Schultern reichen, sagt Ve.

Das Stück, das Ronja Schubert mit einem Haargummi festgebunden hat, ist etwa einen halben Meter lang. 60 Gramm wiegt der Zopf, wie sich später herausstellen wird. Behalten will Ve davon aber nur eine – die längste – Strähne. Der Rest soll Menschen zu Gute kommen, die weniger Glück im Leben hatten als die Zehnjährige Gymnasiastin aus Döbeln. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das aufgegriffen habe“, sagt sie noch kurz vor dem Friseurtermin. „Aber wenn man mit Haaren Menschen helfen kann, mache ich das.“

Ve ist an diesem Freitagmorgen mit Mama Cathleen in der Döbelner Innenstadt. Es ist der letzte Urlaubstag nach einem Ostseetrip mit den Eltern. Sie hat noch eine Woche Winterferien vor sich und am Abend eine Familienfete, auf der sie alle mit ihrer neuen Frisur überraschen will.

Ves Haare sind so lang, dass sie darauf sitzen kann. Das wird Friseurin Ronja Schubert bald ändern. Quelle: Sven Bartsch

„Ich sitze manchmal drauf“

Bis dahin hat sie sich höchsten die Spitzen der Haare mal gerade schneiden lassen. Ansonsten durften die braunen Haare, die nach unten hin immer heller werden, stetig weiterwachsen. „Ich sitze schon manchmal drauf. Jedenfalls habe ich die längsten Haare in meiner Klasse“, sagt sie und erklärt: „Früher wollte ich immer die Frau mit den längsten Haaren der Welt werden. Aber nach zehn Jahren ist es soweit, dass man sich sattgesehen hat und nun will ich eine Veränderung.“

Mama Cathleen Marquardt brauchte ein wenig, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. „Sie hatte schon eine Weile davon geredet. Ich habe dann immer gesagt, warte mal noch ein bisschen und überlege es dir genau. Wenn sie einmal ab sind, ist das Theater groß“, erzählt sie und lacht.

Spendenadresse schwer zu finden

Und Ve, die vollständig Ve Lynn heißt und auf deren Namen Cathleen und Andreas Marquardt in einem alten Namensbuch gestoßen sind, hat sich das genau überlegt. Und damit war für Mutter und Tochter auch schnell klar, dass die Haare nicht im Abfall des Friseurs oder in der heimischen Schublade landen, sondern einem guten Zweck dienen sollten.

„Wir haben zuerst an einen Perückenmacher gedacht, der Haare für krebskranke Kinder macht. Aber es ist schwer so Jemanden hier in der Region aufzutreiben“, sagt Cathleen Marquardt. Stattdessen hätte man die Haare an ein weiter entferntes Unternehmen einschicken müssen und den Erlös dann spenden. „Das war uns aber etwas zu unpersönlich“, sagt die 39-Jährige.

Die Lösung findet sich über den Friseursalon, in dem Ve wenig später auf dem Sessel sitzen wird und in dem auch ihre Mutter Stammkundin ist. „Ich hatte bei der Friseurin gefragt, wohin man die Haare spenden kann und sie wusste die Sache mit der Uniklinik vom Döbelner Zahnarzt Brückner – zufällig ein Nachbar meiner Eltern“, erzählt Cathleen Marquardt und lacht wieder.

Augenbrauen und Wimpern aus Ves Haaren

Tatsächlich freut man sich in Leipzig über das Angebot aus Döbeln. Mit Ves Haaren sollen hier Gesichtsprothesen – so genannte Epithesen – mit Augenbrauen und Wimpern versehen werden. Und nicht nur das: Die beiden werden sogar zu einer Führung mit dem verantwortlichen Professor vor Ort eingeladen und dürfen die Haare persönlich abgeben.

An all das denkt Ve aber offenbar nicht, als sie wenig später auf dem Friseursessel sitzt und der entscheidende Moment naht. Seit drei Wochen steht der Friseurtermin. „Heute früh war die Nervosität schon deutlich spürbar. Ich dachte schon sie kneift“, verrät die Mama abseits der Szenerie.

Noch ein kurzer Längencheck – dann weiß die Friseurin, wie viel sie abschneiden soll. Quelle: Sven Bartsch Fotograf

Nur Ves beste Freundin, eine weitere Schulkameradin und die Klassenlehrerin wissen von den typverändernden Plänen. Was, wenn es mit kürzeren Haaren blöd aussieht? Nachwachsen würden sie mit rund einem Zentimeter pro Monat, sagt Friseurin Ronja Schubert. Das hieße mehr als vier Jahre warten, bis wieder die aktuelle Länge erreicht wäre.

40 Schnitte durch den Zopf

Bevor Ronja Schubert die Schere ansetzt, fragt Ve nochmal hastig nach: „Das heißt, wir schneiden jetzt das Stück ab?“ Dann gibt sie der Friseurin die Freigabe und die schneidet mit kleinen Schnitten langsam durch den dicken Zopf. Mehr als 40 Mal klappt die Schere auf und zu bevor Haarschweif abgetrennt ist.

Zur Sicherheit hatte Ve die Brille abgenommen, ohne die sie nur unscharfe Umrisse erkennt. Als sie das Gestell wieder aufsetzt und sich zum ersten Mal mit schulterlangen Haaren im Spiegel sieht, ist die erste Reaktion ein breites Grinsen. „Ich finde es jetzt schon sehr schön“, sagt Ve noch immer breit lächelnd und es fließen auch ein paar Tränchen – aber nur der reinen Freude.

Als sie den abgeschnittenen Zopf in der Hand hält ist sie noch ganz baff. „Ich kann gar nicht richtig lachen, meine Wangen zittern so“, sagt Ve. Und Cathleen Marquardt ist gleich mit begeistert, auch wenn sie zugleich spürt, dass ihre Tochter gerade einen großen Schritt hin zur jungen Frau gemacht hat. „Du siehst ganz anders anders aus, glatt zwei Jahre älter, oh Gott!“, ruft sie und lacht.

„Gefalle mir viel, viel besser“

Die folgende Stunde auf dem Friseurstuhl ist für Ve der reinste Genuss, auch wenn sie dabei ohne Brille die Fortschritte auf ihrem Kopf nicht richtig mitverfolgen kann. Zum Spitzenschneiden hatte sie immer nur kurz Platz genommen. Jetzt genießt sie die kleinen Schnitte, das Föhnen, das Frisieren – und ist hinterher rundum zufrieden. „Ich gefalle mir viel, viel besser mit kurzen Haaren“, stellt sie fest.

Und das ist auch vier Tage später noch so. „Es gefällt ihr immer noch sehr gut. Es sind schon die ersten Spangen gekauft. Schleifen sollen jetzt ihr neues Markenzeichen werden“, berichtet Cthleen Marquardt nach dem großen Besuch an der Uniklinik in Leipzig.

Mehr als eine halbe Stunde lang werden sie in der Kieferchirurgie des Hauses herumgeführt, wo die Epithesen hergestellt werden, dürfen die Silikon-Präparate auch berühren. „Es gab einzelne Augen oder halbe Gesichter, mit Nasen oder Teilen des Ohrs“, erzählt Cathleen Marquardt. Ves Zopf wird sofort zur Weiterverarbeitung in eine große Petrischale gegeben. „Man hat sich dort sehr gefreut, dass der Zopf so lang war. Und weil die Haare unten etwas heller sind, können verschiedene Patienten profitieren“, freut sich die Mama.

Die Haare sind ab – und trotzdem noch lang. Ve will künftig regelmäßig zum Friseur und die Mähne nicht wieder so lang wachsen lassen. Quelle: Sven Bartsch

Von Sebastian Fink

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