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Zschepplitzer nach Arbeitsunfall in Insolvenz

Mike Bitterlich klagt gegen Berufsgenossenschaft Zschepplitzer nach Arbeitsunfall in Insolvenz

Mike Bitterlich hat nach einem Arbeitsunfall vor drei Jahren seine Existenzgrundlage verloren. Eine schwere Handverletzung betrachtet die ihn versichernde Berufsgenossenschaft als ausgeheilt. Fachgutachten von Ärzten aus Döbeln und Dresden sagen das Gegenteil. Bitterlich pocht auf sein Recht, doch das dauert.

Ein ganzes Tablett voller Medikamente benötigt Mike Bitterlich gegen die Schmerzen im linken Arm. Arbeiten konnte er seit mehr als drei Jahren nicht.

Quelle: Gerhard Dörner

Zschepplitz. Der 13. Juni 2013 sollte für Mike Bitterlich aus Zschepplitz bei Döbeln ein ganz normaler Arbeitstag werden. Der damals 44-Jährige arbeitete schon seit einer Weile freiberuflich als Patientenbegleitdienst in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in Stuttgart. Alles lief wie gewohnt. Doch eine von der Polizei eingelieferte, unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehende Patientin dreht plötzlich durch, greift mehrere Pfleger und Polizisten an, darunter Mike Bitterlich. „Sie hat mir die linke Hand einmal komplett nach oben durchgebogen“, erzählt Bitterlich beim Gespräch im Haus seiner Eltern in Zschepplitz, wo er seit dem Unfall wohnt.

In den gut drei Jahren seither hat er keinen Tag arbeiten können. Die Hand wird bei dem Unfall stark überdehnt, wodurch eine Entzündung entsteht, die bis heute anhält – ein so genanntes CRPS Typ I (Complex regional pain syndrome – engl. Komplexes regionales Schmerzsyndrom), auch als Morbus Sudeck bekannt. Bei der Erkrankung treten Durchblutungsstörungen, Ödeme, Hautveränderungen, Schmerzen und schließlich Funktionseinschränkungen auf. „Der Arm wird bis zur Schulter taub, ich habe Krämpfe im Oberarm. Die Hand ist für mich funktionslos. Ich kann nichts festhalten, nichts greifen“, schildert Bitterlich seine Einschränkungen.

Mike Bitterlich ist für so einen Fall bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege (BGW) versichert. Die erkennt sowohl die akute Verletzung als auch die CRPS-Erkrankung an und zahlt zunächst das Verletztengeld.

Im Herbst 2013 wird er am Klinikum Döbeln operiert, doch die Schmerzen in der Hand bleiben. Die BGW bittet Bitterlich zu einer erneuten Vorstellung in ihrer Klinik Bergmannstrost in Halle. Dort wird das Heilverfahren aus Sicht der BGW abgeschlossen, das CRPS für ausgeheilt erklärt. Im Februar 2014 mus Mike Bitterlich zu einer abschließenden Untersuchung zu einer Handchirurgin in Hoyerswerda, die ihm eine hundertprozentige Erwerbsfähigkeit bescheinigt. „Ich war nur ein paar Minuten in der Klinik. Sie meinte, Sie sind gesund, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“, berichtet Bitterlich.

Die BGW stellt die Zahlungen ein, obwohl der Zschepplitzer weiter über starke Schmerzen klagt und nicht arbeiten kann. „Das Verletztengeld hätte zwei Jahre gezahlt werden müssen, ich bekam es aber nur acht Monate lang. Dadurch bin ich zum Hartz-IV-Empfänger geworden und wurde in die Insolvenz getrieben“, sagt Bitterlich. Es geht um viel, rund 4800 Euro monatlich, erklärt er.

Er reicht Klage gegen die BGW beim Sozialgericht in Chemnitz ein. Doch wegen der Eröffnung des Insolvenzverfahrens lässt das Gericht die Klage bis zu dessen Abschluss ruhen. Bis vor zwei Wochen geht nichts vorwärts. Die Anwaltskanzlei Ehspanner aus Weimar, die Bitterlich vertritt, spricht von einem“sehr komplizierten Fall“, will sich wegen des erst kürzlich wieder angelaufenen Verfahrens zu den Chancen des 47-Jährigen nicht äußern.

Während der Zeit versucht Mike Bitterlich das Fortbestehen seiner CRPS-Erkrankung zu beweisen – mit Erfolg. Im Klinikum Döbeln bescheinigt man Mike Bitterlich im September 2015 einen Grad der Erwerbsminderung von 55 Prozent durch CRPS sowie eine unwahrscheinliche Heilung. Am Städtischen Klinikum in Dresden wird ihm dies einen Monat später zweifelsfrei bestätigt mit dem Hinweis auf die „überraschend“ in Hoyerswerda gestellte Diagnose und ein fehlendes schmerztherapeutisches Gutachten, das zur Bewertung des Falls durch die BGW notwendig gewesen wäre.

Die wiederum bestätigt in einem Schreiben an das Klinikum Döbeln im März 2016, das der DAZ vorliegt, ihre Leistungspflicht bei einem bestehenden CRPS, weigert sich aber weiterhin, zu zahlen. Für Mike Bitterlich, der auf starke Schmerzmedikamente angewiesen ist, ist es ein Dilemma. Nicht nur, dass er nicht mehr im alten Beruf arbeiten kann. Auch die Umschulung auf eine leichte Tätigkeit im Sitzen mit der rechten Hand, könne erst nach Abschluss des Verfahrens beantragt werden. „Ich will gern arbeiten, habe noch 20 Jahre vor mir. Ich kann meine Kinder in Berlin nicht besuchen, weil ich mir die Fahrt nicht leisten kann. Seit zwei Jahren bin ich Opa, habe mein Enkel aber noch nicht gesehen.“

Die BGW-Regionalstelle Dresden wollte sich bis gestern nicht zu dem Fall äußern. Die Hamburger Zentrale der Genossenschaft hat auf DAZ-Nachfrage aber eine Stellungnahme in der kommenden Woche in Aussicht gestellt.

Von Sebastian Fink

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