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Zuchthaus Waldheim: Der schwierige 300. Geburtstag

Deutschlands ältestes Gefängnis Zuchthaus Waldheim: Der schwierige 300. Geburtstag

Als im April 1716 – vor 300 Jahren – die Zuchtanstalt Waldheim eröffnet wurde, waren neben Straftätern auch Arme und Waisen untergebracht und zur Begrüßung gab es Stockhiebe. Heute zählt die Justizvollzugsanstalt zu den modernsten in Deutschland. Eine Gedenkwoche soll an die Entwicklung erinnern und die Zukunft einläuten.

Vor 300 Jahren wurde die Zuchtanstalt Waldheim – Deutschlands ältestes Gefängnis – eröffnet. (Symbolfoto)
 

Quelle: dpa

Waldheim.  Wie feiert man ein Gefängnis? Diese Frage stellten sich Ines Riegler, Projektkoordinatorin in der Justizvollzugsanstalt Waldheim (JVA) und ihr Anstaltsleiter Harry Kempf vor zweieinhalb Jahren, als die Planung für das 300-jährige Bestehen der Einrichtung begann. „Es musste eine Gedenkwoche sein, keine Festwoche, weil das Haus dunkle Zeiten erlebt hat, die man nicht feiert“, sagt Ines Riegler bestimmt und meint sowohl die NS- und DDR-Zeit als auch die Anfänge in der von August dem Starken in Auftrag gegebenen Einrichtung.

Stockhiebe zur Begrüßung

Stockhiebe zur Begrüßung: Im 18. Jahrhundert ging es rau zu für neue Häftlinge in Waldheim.

Quelle: Repro: JVA Waldheim

Damals war sie Zucht-, Armen- und Waisenhaus in einem. Zur „Begrüßung“ der Neuankömmlinge gab es Stockhiebe - offen als Schauspiel auf dem Gefängnishof. Außer Kinder und Schwangere waren alle betroffen.

Damals eine hochmoderne Einrichtung

Dennoch sei es für die damalige Zeit eine moderne Einrichtung gewesen, sagt Riegler. „Zu Beginn waren wegen des noch nicht ganz fertigen Baus noch alle drei Gruppen in einem Gebäude untergebracht, doch man erkannte schnell, dass das ungünstig ist. Schon nach wenigen Monaten wurde jedem Klientel ein eigenes Gebäude gewidmet. Die Armen und Waisen sollten von der Straße weg.“

Ines Riegler und Direktor Harry Kempf wollen gedenken und vorausblicken

Ines Riegler und Direktor Harry Kempf wollen gedenken und vorausblicken.

Quelle: Sven Bartsch

Ein Zuchthaus der Moderne zu Zeiten absolutistischer Herrscher? Warum nicht auf die Entwicklung des Strafvollzugs schauen und wie daraus bis heute gelernt wurde, dachten sich die beiden, die zusammen mit weiteren Kollegen aus der Anstalt sowie dem Sprecher des Justizministeriums, Jörg Herold, eine Arbeitsgruppe zur Festwoche und dem Festjahr, das bis November andauern soll, gründete.

Und wo könnte eine solche Entwicklung besser abgelesen werden als an Waldheim - der ältesten durchgehend für den Strafvollzug genutzten Anlage Deutschlands?

Ines Riegler hat sich dafür eingehend mit der Anstaltsgeschichte befasst. „Früher war das Gelände viel mehr zugebaut“, weiß sie. Wo heute 408 Insassen leben, waren durch Großraumzellen mit bis zu 20 Gefangenen zeitweise mehr als 3000 Insassen zusammengepfercht.

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Fischdosen, Bücher, Brotschnitten – die Gefangenen sind mehr oder weniger kreativ, wenn es darum geht Mobiltelefone und Drogen ins Gefängnis zu schmuggeln. In der JVA Waldheim sind die Fundstücke zu besichtigen.

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Berüchtigte und gefürchtete Anstalt

Die ersten 160 Jahre des Bestehens der Anstalt galt der Vollzug als reine Bestrafung, der durch das 1838 erlassene Sächsische Kriminalgesetzbuch noch verschärft wurde. „Waldheim wurde zur berüchtigtsten und gefürchtetsten Anstalt in Deutschland“, berichtet Riegler. In dieser Zeit wird der heute noch gebräuchliche Satz „Wer nichts wagt, kommt nicht nach Waldheim“, geprägt. Wer diesen Ausspruch wann genau zuerst getan hat, sei aber nicht überliefert, so Riegler.

Erst mit der Reichsgründung 1871 rückten Besserung und Erziehung in den Vordergrund des Vollzugs. Mit der Einrichtung der ersten deutschen Irrenanstalt für männliche, geisteskranke Verbrecher 1876 auf dem Gelände wurde Waldheim zum Vorreiter. Während der Weimarer Zeit steht die Behandlung und Resozialisierung der Insassen schon im heutigen Sinne im Vordergrund.

1874 gehörte das Waldheimer Gefängnis zu den modernsten seiner Zeit

1874 gehörte das Waldheimer Gefängnis zu den modernsten seiner Zeit. Die Erziehung der Täter rückte in den Vordergrund.

Quelle: Repro: JVA Waldheim

Doch ab 1933 folgen die dunkelsten Kapitel der Einrichtung. „Die Hälfte der Insassen waren politische Gefangene und es war nichts mehr fortschrittlich“, sagt Riegler. Aus der früheren Irrenanstalt wurden nun reihenweise Gefangene für die zynisch von den Nazis „Euthanasie“ genannte Ermordung nach Pirna-Sonnenstein und in andere Anstalten geschickt. Zudem schwächte man Gefangene absichtlich durch Mangelernährung, die häufig an Tuberkulose und anderen Krankheiten starben.

Waldheimer Prozesse gegen politische Gefangene

Zum 234. Bestehen erlangt die Anstalt im April 1950 traurige Berühmtheit mit dem Start der Waldheimer Prozesse. 3400 meist politische Gefangene kommen damals nach Waldheim. Im November darauf werden 24 Todesurteile durch das neue kommunistische Regime in Waldheim vollstreckt.

Erst in den vergangenen knapp 26 Jahren sieht Direktor Harry Kempf einen Lichtblick. „In dieser Zeit sind mehr als 50 Millionen Euro in den Umbau geflossen. Mit dem neuen Gebäude von 2012 haben wir endgültig modernsten Standard erreicht“, sagt er.

Alter und Moderne

Alter und Moderne: Der 2012 fertiggestellte Neubau (r.) neben einem Zellentrakt aus dem 19. Jahrhundert.

Quelle: JVA Waldheim

Darum soll die Gedenkwoche, die am Sonntag mit einem Eröffnungsakt im Waldheimer Rathaus beginnt, auch ein Blick nach vorn sein. „Wir waren uns schnell einig, dass wir nicht nur auf 300 Jahre Vollzug zurückblicken, sondern auch auf Aktuelles und die Zukunft schauen“, sagt Kempf.

9. April – Tag der offenen Tür

Und das nicht im Alleingang. Nach einer Woche mit JVA-Symposium, Podiumsdiskussionen und Ausstellung wird am 9. April ein landesweiter Tag der offenen Tür begangen, an dem alle zehn sächsischen Anstalten beteiligt sind. Dann sollen Besucher sehen, wozu laut Kempf heute der Strafvollzug im Vergleich zur dumpfen Bestrafung vergangener Jahrhunderte dienen soll: „Das Gefängnis ist auch eine soziale Einrichtung, ein Auffangbecken für Menschen, bei denen in unserer Gesellschaft viel schief gegangen ist.“ Und das ist aus humanitärer Sicht letztlich doch ein Grund zum Feiern.

Gedenken vom 3. bis 16. April

Sonntag, 3. April, 15 Uhr: Eröffnungsakt der Gedenkwoche im Waldheimer Rathaus mit dem Sächsischen Justizminister, dem Waldheimer Bürgermeister und weiteren geladenen Gästen.

Montag, 4. bis Mittwoch, 6. April: Fachsymposium „Vollzug für das 21. Jahrhundert“ im Tagungszentrum Waldheim (nicht öffentlich)

Mittwoch, 6. April, 18 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema „Freiheit? Zu Risiken und Nebenwirkungen“ im Rathaus Waldheim. Mit der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung geht es um den Umgang mit Strafe und Strafvollzug und wie sinnvoll ein Freiheitsentzug ist (ohne Anmeldung).

Donnerstag, 7. April, 18 Uhr: JVA Waldheim, Podiumsdiskussion zum Thema „Wer nichts wagt, kommt nicht nach Waldheim – Politische Haft in der frühen DDR“ - Der Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen veranstaltet die Diskussion mit Thomas Ammer (Kopf des Eisenberger Kreises) und Hans-Joachim Gäbler (Mitglied der Werdauer Oberschüler). Moderation: Friedemann Schreiter (Buchautor „Strafanstalt Waldheim - Geschichten, Personen und Prozesse aus drei Jahrhunderten“) Anmeldung unter wandelhintergittern@smj.justiz.sachsen.de oder telefonisch unter 0351/564-1512.

Sonnabend, 9. April, 10 bis 15 Uhr: (letzter Einlass) Landesweiter Tag der offenen Tür in allen sächsischen Justizvollzugsanstalten. In Waldheim wird damit der sonst im Sommer gelegene Tag der offenen Tür vorgezogen.

Mittwoch, 13. April, 18 Uhr: Midissage zur Ausstellung „Täter – Opfer“ der Dresdner Fotografin Kerstin Frise im Rathaus Waldheim, die dort ab 29. März bis 11. Mai 2016 gezeigt wird.

Sonnabend, 16. April, 10 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst in der Anstaltskirche der JVA Waldheim

Von Sebastian Fink

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