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Zwischen Windrad und Autobahn: Ein Besuch in Wetterwitz und Wettersdorf

Das DAZ-Dorfporträt Zwischen Windrad und Autobahn: Ein Besuch in Wetterwitz und Wettersdorf

Was beschäftigt die Menschen in den kleinen Orten zwischen Döbeln, Waldheim und Hartha? Für unsere Serie „Das DAZ-Dorfporträt“ besuchen wir jene kleinen Dörfer, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird. Im zweiten Teil der Reihe fuhr Reporterin Gina Apitz mit dem DAZ-Mobil nach Wetterwitz und Wettersdorf.

Oma Erdmute schmiert nach der Schule erstmal Brote für Olivia (12), Annabell (8), Helene (6) , Amelie (10) und Franja (9).

Quelle: Sven Bartsch

Wetterwitz/Wettersdorf. Am Buswendeplatz, dem Zentrum von Wetterwitz, ist heute ganz schön was los. Ein regelrechtes Komitee von Dorfbewohnern hat sich an diesem Donnerstag am Wartehäuschen versammelt. Da sind der Ortsvorsteher Bernd Handschack (64), Herbert Richter (81), ein echter Ureinwohner, der geschichtlich bewanderte Bernd Roßberger (68) und Petra Büttner vom örtlichen Heimatverein „Wetterhöhe 318“.

Sie alle wollen ihr Dorf zeigen, erklären, was die kleine Gemeinde auszeichnet. Und los geht der Spaziergang durch Wetterwitz und Wettersdorf, durch zwei Orte, die inzwischen vereint sind. Manchmal aber wissen selbst die Bewohner nicht genau, ob sie gerade in Wetterwitz oder -dorf stehen.

Die Jugend zieht zurück in den Ort

Die bis vor Kurzem „sauschlechte Dorfstraße“ (Bernd Handschack) wurde gerade frisch saniert, weil der Ort ans öffentliche Abwassernetz angeschlossen wurde. Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten reihen sich aneinander, einige wurden gerade erst gebaut. „Vor fünf Jahren haben wir gedacht, Wetterwitz stirbt mal aus“, sagt Petra Büttner. Die Kinder zogen weg, die Älteren starben, so die 58-Jährige. Dann aber vollzog sich ein Wandel. Immer mehr junge Menschen kamen in das Dorf zurück. Büttners Kinder waren einige der ersten, die zurückkehrten und eigene Häuser bauten.

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Zwischen der Autobahn 14 und drei Windrädern liegt das kleine Dorf Wetterwitz-Wettersdorf. Ein Streifzug durchs Dorf und seine Geschichte.

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„Wir erleben einen leichten Zuzug“, bestätigt Ortsvorsteher Bernd Handschack und deutet auf zwei junge Bäume, die sich im Ortskern gen Himmel ranken – 2009 wurden sie gepflanzt, für die Kinder, die seit der Wende im Ort geboren wurden. Auch der Fußballplatz, die Tischtennisplatte und das Volleyballnetz werden gut genutzt. Das Dorf tut etwas für den Nachwuchs. Es gibt Bastelnachmittage, noch im Herbst soll ein neues Gerät auf dem Spielplatz installiert werden.

Die Schüler fahren mit dem Bus zur Schule

Darüber freuen sich auch die Enkelinnen von Erdmute Karsunke. Die 73-Jährige verköstigt die fünf Mädels gerade mit Knäckebrot und selbst gemachter Quittenmarmelade. „Nach der Schule haben sie alle Hunger“, sagt die Großmutter mit lauter Stimme, um das Gequieke und Gekicher der fünf jungen Damen zu übertönen. Annabell (8), Amelie (10) und Olivia (12) Karsunke und Helene (6) und Franja (9) Schur leben in einer Patchworkfamilie direkt neben dem Holzhaus ihrer Oma – und sorgen am Nachmittag für ordentlich Leben darin.

Die fünf fahren jeden Tag mit dem Bus zum Unterricht. Einen Kindergarten oder eine Schule gibt es im Ort schon lange nicht mehr. Das Schulgebäude von 1836, ein Teil des ehemaligen Ritterguts, steht leer und zum Verkauf. „Zu DDR-Zeiten hing hier das einzige Telefon des Orts“, berichtet Bernd Handschack. „Drei Klassen in einem Raum – so bin ich zur Schule gegangen“, erinnert sich Bernd Roßberger.

Ein Phänomen: das Wetter im Dorf

Ein Siegel von 1764 deutet darauf hin, dass der Name der beiden Dörfer sich wirklich vom Wetter ableitet: Das Motiv zeigt eine Gewitterwolke mit Blitzen, bindfadenartigem Regen und einen Hagelschauer mit hühnereigroßen Geschossen. Tatsächlich liegen beide Dörfer auf einer Wasserscheide zwischen zwei Flüssen: Südwärts fließen die Bäche Richtung Freiberger Mulde, im Norden Richtung Elbe. Diese Lage führte schon oft zu Wetter-Kapriolen wie heftigen Regen, Schnee oder Hagel. Oft betrifft ein Unwetter nur einen Teil des Dorfes. Regnet es in Wettersdorf in Strömen, ist es gut möglich, dass es in Wetterwitz trocken bleibt. Petrus lässt grüßen.

Regelrecht ins Schwärmen kommen die vier Wetterwitzer, wenn sie von der alten Bäckerei und dem dazugehörigen Café erzählen. Früher sei Hänsels Bäckerei berühmt gewesen. „Sonntags bin ich mit meinen Eltern immer hierher gegangen“, erinnert sich Bernd Handschack. Erst Kaffee und Kuchen, danach ein Spaziergang im wunderschön angelegten Steingarten. Es habe Konzerte gegeben, Theatervorführungen, Kinovorstellungen, erzählen die vier Dorfbewohner. Noch zu DDR-Zeiten schloss das Café seine Pforten. Heute ist das Haus eine Ruine, ein Schandfleck im Dorf, der zunehmend verfällt.

Dem Verfall preisgegeben

Dem Verfall preisgegeben: die ehemalige Bäckerei in Wetterwitz.

Quelle: Sven Bartsch

Dort, wo man sich früher zum Kaffee traf, wohnt jetzt Grit Krause mit ihrer Familie. Auf ihrem Grundstück wachsen nicht nur uralte Bäume, in ihrem Vorgarten steht auch das frisch sanierte Kriegerdenkmal des Dorfes, das an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnert. „Das ist schon was Besonderes“, findet die 49-jährige Deutschlehrerin, die täglich eine halbe Stunde nach Hartha zur Arbeit fährt. Ihr gefalle das Leben am „Pups der Welt“, sagt Krause und schmunzelt. „Wir wohnen gern hier, weil es schön ruhig ist.“

Das Kriegerdenkmal wurde vergangenes Jahr saniert

Das Kriegerdenkmal wurde vergangenes Jahr saniert.

Quelle: Sven Bartsch

Mit der Ruhe ist es allerdings so eine Sache. Wetterwitz und Wettersdorf sind umgeben von der Autobahn 14 und drei Windrädern. Während die Windanlagen lange Schatten in Richtung des Dorfes werfen, verursachen die vorbeirasenden Autos ein dauerhaftes Hintergrundrauschen. Die Meinung der Bewohner zum Lärm ist geteilt. „Das hören Sie nicht mehr“, sagt Petra Büttner. „Die Autobahn ist gewaltig“, findet dagegen Bernd Roßberger. Bei Ostwind sei es besonders schlimm. Und: Der Geräuschpegel nehme zu. „In den letzten vier, fünf Jahren ist das immer mehr geworden“, bestätigt auch Ortvorsteher Handschack und macht den Einwohnern gleichzeitig Mut: Ein neues Lärmschutzgutachten sei in Arbeit. Der Nachteil des Dorfes ist zugleich sein Vorzug: Wetterwitz ist optimal angebunden, nach Dresden, Leipzig und Chemnitz.

Richtung Gleisberg begrenzen den Ort die drei Windräder, die in den Neunziger und 2000-Jahren errichtet wurden. „So richtig wollte die keiner haben“, sagt Bernd Handschack. Heftigen Protest habe es aber nicht gegeben. Inzwischen hat sich das Dorf an die Windschatten gewöhnt. Die Autobahn ist lauter.

Auf der Hofer-Wiese wird gerodelt

Der Spaziergang geht weiter, vorbei an der Hofer-Wiese, auf der die Kinder des Dorfes im Winter rodeln, vorbei am alten Brunnen, an dem die Dorfbewohner ihr Wasser holten, bevor sie 1979 an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen wurden, bis zu einem hübsch sanierten Dreiseithof, dessen Scheune 1908 abgebrannt ist, vielleicht durch Blitzschlag.

Das ehemalige Feuerwehrhaus nutzt heute der Heimatverein

Das ehemalige Feuerwehrhaus nutzt heute der Heimatverein.

Quelle: Gina Apitz

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Die Sonne steht jetzt tief, das letzte Gebäude, das die Dorfbewohner zeigen wollen, ist das Domizil des Vereins „Wetterhöhe 318“. Das ehemalige Feuerwehrhaus haben die Mitglieder 2005 saniert und neu möbliert. 27 000 Euro Fördermittel bekamen sie dafür aus einem Dorfentwicklungsprogramm. Heute wird das Haus für Familienfeiern, Bastelnachmittage und als Wahllokal genutzt.

Die 25 Vereinsmitglieder sind der Motor des Dorfes, sie organisieren das Maifeuer, die Weihnachtsfeier für die Senioren und ein Kaffeetrinken zum Frauentag. „Alle fünf Jahre feiern wir unser Dorffest“, sagt die Vorsitzende Martina Arnold. Die 56-Jährige ist außerdem stolz auf eine andere Tradition, zu der der Verein jährlich am 15. Oktober einlädt. Beim Krautfest stampfen die Wetterwitzer das mitgebrachte Sauerkraut mit den Füßen, eben so wie früher. Dazu gibt es Grillwürste.

Die Wettersdorfer Windmühle

Auf der Wetterhöhe 318, der höchsten Erhebung im Altkreis Döbeln, stand sie einst, weithin sichtbar: die Bockwindmühle mit schindelgedecktem Dach, nebst Wohnhaus und Scheune. 1846 wurde sie aus einem kleinen Dorf bei Freiberg hertransportiert, zwölf Fuhren waren nötig, um alle Einzelteile nach Wetterwitz zu bringen. Auf einem Mahlgang konnten etwa zehn Tonnen Körner geschrotet und Mehl gemahlen werden. Bis 1879 nutzte sie der erste Wettersdorfer Windmüller, danach führte sie dessen jüngster Sohn Friedrich Reinhold Schober bis 1911 weiter. Acht Jahre später wurde die Mühle aus wirtschaftlichen Gründen abgerissen.

Einer, der sich das Event wahrscheinlich nicht entgehen lässt, ist Uwe Lindner, der örtliche Autoschrauber. Langsam biegt der Pick-Up in die Einfahrt am Ortsausgang von Wettersdorf. Aus dem riesigen Amischlitten steigt ein großer Kerl mit blondem Bart und Vokuhila. Der Mechaniker, öffnet die Tür zu seiner Werkstatt, in der sich Motoröle, Werkzeug und Eimer stapeln. Seit 1982 repariert der 55-Jährige hier die Autos der Dorfbewohner, trinkt mit vielen hin und wieder ein Bierchen, kommt mit jedem gut klar, wie er betont.

Uwe Lindner in seiner Werkstatt in Wettersdorf

Uwe Lindner in seiner Werkstatt in Wettersdorf.

Quelle: Gina Apitz

Ende des Jahres wird Lindner die Werkstatt dicht machen und ins benachbarte Gleisberg verlegen, dorthin, wo er schon einige Jahre wohnt und einen Westernpferdehof betreibt. Dann müssen die Wetterwitzer und – dorfer ein paar Kilometer Fahrtweg auf sich nehmen.

Doch an seinem alten Haus hängen viele Erinnerungen. Immerhin hat Lindner sein halbes Leben hier verbracht. Mit 21 kauft er die Ruine, die mal ein Bauernhaus war. „Alle haben gesagt, ich soll die alte Bude wegreißen“, erinnert er sich. Stattdessen saniert er das Haus, deckt das Dach neu, baut ein Bad ein, so gut das eben möglich ist zu DDR-Zeiten – und eröffnet nebenan seine Werkstatt.

Westfernsehen fürs ganze Dorf

Die erste Amtshandlung nach dem Einzug: Eine große Antenne muss aufs Dach. „So konnte das ganze Dorf Westfernsehen schauen“, sagt Lindner und grinst. Einmal im Jahr feierte die „Antennengemeinschaft“ seitdem in seiner Garage eine kleine Party. Legendär sei zu DDR-Zeiten auch der örtliche Kneiper gewesen, der zum Feierabendbier Durstige aus den umliegenden Dörfern anzog. Die Kneipe hat in den 90ern dicht gemacht, auch die Gärtnerei und der Schuster. Wenn Lindner wegzieht, gibt es bis auf einen Landwirt keine Betriebe mehr im Ort. Sein Haus hat er verkauft, es wird derzeit saniert – und sicher bald wieder bewohnt sein.

Der Ursprung der beiden Dorfnamen

Wetterwitz ist der ältere Bruder von Wettersdorf . Seinen 682. Geburtstag feiert das Dorf in diesem Jahr, Wettersdorf dagegen ist etwa 200 Jahre jünger. Auch bei der Bevölkerung schlägt Wetterwitz mit seinen 111 Bewohnern Wettersdorf – das gerade mal 46 Einwohner zählt. Die älteste Bewohnerin beider Orte ist 96 Jahre alt, das jüngste Mitglied der Dorfgemeinschaft erblickte vor einem halben Jahr das Licht der Welt.

1334 wird Wetterwitz als „Wetirswicz“ oder „Waterswicz“ erstmals erwähnt, der Name ist slawischen Ursprungs. 1338 ist in amtlichen Dokumenten von einem Herrensitz die Rede, 1764 von einem Rittergut, das von 21 kleineren „Häuslern“ eingerahmt wird. Bis 1856 untersteht das Dorf dem Amt Meißen. Im 19. Jahrhundert leben knapp 300 Menschen in Wetterwitz, 1950 sind es 450.

Wettersdorf wird im 12. oder 13. Jahrhundert vermutlich von deutschen Siedlern gegründet und taucht in Urkunden 1539 als „Vettersdorff“ erstmals auf. Damals leben 20 Menschen in dem kleinen Dorf. Bis 1540 gehört der Ort mit den großen Bauerngehöften zum Zisterzienserkloster Altzella. 1950 wird Wettersdorf zu Wetterwitz eingemeindet. Heute sind beide Ortsteile von Roßwein.

Von Gina Apitz

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