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Eilenburg Al-Bakr war kurz vor seiner Festnahme in Eilenburg – und entkam
Region Eilenburg Al-Bakr war kurz vor seiner Festnahme in Eilenburg – und entkam
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17:17 10.10.2016
Der 22-jährige Dschaber al-Bakr lebte für ein bis zwei Monate in Eilenburg. Am Samstagabend kehrte er zu seiner alten Wohnung zurück. Quelle: Polizei / Ilka Fischer
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Eilenburg/Leipzig

Die Erleichterung über die Festnahme von Dschaber al-Bakr in Leipzig ist bei den Bewohnern der Eilenburger Bergstraße 72 groß. Zwar war der Syrer hier, im Stadtteil Berg, schon vor etwa einem Jahr ausgezogen – doch in der Nacht zu Sonntag war er auf seiner Flucht noch einmal in sein altes Quartier zurückgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt fahndete die Polizei bereits mit 700 Einsatzkräften nach dem Terror-Verdächtigen, der in Chemnitz entwischt war, und auch seine einstigen Eilenburger Mitbewohner hatten das Bild des Gesuchten im Fernsehen gesehen.  

„Als ich das Foto sah, dachte ich noch, das wird doch wohl nicht der ehemalige Nachbar sein“, so die nette alte Dame, die mit Dschaber al-Bakr etwa ein Vierteljahr Tür an Tür im Erdgeschoss des Hauses wohnte. „Vor einem Jahr trug er aber noch keinen Bart und so hätte ich ihn fast nicht wiedererkannt. Zumal ihn der Bart älter macht.“ Dass er eher unauffällig war, bestätigt eine zweite Nachbarin. „Er hat mich damals zwar zwei- oder dreimal rausgeklingelt“, erzählt sie, „weil er den Haustürschlüssel nicht dabei hatte.“ Nur dass er Student war, das hätte sie ihm, der nur wenig deutsch konnte, nicht so recht geglaubt. „Dafür war er einfach zu oft da, sei zudem oft nur kurz mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.“

In dieser Wohnung in der Bergstraße 72 wohnte Dschaber al-Bakr in Eilenburg. Fotos: Ilka Fischer

Dass er bei den insgesamt sechs Mietparteien noch einmal für so viel Aufregung sorgen würde, hätte aber keiner gedacht, als der eher ruhige Mitbewohner vor etwa einem Jahr mit Rucksack und zwei Taschen bepackt auszog.

Al-Bakr klingelte – weil der Schlüssel nicht passte

Am Sonnabend hätte gegen 22 Uhr ein Mieter einen Anruf von der Polizei bekommen. Sie habe empfohlen, gegebenenfalls nicht aufzumachen, falls es klingelt. „22.20 Uhr hat der Syrer dann aber nicht bei ihm, sondern bei uns an der Wohnungstür geklingelt“, so die Bewohnerin, die hier mit ihrem Lebenspartner zu Hause ist. „Offensichtlich“, so vermutet sie, „hatte er den Haustürschlüssel, den er damals nicht abgegeben hatte, dieses Mal dabei.“ Nur in seine seit seinem Auszug leer stehende Wohnung, in der aber zwischenzeitlich das Schloss gewechselt worden war, kam er offensichtlich nicht hinein. Sie hätten jedenfalls nicht aufgemacht, darauf verwiesen, dass sie sich erst anziehen müssten. „Sie müssen“, so erinnert sie sich weiter, „mindestens zu zweit gewesen sein, denn wir haben es wispern gehört.“

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Die Einsatzkräfte der Polizei seien wenig später vor Ort gewesen und hätten auch in der Nacht zu Montag noch mal an ihrem Haus mit Taschenlampen gesucht. „Die haben eine gute Arbeit geleistet“, sind sich die Nachbarn einig. Auch wenn der netten alten Dame noch die Aufregung in den Knochen steckt. „Ich bin in der Nacht zum Sonntag vom Lärm aufgewacht.“ Den haben allerdings Einsatzkräfte gemacht, die die verschlossene Wohnungstür neben meiner aufgebohrt haben. „Ich habe das aber zuerst nur gehört, nicht aufgemacht, aber den Hausmeister angerufen, der dann auch rüberkam“, zittert ihre Stimme selbst jetzt noch beim Rückblick auf die Nacht.

Syrer zog 2015 nach Eilenburg

Zunächst hatte der Syrer 2015 im Stadtteil Mitte in einer Wohngemeinschaft gelebt. Ein 28-jähriger Landsmann, der damals ebenfalls in Eilenburg wohnte, reagierte auf das Fahndungsfoto am Wochenende entsetzt: „Wir waren geschockt, als wir realisierten, dass er es ist.“ Dass Dschaber al-Bakr damals, im Sommer vorigen Jahres, schon solche Ideen hatte, glaubt er nicht. Er war um einiges jünger als seine Mitbewohner in der Wohngemeinschaft im Eilenburger Samuelisdamm und habe sich nicht so richtig erwachsen verhalten, sich eher darum gekümmert, ob es irgendwo freies WLAN gibt, um kostenlose Filmchen herunterladen zu können, und er habe permanent am Handy gespielt.

Er war der Erste in der WG, der seinen Aufenthaltstitel bekam. Die anderen waren da fast erleichtert, dass er auszog.  „Und er war ziemlich froh über seine Wohnung. Die Einrichtung hat er selbst angeschafft. Er hat aufgepasst, dass da kein Kratzer rankommt. Verhält sich jemand so, der vorhat, wegzugehen? Selbst für einen extra Deutschkurs in Leipzig hatte er sich angemeldet“, so der 28-jährige Syrer. Aber dann muss wohl etwas mit ihm passiert sein.

Nach Fahrradunfall in Leipzig abgetaucht

„Es mag für ihn nicht einfach gewesen sein, hier anzukommen. Was natürlich nichts rechtfertigt“, stellt Torsten Pötzsch, Jugendsozialarbeiter in Eilenburg, fest. „Hilfsangebote von uns hat er kaum angenommen.“ Beraten wurde er zum Beispiel nach einem Unfall in Leipzig. Er war mit dem Fahrrad gegen ein Auto gefahren. Einige Hundert Euro Schaden hätte er per Ratenzahlung abstottern müssen und können. Doch Dschaber al-Bakr war dann aus Eilenburg verschwunden. Ein letztes Lebenszeichen erhielten seine Bekannten hier im Oktober 2015 von ihm. Ein Foto vom Abflug in die Türkei. Über seine Reiseabsichten teilte er nichts mit. „Dann kam nichts mehr. Wir hatten damals gedacht, dass er vielleicht nach Syrien zurück will. Das haben wir nicht verstanden. Wir dachten, er ist ein Esel: Er hätte doch hier erst einmal eine Zukunft, könnte etwas lernen“, erklärt sein Landsmann. „Wir schämen uns für ihn.“

Von Ilka Fischer und Heike Liesaus

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