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Chronist aus Eilenburg: Seit 50 Jahren ist Kurt Krause mit der Kamera dabei

Hobby Chronist aus Eilenburg: Seit 50 Jahren ist Kurt Krause mit der Kamera dabei

Kurt Krause verfolgt seit einem halben Jahrhundert das Geschehen in Eilenburg – erst mit der Schmalfilmkamera, jetzt mit dem Fotoapparat. Angetan hat es dem Autodidakten und ehemaligem Lok-Führer vor allem die Bahn-Geschichte. Endlose Meter an Filmstreife und tausende Fotos hat der 78-Jährige archiviert.

Eine Momentaufnahme aus Eilenburg.
 

Quelle: Kurt Krause

Eilenburg.  Die Eisenbahnermütze hat Kurt Krause immer griffbereit. Wenn auch nur als Schmuck zu bestimmten Anlässen. Von Berufswegen hat der ehemalige Lokführer, der unzählige Kilometer auf Schienenwegen der Deutschen Reichsbahn in der Region befahren hat, die Mütze längst beiseite gelegt. Er trägt sie, wenn er seine „Filmchen“ über die Bahn-Geschichte, wie er sie liebevoll nennt, zeigt. Festgehalten hat er aber filmisch wie fotografisch viele Ereignisse seiner Geburts- und Heimatstadt. Seit 50 Jahren ist Kurt Krause mit der Kamera dabei. Erst mit Normal-8, dann mit Super-8-mm, jetzt mit Fotoapparat.

Begonnen hat alles Anfang 1966. Kurt Krause wollte sich einen Fotoapparat kaufen. „Ein Kollege riet mir zu einer Filmkamera. Man hätte richtig Spaß in der Familie, wenn die Frau plötzlich rückwärts über die Leinwand läuft“, schmunzelt der Eilenburger. Aber ist es für einen Normalo, einen Autodidakten wie ihn, machbar, einfach so solch eine Technik zu erwerben? So mit allem Zubehör, Wechselobjektiven, Filtern, Stativ, Schneidevorrichtung, Filmprojektor, Leinwand, Schwarz-weiß-Filmen und Literatur, wie der „Anfänger“ seine Filme gestalten sollte ... Ja, das war es.

Filmen nicht immer erlaubt

Dem Hobby-Filmer werden schnell die Grenzen der bildlichen Darstellung in der DDR-Wirklichkeit aufgezeigt. „Selbst bei banalen Dingen war jemand zur Stelle, um ein Verbot auszusprechen“, erinnert sich Kurt Krause: „Ich stehe mit einem Zug in Gleis 5 gegenüber den Bahnsteigen in Eilenburg. Reisende warteten. Ein Eisenbahner mit roter Armbinde, ein Polizeihelfer, wies einen Reisenden zurecht, dass Fotografieren verboten sei. Dieser hatte aber lediglich seinen Apparat mit verschlossenem Objektiv umgehängt.“ Ein anderes Mal wurde er selbst in seinem Eifer ausgebremst. Immerhin ging es dabei um den Einsturz des großen Bergfriedes auf dem Burgberg. „Dieser stand am 21. August 1972 frühmorgens da wie mit einer Axt gespalten. Zwei Tage darauf war die Sprengung angekündigt. Die Leute strömten zu den besten Aussichtsstellen. Ich stellte die Kamera aufs Stativ und richtete sie ein. Da kam ein Mann und forderte mich auf, dies zu unterlassen. Er war weg, ich machte weiter. Nun, die Leute liefen vor die Linse, das Federwerk ließ nur 20 Sekunden Betrieb zu, das falsche Objektiv war aufgeschraubt, ehe ich auslösen konnte, war der halbe Turm unten.“

Der Job als Eisenbahner sollte ihm in all den Jahren immer wieder helfen, zu filmen, wo man dies eigentlich nicht hätte tun dürfen. Da muss Kurt Krause allerdings lächeln, ab und an nahm das Ganze groteske Züge an. 1974 war es, als die Mulde über die Ufer trat. „Als Amateurfilmer da eine Dokumentation zu erstellen, stand für mich außer Frage.“ Doch zunächst scheiterte er an profanen Dingen. Keine Filme vorrätig, es war Sonnabend, Ladenschluss. Erst zwei Tage später surrte die Kamera. An der kurz zuvor fertig gestellten Eisenbahnbrücke über den Mühlgraben drohte der Damm wegzubrechen. Feuerwehr und Soldaten versuchten, mit Plastik-Planen das Schlimmste zu verhindern. Als Kurt Krause, in Arbeitsuniform, auf den Bahngleisen die Kamera zückte, wollten ihn „Zivile“ davonjagen. Doch er drehte den Spieß einfach um. „Ich muss sie wohl mit meiner Ansage überzeugt haben, dass sie es sind, die auf dem Betriebsgelände nichts zu suchen haben.“

Illegale Aufnahmen aus dem Lokführer-Stand

Illegal entstanden sind viele Aufnahmen aus seinem Lokführer-Stand: „Das war verboten.“ Heute sind es unwiederbringliche Momentaufnahmen, die das Bahnwesen rund um die Muldestadt zeigen und heute bei Veranstaltungen auf großes Interesse bei den Eilenburgern stoßen. Selbst der MDR griff für eine TV-Dokumentation auf das Material zurück. Krause hielt fest, wie er die Zeiten der Dampf-, Diesel- und Elektroloks erlebte, er war „Eisenbahner durch und durch“. Doch trotz aller Euphorie fürs Filmen – als Eisenbahnromantiker sieht er sich deshalb nicht. Dafür war der Job zu hart.

Später gelang es ihm gar, auf dem Reichsbahngelände doch legal zu drehen. „Mein Kollege Rainer Flöter und ich wollten einen Film über den Arbeitsschutz im Lokfahrdienst herstellen. Es wurde aber nur eine Genehmigung für eine Dia-Serie erteilt. Wir stellten diese her. Aber gleichzeitig surrten die Filmkameras mit. Zu einer Sicherheitskonferenz über Arbeitsschutz 1980 konnte die Serie wegen noch nicht fertiggestelltem Text nicht vorgeführt werden. Aber wegen unserer „Cleverness“, den parallel aufgenommenen Film vorzuführen, erhofften wir für die Zukunft eine Drehgenehmigung auf Reichsbahngelände.“ Und diese bekamen sie denn auch tatsächlich.

Ein Film gewinnt, wenn ein Ton unterlegt ist. Wie vieles in der DDR waren Tonbandgeräte schwer zu haben. „Ein gebrauchtes Vierspurgerät konnte ich im RFT-Geschäft am Markt erwerben. Nun wurden die ersten zwei Filmchen mit Text, Musik und Geräuschen unterlegt. Allerdings liefen Film und Ton nicht synchron. Ein selbstgebauter Synchroner schaffte etwas Abhilfe. Originalgeräusche konnten mit einem Kassettenrecorder aufgenommen werden. Das wertete die Filme auf und man konnte sie über den privaten Rahmen hinaus zeigen.“

Auch bei Wettbewerben erfolgreich dabei

Kurt Krause, der das Filmen vor allem immer als sein Hobby ansah, erkannte schnell, dass auch dies reizvoll sein konnte. Gewissermaßen ermuntert vom Amateurfilmclub des Eilenburger Chemiewerkes, dessen Arbeit ihn faszinierte, stellte er seine filmischen Werke bei republikweiten Wettbewerben vor. Noch heute ist er stolz darauf, dass er mithalten konnte und den einen oder anderen Preis bekam. Selbstverständlich war das aber nicht, denn bei „vielen Teilnehmern stand schließlich eine Organisation dahinter mit technischer, finanzieller und künstlerische Unterstützung. Zudem verfügten sie über 16-mm-Technik, ich nicht.“ Erstmals öffentlich auf trat er 1973 bei den Oberhofer Amateurfilmtagen mit einem Streifen über das Schaffen des Blasmusikorchesters des ECW, in dem er selbst als Posaunist mitwirkte. Eine Lehrstunde, wie er heute sagt. „Erst dort erkannte ich, was ein Amateurfilm sehenswert für die Öffentlichkeit macht. Eine nachvollziehbare Handlung, kurze Szenen, ruhige Kameraeinstellungen und einiges mehr.“ Waren es anfangs vor allem Familien- und Urlaubsaufnahmen, die er verarbeitete, widmete er sich später speziellen Themen. Gern erinnert er sich an den kleinen Trickfilm über verschmutzte Gewässer, die bei den Badenden Verätzungen hinterließen. Auf Gegenliebe stieß das nicht: „Das war ja verpönt, sich so zu äußern.“ Doch selbst, wenn es systemkonforme Themen gewesen wären: Als Einzelner hatte man weniger Preis-Chancen als im Kollektiv, erst recht, wenn man wie Kurt Krause, über all die Jahre eisern bei der 8-mm-Technik blieb.

Nach der „Wende“ gab der Eisenbahner das Schmal-Filmen endgültig auf. „Ich hatte zwar mit einer geborgten Videokamera ein paar Filmchen hergestellt und an Amateurfilmtagen teilgenommen, aber viele dort gezeigten Filme entsprachen nicht mehr meinen Vorstellungen eines über Jahrzehnte erlernten und bis dato gültigen „Handwerkes“. Also genauer gesagt, ich konnte mich mit der neuen Technik und vor allem mit den daraus resultierenden neuen „Regeln“ nicht anfreunden“.

Aus dem Filmer wird der Fotograf

Aus dem Hobby-Filmer wurde schließlich der Hobby-Fotograf. Noch immer hält Kurt Krause fest, was ihm vor die Linse kommt. Alltägliches, nichtalltägliches. Der heute 78-Jährige schwingt sich immer mal wieder aufs Rad, die DigitalKamera meist dabei. So verfolgte er über zehn Jahre lang den Bau der Ortsumgehung Eilenburg oder das Hochwasser 2002, um nur einiges zu nennen. „Daraus entstehen dann auch mal kleine Filmchen, die sicher mal ein Plätzchen in der Ortschronik finden werden“, hofft er. Ein Podium, das weiß Krause, findet sich immer. Seine Streifen laufen zu Anlässen wie Museumsnacht, Weihnachtsfeiern, Seniorentreffs. Krause ist gefragt, wenn es um Vorträge oder Diskussionen über die Eisenbahn geht. Die MuseumsVeranstaltung im Februar zum Thema „Von der Dampf- über die Diesel- bis zur E-Lok“ stieß auf riesiges Interesse. Immer und immer wieder zeigte er den Streifen. Schon früher hatte er Vorträge bei Urania, der damaligen Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, gehalten, unter anderem übers Hochwasser 1974, eine Reise nach Leningrad und Mittelasien.

 Mittlerweile hat er Tausende Bilder angesammelt. Langeweile kommt edshalb im Hause Krause auch nie auf. Das Material, oft hat er zig Fotos zur Auswahl wird gesichtet, zusammengestellt, archiviert und so aufgearbeitet, dass es für ihn aber auch andere sehenswert ist. Ist er nicht mit dem Fotoapparat unterwegs, „computert“ er deshalb viel am heimischen Gerät. Dank der neuen Technik hat er auch das erhaltenswerte Schmalfilm-Material digitalisiert und auf DVD gebannt.

Von Kathrin Kabelitz

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