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Dauer-Stress und Dauer-Hoffnung in Eilenburg

Dauer-Stress und Dauer-Hoffnung in Eilenburg

Das öffentliche Leben in und um Eilenburg steht still. Am Sonntagabend ist eingetreten, wovor viele Angst hatten: Die Innenstadt wird evakuiert, keiner weiß, ob der viel gepriesene Hochwasserschutz hält.

Eilenburg. Mit jeder Minute wächst die Sorge, aber auch die Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommt wie befürchtet.

Gespenstische Stimmung am Sonntagabend in der Innenstadt. Über Internet fordert die Verwaltung die Menschen auf, die Innenstadt zu verlassen, sich zu Verwandten oder in Notunterkünfte in den Schulen auf dem Berg und in Ost zu begeben. Wenig später fahren Funkstreifenwagen der Polizei durch die Straßen, per Lautsprecher wird untermauert: "Es ist nicht auszuschließen, dass Wasser in die Innenstadt gelangt." Im Minutentakt verlassen Krankenwagen das Gelände vor dem DRK-Pflegeheim, die Menschen werden ins Notquartier gebracht. Geschäftsinhaber verriegeln ihre Läden, sichern sie mit Holzplatten, räumen Waren in obere Regionen oder das Ladenlokal ganz leer. Immer wieder fahren Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und der Polizei durch die Stadt, der grelle Schein der Rundumleuchten durchbricht die anbrechende Dunkelheit. Die Befürchtung, dass gegen 1 Uhr in der Nacht zum Montag die Dämme überlaufen, bestätigen sich nicht.

Alle Deiche und Hochwasserschutzmauern haben bisher Stand gehalten, heißt es am Montag, 8 Uhr. Dennoch laufen die Evakuierungsmaßnahmen weiter. 70 Prozent der Bevölkerung sind noch in der City, heißt es Montag. Maja und Ronny Buchmann haben seit 2005 ein Haus in der Friedrich-Ebert-Straße. Bereits am Sonntag haben sie die Kellerräume leer geräumt und die Fenster abgedichtet. Das Haus steht einen Meter über dem Erdboden, dass das Wasser im Falle eines Falles in die oberen Etagen gelangt, glauben sie nicht. Trotzdem stapeln sie Sandsäcke. "Die Säcke gab es bei der Feuerwehr, wegen des Sandes zum Füllen mussten wir lange rumtelefonieren", so Buchmann. Lutz Janke, Inhaber des Rialto sicherte noch am Mittag sein Lokal mit Paketband und dicker Folie. "Sandsäcke waren bei der Stadt leider nicht mehr zu bekommen. So müssen wir eben improvisieren. Die schweren Blumenkübel werden nun die Folie zusätzlich an den Boden drücken." Dass das hält, da ist sich Lutz Janke ziemlich sicher. "2002 hatten wir hier 70 Zentimeter Wasserstand und drinnen alles trocken - zumindest so lange, bis hinten eine Scheibe brach." Mit Folien abgedichtet wurde zum Schluss auch noch die Eingangstür, hinter der Pizzabäcker Pepe Petric notfalls für Tage die Stellung halten will.

Hier und da laufen Menschen mit gefüllten Plastiktüten gen Mühlgrabenbrücke oder ziehen Koffer stadtauswärts. Konzentriert, aber keinesfalls hektisch. Auf der Brücke sperren Polizisten ab, verteilen Handzettel, auf denen Anwohner auf den Ernst der Lage hingewiesen werden: "Es besteht akute Gefahr, dass Deiche den Wassermassen nicht standhalten." Max Rainer Klepel und Ehefrau Irene halten ihr Lebensmittelgeschäft noch immer offen, auch, als die Straßen menschenleer sind. "Wir müssen doch die Versorgung für die Menschen gewährleisten, die hier bleiben", so Irene Klepel. Sie könnten im Ernstfall zudem auf Hilfe von Bekannten und Verwandten bauen.

Über die Website hält die Verwaltung die Eilenburger auf dem Laufenden. Immer wieder ist von Stromabschaltungen die Rede. Die Kameraden der Eilenburger Freiwilligen Feuerwehr, seit Tagen mit Pumpen und Deichläufen im Dauerstress, füllen Sandsäcke, "die überall an Schwerpunktstellen in der Stadt verteilt werden", so Wehrleiter Gunter Kneiß.

Auf der Mühlgrabenbrücke verfolgen den ganzen Tag die Menschen das Geschehen. Unter ihnen der rauschende Fluss, nur noch Zentimeter fehlen bis zur Brücke. An der Mauer können sie sehen, ob der Pegel fällt oder sinkt. Mühlstraße, Jahnplatz, Teile der Fischeraue sind bereits voll Wasser gelaufen. Die Innenstadt ist trocken. Und in Eilenburg wächst die Hoffnung, dass es so bleibt. Sagen kann das zu diesem Zeitpunkt - Stand 19 Uhr - niemand.

Kossen im Wasser Für Günter Posern und sein Frau beginnt alles wieder von vorn. 2002 stand ihr Haus im Jesewitzer Ortsteil Groitzsch unter Wasser. Seit Montag, 9.10 Uhr, wissen beide, dass der Behelfsdamm, der noch am Vortag von Feuerwehrkameraden erbaut wurde, nicht gehalten hat. Mindestens zehn Häuser stehen im Wasser: "Gleiche Höhe, gleiche Katastrophe. Und dabei haben wir so lange gebraucht, bis alles wieder in Ordnung war. Allein vier Jahre hat es gedauert, bis das Mauerwerk abgetrocknet war." Schuld sei der Konflikt um die Brutzeit des Seeadlers, die zum Baustopp am Flügeldeich führte. "Leider sind ja hier nur 30 Leute betroffen", bricht es aus dem Vorruheständler, der 19 Jahre bei Stora Enso gearbeitet hat, frustriert heraus. Und trotzdem hat er großen Respekt vor dem Leid, das in der Region anderen widerfährt: "Das ist schlimm, das muss man ganz deutlich sagen."

Die Poserns sind in der Wildsau in Gotha untergebracht. Wann sie zurück können, wissen sie noch nicht. Was sie erwartet, auch nicht. Das Wasser stehe mindestens 1,20 Meter im Haus. Nur eines wissen sie: Sie müssen wieder ganz von vorn anfangen und auf Hilfe hoffen. Leicht falle es nicht: "Wir sind elf Jahre älter geworden."

ka / if / kr

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Eilenburg in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 46,85km²

Einwohner: 15.452 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 330 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04838

Ortsvorwahlen: 03423

Stadtverwaltung: Marktplatz 1, 04838 Eilenburg

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